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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-17 · Heft 33 (17.8.1894) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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394 § iiHunmmm IMuBJimTTi w --ii— rV2l0!IIIIM,UII0!INNlMlUIIII!I»UI!»IUM»lII»M»M«»I«I»tUMNUI»»I»UIIMN0IIMIUUII»Mt»IttlNUII»IM«MrV^k I «yra MWWMwMnMMmWMMlMWWmmMMMIIIiMMMnIIIMMMnIklWWIiMMI fj MuMMIM I $ 1 FEUILLETON | J m imiiwn vii, MuSnOT —i i— j---—-------11 MMWMlW IWiMMlLO Der Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) t lX. eber den glühenden, begeisterten Talmndjünger hatte die Welt plötzlich einen Strom kalten Wassers gegossen; dieses hatte seinen religiösen Eifer abgekühlt und das Räderwerk seiner Gedanken in rascheren Schwung gebracht, gleichzeitig alle Grundmauern seiner früheren Begriffe fortreißend. Als er sich mit dem Lohnfuhrwerk langsam nach seiner Heimathsstadt schleppte, führte ihn sein Weg durch eine der größeren Städte Galiziens. Zum ersten Male gewahrte er ein Stück europäischen Lebens; schöne Häuser, glänzende Auslagen, eine» angenehmen, zierlichen Garten, Geräusch und Bewegung, Reinlichkeit und Ordnung in den Straßen. An den bedeutenderen Punkten der Stadt erschienen ihm die Menschen in anderem Lichte, sie waren schön gekleidet und hatten ein vornehmes Aussehen. Im Garten hörte er Musik, die ihn so innig berührte. All dies Schöne, Ordnung und die nie gekannten Wunder der Baukunst und Industrie stimmten ihn nachdenklich. Mit weit geöffneten Augen starrte der Jude, welcher zuin erstenmal sein Mauseloch verlasse» hatte, diese Wunder an. „Warum ist cs bei uns nicht so schön?" murmelte er. „Es wäre ja viel schöner und würde dem lieben Gott nicht schaden! Was hat auf diesen Ort eingewirkt, daß er mir lvie eine andere Welt vorkommt?" Jizchak sah noch die Gasbeleuchtung, die Eisenbahn, Telegraphenleitung und eine große, von hunderten von Arbeitern wimmelnde Fabrik. Seine Reisegefährten sprachen von all' diesen Dingen. Der Eine sagte, daß er mit Wagen zwei Tage nach Hause fahren müffe, während er mit der Bahn nur fünf Stunden dazu benöthigen würde. Der Zweite erzählte, daß er die freudige Nachricht, die er mit sich führe, seiner Familie erst nach drei Tagen mittheilen würde, während der Telegraphendraht dies in wenigen Viertelstunden thäte, er habe aber kein Geld dazu. Der Dritte sprach von einer Fabrik, welche einer großen Anzahl armer Familien Nahrung giebt und außerdem viel billigere und bessere Geräthe, als die bis jetzt erzeugten, produzire. Ein Vierter pries das Telephon, das den Klang der Sprache mit Blitzesschnelle weiter trägt. Wenn der Mensch all' diese Wunder ausnützt, erwog Jizchak, muß er doch ein viel bequemeres Leben führen, gewinnt er an Zeit und hat einen freien Kopf zur Arbeit und zum Studiren. Warum werden diese Wohlthaten nicht einem Jeden zu Theil, warum können nur Wenige davon Nutzen ziehen, während die Mehrzahl keine Ahnung von ihrer Existenz hat. Aber ... aber ... wie sind denn all' diese Zauber entstanden? Durch welche Kräfte werden diese wunderbaren Vorrichtungen gelenkt!? Die Erfindungen der Industrie, die Kinder der Wissenschaft, erschienen seiner Phantasie in strahlende Wundergewänder gekleidet. Aber nur in seiner Einbildung, im Geiste des unerfahrenen Jünglings. Eine alte Jüdin, deren Zunge durch die ganze Dauer der Reise nicht ruhte, sprach mit tiefer Ueberzeugung, daß die