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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-17 · Heft 33 (17.8.1894) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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^*u,^‘Vry vw- -rrsPiZ '* ' 395 lesen, schreiben und rechnen lerne, hatte man ihm jedoch verschwiegen. Uebrigens, was liegen denn auch darin für „Chochmes?" (Weisheit.) Eines Abends begegnete Jizchak dem „Schulbuben", wie er ans einem offenen Schnlbnche .verschiedene, dem „Gesetzeskundigen" ganz unverständliche Ausdrücke paukte. Die Gemüthsstimmung, in der sich unser „Gelehrter" zu jener Zeit befand, näherte ihn jetzt dem lernenden Knaben. „Was machst Du, Schlojme?" „Ich lerne, Reb Jizchak, entgegnete der elfjährige Bursche, „denn wir haben Prüfung in vierzehn Tagen." „Was lernst Du eigentlich?" ■ Sehr überrascht, daß der chassidische Bachur sich mit ihm in ein Gespräch einlaffe, erwiederte der Kleine: „Ich wiederhole jetzt die Physik." „Was heißt das?" „Das heißt, das heißt ... jetzt lerne ich zum Beispiel," — und hier begann er aus seinem Buche in die jüdische Mundart zu übertragen — „daß der Regenbogen in Folge der Strahlenbrechung und Zerstäubung in den Tropfen der Regenbogenwolke entstehe. „Was redest Du, was? Gott sendet ja den Regenbogen!" „Ich weiß nicht, Reb Jizchak, so steht es in meinem Buche." Schlojme, welcher der beste Schüler in seiner Klasse war, erläuterte ihm hierauf das ganze Wesen dieser Erscheinung lind fügte noch hinzu, wie ihm der Lehrer dieses an einem, gegen die Sonnenstrahlen gehaltenen Glase Wasser bewiesen habe. Jizchak entfernte sich eiligst. Er war sehr überrascht. So wäre also der Regenbogen blos die natürliche Folge ganz gewöhnlicher Ursachen, und die heilige Schrift lehrte ihn doch, daß Gott den Regenbogen zu allererst dem Roa als Friedenszeichen sandte, und ihn jetzt noch der Welt als Mahnung an seinen Zorn und seine Huld erscheinen lasse. Am nächsten Tage begab sich Jizchak wieder zum kleinen Studenten. Er erfuhr, daß die Welt bereits seit Millionen von Jahren existire. Der Talmlidschüler lachte höhnisch auf. Ist es doch in der Thora bewiesen, daß die Erde vor fünftausend sechshundert und einigen fünfzig Jahren erschaffen wurde. „Das ist sehr leicht möglich," erwiederte der Kleine mit Seelenruhe. — „Aber was kümmert mich das? Ich habe nur meine Lektion zu lernen. Und im Buche ist gedruckt, daß die Welt so alt sei, und es sind sogar Beweise dafür. Wollt Ihr hören?" Mit der äußersten Anstrengung seiner geistigen Fähigkeiten folgte Jizchak den geologischen Ausführungen seines Meisters. Jedes geringe, die Wahrheit erhärtende Sandkorn fiel mit zermalmender Wucht in die Brust des Jünglings, ihm Freude und Schmerz verursachend. Am dritten Tage suchte er den Kleinen wieder auf. „Was lernst Du heute?" „Vom Blitz," — und er erklärte ihm im Jargon die betreffende Stelle aus seinem Buche. Wieder mußte Jizchak schwer kämpfen, um mit seiner bisherigen Ueberzeugung, daß Donner und Blitz Gottes Rache und Mahnwerkzeuge gegen die sündige Menschheit seien, fertig zu werden. So sind denn — dachte er — diese Erscheinungen blos das Ergebniß der Reibung gewisser Naturkräfte und erfolgen ohne jede Absicht! Am vierten Tage erwartete er mit Sehnsucht den Schlojme. „Was hast Du heute gemacht?" „Ich habe das Kapital über das Erdbeben wiederholt." „Nun?" Bis jetzt hatte er geglaubt, die Erderschütterungen seien nicht mehr Drohungen, sondern