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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-17 · Heft 33 (17.8.1894) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 „Werde ich weiter lernen. Was glaubt Ihr, Reb Jizchak, daß ich so leben werde >vie meine Eltern? Daß ich Lust habe, gleich^ einer schlechten Maschine sechzehn Stunden täglich in einer dumpfen ’ Stube an Bauernmntzcn zu arbeiten? Oder daß meine Frau sich ihr Leben lang mit Dorfweibern wegen Eiern und Zwiebeln herumschlagen wird, wie Eure Mutter? So dumm bin ich nicht." „Was den» wirst Du werden?" „Ich werde Doktor werden und Menschen kuriren; oder Ingenieur will ich sei», werde Brücken, Eisenbahnen bauen und Fabriken leiten." „Ja, aber bis Du so weit sein wirst?" „Eh was, bin ich denn der Einzige? Ich bin der beste Schüler," rief der tapfere Junge stolz. „Mir haben die Lehrer Unterstützung und Stunden versprochen. Es wird schon werden!" Und zur Bekräftigung dieser Worte erzählte Schlojme die Lebensgeschichte vieler Leute, welche aus einer Lehmhütte hervorgegangen, später Lehrer und vergötterte Meister in ihrem Lande geworden waren»' „Jedenfalls," fügte der Student hinzu, „werde ich Amerika nicht entdecken, aber wie ein Thier werde ich nicht leben," „Ach, wer weiß, tote manches Amerika noch seines Entdeckers harrt," dachte Jizchak in diesem Augenblick. „Ich könnte vielleicht auch ein neues entdecken, oder meine Brüder in langst bekannte, ihnen aber fremde Länder führen." Er verfiel in düsteres Sinnen. Mit welcher Befriedigung hatte ihn ehemals das Ueberwinden der talmudischen Kasuistik erfüllt, wie groß und verdienstvoll sah er sich in seinen Zukunftsträumen, wenn er nur annehmen konnte, daß es ihm gelingen dürfte, manches Räthsel zu ergründen. — Und jetzt — eine Thräne hing an seiner Wimper. Woran hatte er seine schönsten Jünglingsjahre vertrödelt? Wozu hatten seine vieljährige Forschung und Anstrengung genützt? Jetzt scheint ihm dieser elfjährige Knabe ein Weiser, seine Kenntnisse ein Königsschatz, seine Aussichten paradiesisch zu sein. Kann denn die Menschenseele Besseres verlangen? Unablässig aus dem Borne des Wissens zu schöpfen, — in das verhüllte Antlitz der Welt und der Natur zu blicken? — Werke zu schaffen, welche den Menschen bereichern, erheben, veredeln, sein Dasein verschönern werden? Welch' wonnige Gedanken, welch' erhabene Zivccke! „Was aber bin ich?" . rief er verzweifelt. „Was kann ich werden? Das, was mein Vater und meine Schwäger sind, was dieser ganze Haufen unserer Gemeinde ist. Und ewig werde ich im Elend und in Finsterniß leben. Während Andere immer höher steigen, nette Welten entdecken, Telegraphen und Gott weiß, was noch mehr erfinden, kenne ich nicht einmal einen kleinen Theil der Erde."/ Licht, Licht! träumte er iinmerfort, da er das Wort nicht laut auszttsprechen wagte. Und die Tage, die er beim Talmud über ganz untalmudischen Gedanken verbrachte, schlaflose Nächte, wo er den üppigsten, wildesten Phantasiegebilden zum Opfer fiel, sie wurden' ihm zur unerträglichen Qual. Doch diese Schmerzen freulen ihn trotzdem. Bester sind sie immerhin als diese Gedankenlosigkeit, als dieses Faule» bei lebendigem Leibe — dachte er — namentlich, da ich mich noch rechtzeitig ermannt habe, da mein Morgen noch nicht verloren ist. (Fortsetzung folgt.) Sprechscral. ^Mit Bezug auf die von Herrn I. Eichend erg in Kiel aus der „Allgemeinen Buchhändlerzeitung" reproduzirte Notiz erlaube. ich mir. Ihnen Folgendes zur Berichtigung mitzutheilen: Die „Halberstädler Zeitung und Jntelligenzblatt" brachte über zwei hier stattgefundene antisemitische Versammlungen, in welchen Förster seine üblichen Hetzreden gehalten hatte, Berichte mit ausführlicher Wiedergabe der Försterschen Reden, ohne eine mißbilligende Bemerkung. Von einer später stattgefundenen deutsch-freisinnigen