Eisenbahn ein — Werk des Teufels sei. Im ersten Wagen sitzt der Teufel und schmaucht sein Pfeifchen, daher der Rauch; er pfeift, daher der schrille Tou der Maschine; unablässig bewegt er die Hände, — an seinem Schweif sind die Wagen befestigt und der ganze Höllenspuk ist fertig. Aber dieser Philosophie schenkte Jizchak nicht den geringsten Glauben. Dagegen leuchtete ihm die Erklärung eines Mitreisenden Kaufmanns ein, daß der Dampf die Kraft sei, welche den Eisenbahnzug in Bewegung setze. Dieser Jünger des Merkur erzählte nämlich, wie ein „Melamed" eines Tages einen kochenden „Samowar" (Theemaschine) in ein Kinderwägelchen gestellt habe, und wie letzteres plötzlich von dem hervorbrechenden Dampfe vorwärts gestoßen worden sei. Was ist aber dieser Dampf? auf welche Weise wirkt er? Dies wußte Niemand zu beantworten, ebenso wenig, wie sie das Wesen der anderen, gesehenen Erscheinungen zu ersoffen vermochten. Die Neugier quälte Jizchak in hohem Grade, und so versank er seit seiner Pilgerfahrt zum Zaddik in immer tieferes Nachsinnen. Die wiffenschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der neueren Civilisation hatte ihn blitzartig berührt, ihr Berhältniß zu den. Schichten, denen er enstammte, ersüllte ihn mit Wehmuth und Schmerz. Am tiefsten kränkte ihn jedoch die Wahrnehmung, daß es in der ganzen ihm bekannten biblischen und talmudischen Litteratur nicht einmal eine Erwähnung solch außerordentlicher Angelegenheiten gab. „Wie denn," dachte er, „sollte ich zwischen all' diesen Strömen der höchsten Weisheit kein einziges Eiland finden können, auf dem der durch fruchtloses Suchen ermüdete Geist auszuruhen vermöchte? Oder sind es vielleicht keine lebendigen Quellen entströmende Fluthen, sind es todte sich nie erneuernde Sümpfe, in denen dein Geist blos versinkt, ohne vorwärts zu schreiten und sich zu erfrischen? Wie ist es beim, werde ich in diesen, unter der göttlichen Eingebung entstandenen Büchern keine Erklärung finden für Dinge von solch' gewaltiger Bedeutung, und für ganz gewöhnliche, weil allgemein benützte Gegenstände?" Und er dachte weiter. Zur Zeit, als die heiligen Schriften entstanden, gab es weder Eisenbahnen noch Telegraphenleitung. Um diese zu schaffen, bedurfte es größeren Wisiens. So sind denn diese heiligen Bücher nicht die Quinteffenz der Allweishcit? So ist denn ihre Weisheit beschränkt? Wo ist sie also zu suchen? Und all' seine Gedanken drängten sich um die Fragen zusammen: Welchen Standpunkt sollen wir angesichts der Hauptbedingung der heiligen Gesetze bewahren, daß unser ganzes Leben den göttlichen Wiffenschaften zu widmen sei? Und wo haben wir die Ergänzung unseres Wisiens, wo jenes Licht zu suchen, welches uns das gegenwärtige, wirkliche Leben erhellen soll? „Nach diesem Lichte lechze ich, sehne ich mich mit all' meinen Fasern," wiederholte er sich seither und verfiel in immer tiefere Trauer, denn er wußte nicht, woher ihm ein hellerer Strahl kommen würde. Und um ihn ward es täglich dunkler. X.s In der Nachbarschaft der Grass wohnte eine Handwerkerfamilie, deren Sohn die Bürgerschule des Städtchens besuchte. Auf diesen „Schulbuben" hatte Jizchak bis nun verächtlich und geringschätzend herabgeblickt, denn es war ihm stets eingeprägt worden, daß man in der Schule die Seitenlöckchen mit glühenden Kohlen sengt, und die Schüler gezwllngen sind, am Samstag zu schreiben, daß man dort

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