schon Gottesstrafen für unsere Sünden. ' Er erinnerte sich auch an jene Auffaffung, welche das Erdbeben den Bewegungen des Leviathan oder dem Aufruhr Korahs und seiner Rotte in ihrem unterirdischen Aufenthalt zuschrieb . . . und nun! Jizchak erfuhr auch, daß Ebbe und Fluth durch die Anziehungskraft von Sonne und Mond bedingte Erscheinungen waren. Wieder entstand eine Bresche in der Mauer seiner Rechtgläubigkeit. Später erzählte ihm Schlojme von der Natur und Kraft des ’ Dampfes und der Elektrizität. So waren denn die Schleier von den Geheimnissen der Eisenbahn, der Telegraphenleitungen und Fabriken gefallen. Jede neue wissenschaftliche Erfahrung war ein Blitzstrahl, welcher das morsche Gebäude seines blinden Glaubens zerstörte und seinen Gesichtskreis erhellte. Die Gespräche mit dem begabten Knaben hatten Jizchak auf ganz andere Bahnen geführt. Durch die geöffneten Fugen drang -mächtig das Licht auf seinen urtheilenden Sinn ein. Angeborenes Talent, stark entwickelte Fähigkeit des logischen Denkens und Intuition reichten nun einander die Hände, um ihn vorwärts zu drängen.... Im Kampfe mit dem Gespenst der Tradition und der nagenden Zweifel schritt er über Dornen und Disteln hinweg, immer vorwärts, immer höher. Jetzt begann in ihm die Idee zu tagen, daß die Erscheinungen der Natur weder zufällig, noch auch Werkzeuge einer , bloßen Willkür seien, sondern daß sie untereinander mit dem ganzen Weltall durch eine gleichsam mechanische Kette von Ursachen und Wirkungen verbunden sind, und daß die richtige Erkenntniß derselben — Weisheit, ihre Anwendung zum Wohle der Menschheit — Zweckmäßigkeit bedeute... Diese, im schweren Kampfe mit seinein eigenen Ich verlebten Momente schienen ihm ebenso viele Jahre zu sein; so viel hatte er : während ihrer Dauer gelitten und nachgedacht. Wo ist die Wahrheit, wo? Nicht lange schwankte die Wagschale. Schon war er ein Anderer geworden. Als er sich dies zum ersten Mal sagte, überkam ihn eine tiefe .Rührung. Niedergeschlageli saß er vor dem Hause. Schwarz wie ein Leichentuch wölbte sich über ihm der Himmel; kein Stern erglänzte darauf. Um ihn ließ sich keine Stimme vernehmen. Jizchak fühlte sich plötzlich sehr einsam und verlaffen. Er kannte kein Wesen, , dem er die Geheimnisse seiner Seele, seine Qualen und Freuden entdecken dürfte, keinen Menschen, der ihm einen Pfad zum Weitergehen gezeigt hätte. . . . Ein entsetzliches Weh preßte ihm das Herz - zusammen, der finsteren Nacht vertraute er seine glühenden Seufzer, zuletzt brach er in heißes, erschütterndes Schluchzen aus. Er weinte am Grabe des alten Jizchak. Es währte dies ziemlich lange, doch fühlte er sich ein wenig erleichtert. Als er in die Stub; trat, warf er sich auf seine harte Pritsche und dachte an die neuen Wunder, die er jüngst kennen gelernt und welche in ihm den heißen Drang erweckt hatten, eine Stufe wenigstens der zu Licht und Wahrheit führenden Leiter zu erklimmen. Täglich traf er nun mit seinem jungen Nachbar zusammen. In -.der Fähigkeit des Denkens ihm weit überlegen, besaß Jizchak kein wissenschaftliches Material, um welches er seinen kleinen Meister herzlich beneidete. Eifersüchtig beinahe blickte er auf den Knirps, als dieser hüpfend und freudestrahlend ausrief: „Ich bin der erste Vorzugsschüler, ich habe die Schule beendet!" „Und was wirst Du nunmehr beginnen?" „Ich werde Weggehen, um eine höhere Schule zu besuchen." „Und dann?"

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