Versammlung brachte dieselbe Zeitung ein Referat, welches, alles Dasjenige nicht enthielt, was der betreffende Redner in eingehender Weise gegen den Antisemitismus und dessen Führer in Deutschland vorgetragen hatte. Da nun die Haltung der Zeitung schon seit Jahren eine den Juden nicht wohlwollende genannt werden mußte, indem oft Verletzendes, fast niemals Ehrendes für die Juden darin stand, trafen Kaufleute jüdischen Glaubens die Verabredung, ihre bedeutenden Geschäfts-Inserate der Zeitung nicht ferner zuzusenden. Sie gingen von dem Standpunkt aus, daß sie eine Zeitung nicht finanziell fördern wollen, die, wenn auch nicht von antisemitischer Tendenz, doch sich zum Mundstück der antisemitischen Hetzereien machte. Nachdem der Eigenthümer der Zeitung von dieser Verabredung unter den Kaufleuten jüdischen Glaubens erfahren hatte, hat er sich bemüht, zur Kenntniß der Interessenten zu bringen, daß er dafür Sorge tragen werde, daß künftig aus der Zeitung alles Verletzende für die Juden fern gehalten werde, und, allem Anschein nach, ist auf dieser Basis das frühere Verhältniß zwischen der Zeitung und den betreffenden Kaufleuten wieder hergestellt.' Für die „Allgemeine Luchhändler-Zeitung" lag somit kein Grund vor, diese Angelegenheit aufzuwärmen, sie hätte sich beim betreffenden Besitzer informiren können und dann sicher das Richtige erfahren. Ich nehme nicht an, daß eine „Allgemeine Buchhändler-Zeitung" von einer Partei-Tendenz beeinflußt wird, halte es aber nicht der Mühe werth, dieser eine Berichtigung zu schicken. Halberstadt, im August. I. -ft (E^olgendes Kuriosum dürfte von allgemeinem Interesse sein: In Köln besteht eine Fabrik unter der Firma: „Rheinisches Sensen-Versandthaus, A. Würtenberg & Co." Gegen diese Firma, deren Inhaber als rechtliche Leute gelten, werden gegenwärtig Circulare mit dem gemeinsten antisemitischen Inhalt versandt. Unter Anderem folgendes: „Besonders warnen wir vor jenem galizischen Schwindler, welcher schlauer Weise nach Deutschland ausgewandert ist, wo er seinen patriarchalischen Namen hinter derurdeutsch und patriotisch klingenden Firma: „Rheinisches Sensen-Versandthaus" verbirgt und gegen ausländische Sensenfabriken mit Warnungen auftritt, um dadurch von sich selbst jeden Verdacht abzulenken. Zudem beschäftigt sich dieser galizische Lump das ganze Jahr mit dem Verkauf von Zahnstochern und Spielpuppen in seinem 10 Pfennig- Bazar u. s. w." Gegen eine andere Firma lauten die Circulare: „Den Ruhm unserer Karpathensensen bestreben sich in diesem Jahr zwei „Talmudjuden" in Tarnopol (Galizien), der eine gewesener Kellner, der andere ein Talmudlehrer in einer jüdischen Schule, Beide ohne Vermögen und Fachkenntnisse, aus eine betrügerische Art für sich auszunutzen. „Einer von ihnen macht jetzt.Versuche, um in Verbindung mit andern galizischen Juden unter fremder Firma in Kolomea neuerlich das Glück am Sensenhandel zu erproben." Diese Circulare sind aber nicht nur in über 160,000 Exemplaren unter das deutsche und polnische Landvolk verbreitet worden, sondern wurden auch von dem Verfasser an die antisemitische Buchhandlung in Köln gesandt, welche dasselbe an ihrem Schaufenster angeklebt hat. Wir haben uns die Mühe gegeben, die Urheber dieser schändlichen Machwerke zu ermitteln, um deren Bestrafung herbeizusühren, und waren nicht wenig erstaunt zu erfahren, daß dieselben die Herren Elieser und David Münzer aus Drohobycz in Galizien sind, deren Namenszugehörigkeit leider keinem Zweifel unterliegen dürfte, und die also mit den Haß schüren, der gegen die eigene Existenz gerichtet ist! Die Firma, welche in dieser Weise Geschäfts-Antisemitismus treibtist die in Wien und Paris bestehende Sensenhandlung Münzer & Co. Köln, im August. B. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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