Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-17 · Heft 33 (17.8.1894) · p. Seite 391

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
Seite 391 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228074--51043-3273885
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

391 G. S. Loewe (Hamburg 1837—40) ist in den meisten Bibliotheken zu haben. Es ist nicht wahr, daß der Schulchan-Aruch in den jüdischen Schlllen Badens zum Jllgendunterricht verwandt wird. Der Auszug aus dem Schulchan Aruch, der in einer einzigen Handelsschule zu Baden in Anwendung kam, enthält in der That nur rein ethische Vorschriften, genau so wie jeder deutsche Katechismils. Ein Bild von dem Geist und Charakter der beim jüdischen Religionsunterricht gebräuchlichen Katechismen hat sich aber das preußische Unterrichtsministerium schon gemacht. ohne auf die „Grenzboten" zu warten, deren Wahrhaftigkeit durch diese Behauptungen wieder einmal ins schönste Licht gestellt ist. * Die „Reformpartei" unter der Führung Ahlwardts ist den zahmen Antisemiten schon längst unheimlich geworden. Ahlwardts Kampf gegen das Kapital schmeckt ihnen zu sehr nach Sozialismus. So schreiben die „Dresd. Nachr.": „Der Reichstagsabgeordnete Dr. Förster, der Gesinnungsgenosse Ahlwardts und der intime Freund der Reformer, hat in einer Rede über Carnots Ermordung behauptet, unter diesem Präsidenten habe sich in Frankreich eine Plutokratie herausgebildet, die als „Anarchismus von oben" zu bezeichnen sei, die die „Anarchie von unten" herbeiführen müsse Ca.not wäre daher „nach einer Richtung" nicht unschuldig gestorben, „weil er nicht richtig regiert hätte". Wie sehr ferner der nationale Gedanke und dessen Pflege bei den Führern der Reformpartei in den Hintergrund getreten und zur Nebensache geworden ist, zeigt sich u. A. darin, daß die Weisheit eines Drumont, der in Frankreich eine ähnliche Rolle wie Ahlwardt in Deutschland spielt, von den Organen dieser Partei unbesehen als vollwerthige Münze weitergegeben wird. Uebersetzungen aus der Drumontschen „Libre Parole" vertreten bei den radikalen Antisemitenblättern oft genug die Stelle von Leitartikeln. Dabei ist Drumont vor Allem Chauvinist und Deutschensresser, in zweiter Linie Sozialist und erst in dritter Linie auch noch Antisemit. Von christlichen Gesinnungen endlich ist bei dem demokratischen Antisemitismus wenig oder gar keine Spur mehr vorhanden. Biele Matadore dieser Richtung machen schon lange kein Hehl mehr aus ihrer atheistisch-materialistischen Weltanschauung. Das Ahlwardtsche Leiborgan empfahl kürzlich die Dühringsche Artikelserie: „Kein Pfaffenthum, keine Religion, sondern Geistesführung im Sinne des modernen Völkergeistes" und bemerkte hierzu: „Hier sind neben der wegräumenden Arbeit veralteter Denkweise die neuen Bestandtheile einer bessern Gedankensührung ausgesprochen, wie sie dem Ersatz der Religion zu Grunde liegen." * Der internationale Thierschutz-Kongreß, der in dieser Woche in B e r n tagte, sollte gestern über das schweizerische mtb sächsische Schächtverbot verhandeln. Doch hat derselbe, wie uns aus Bern telegraphirt wird, jede Stellungnahme zll dem Schächtverbot nach einer vorzüglichen Erklärung des bayerischen Pfarrers Frank entschieden abgelehnt. An diesem Kongreß nimmt übrigens auch Hofrath Dr. Deurbo Theil, der den Schächtgegnern sicher wirksam entgegentreten wird. Die französische Ausgabe feines Buches über die verschiedenen Schlachtmethoden, das eben erschienen, enthält als Vorwort den folgenden Brief von Rudolf Virchow: „Mit großem Interesse bin ich Ihren gewissenhaften und exakten Versuchen gefolgt, und ich schätze mich glücklich. Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche in dem Augenblick auszusprechen, wo Sie im Begriffe sind, Ihr Buch der großen Oeffentlichkeit zu übergeben. Sie haben ein schon vielfach diskutirtes Problem unter einem neuen Gesichtspunkt betrachtet und ließen es sich angelegen sein, die Eigenthümlichkeiten des Fleisches der Thiere zu untersuchen, welche nach der jüdischen Methode getödtet wurden. Hoffen wir, daß der Gesetzgeber Ihren Schlüffen praktische Folge geben wird, welche geeignet ist, die beunruhigten Gemüther wieder zu beruhigen." Welche Aufgabe hat der Aeutsch-israelitische Lehrerbund in erster Reihe;u tosen? Von Max Cohn, Lehrer in Wreschen. (§^^(enn man in diesen Tagen die verschiedenen jüdischen Zeitungen zur Hand nimmt, so wird man gewiß auch 'r (j v de» Bericht über eine jüdische Provinzial-Lehrerversammlung finden. Sicherlich empfindet mit mir jeder Lehrer und Freund der jüdischen Schule eine gewisse Genugthuung darüber, daß auch in der jüdischen Lehrerwelt ein eifriges Streben »ach solchen Vereinigungen sich regt, daß Gleichgesinnte zusammenkommen, um das Wohl der jüdischen Schule und ihrer Lehrer zu fördern. Indessen will es mir scheinen, als ob die jüdischen Provinzial- Lehrervereine bei allem Eifer doch ihre eigentlichen Aufgaben nicht ganz vertreten. Bereits vor vier Jahren habe ich unter dem Namen '„Das Ganze sammeln" in der „Jüdischen Presse" erörtert* daß die Gründung eines jüdischen Provinzial-Lehrervereins durch gewisse „Sonderinteressen" bedingt ist, welche eben in allgemeinen Lehrervereinen von uns naturgemäß nicht vertreten werden können. Ich möchte es an dieser Stelle noch einmal erklären, daß unsere jüdischen Provinzial-Lehrervereine keineswegs in eine Konkurrenz mit den allgemeinen interkonfessionellen Lehrervereinen treten wollen. Wenn eS gilt, die allgemeinen Interessen der preußischen Volksschule zu heben, so sind wir selbstredend sofort bereit, Schulter an Schulter zu kämpfen. Es drohen aber der jüdischen Volksschule schwere Gefahren, welche ' unsere ganze Aufmerksamkeit erfordern. Diese Gefahr besteht in dem Niedergange der jüdischen Schulen. Wer nur einigermaßen die Statistik unserer Schulen verfolgt, der wird mit tiefem Bedauern ersehen, wie unsere Schulen sichtlich weniger werden, und man fragt mit Recht: „Wohin soll das führen?" Wir haben in Deutschland fünf jüdische Lehrerseminare. Wenn durchschnittlich aus jedem derselben alljährlich nur sechs Lehrer entlassen werden, so ergiebt das eine Sumnie von 30 Bewerbern. Finden dieselben aber auch 30 öffentliche Lehrstellen? Keineswegs. Was solleil diese jungen Kandidaten beginnen, von denen sicherlich der größte Theil gezwungen ist, nur nach jahrelangen schweren Opfern ihrer Angehörigen zum Brode zu gelangen? Ein großer Theil irrt suchend umher, verschlingt täglich mit Sehnsucht Lehrerzeitungen, um eine Stelle zu erhalten, und findet selten etwas. Ein anderer Theil nimmt, was sich ihm bietet und ist froh, eine sogenannte Lehrerstelle zu erhalten, mit welcher alle möglichen Nebenfunktionen verbunden sind — und dies Alles für eine Summe, die einem die Schamröthe ins Gesicht treibt. Entblöden sich doch viele Gemeinden nicht, einem solchen „Universalbeamten" 600 Mark und noch weniger p. a. zu bieten! Ein dritter Theil fivird Religionslehrer, d. h. er kommt nach einer Gemeinde, in welcher er von der Gunst der „Repräsentanz" derselben abhängig ist. Wehe dem, der nicht einen äußerst geschmeidigen Rücken mitbringt! Hierbei sehe ich noch davon ab, daß solche Lehrer nicht zum zweiten Examen kommen, Schwierigkeiten in ihrem militärischen Dienste haben, da sie als „Nicht-Bolksschullehrer" zwei Jahre dienen müssen, daß sie nicht pensionsberechtigt rc. sind. Die Aermsten der Armen endlich fristen ein kümmerliches Dascili als Haus- oder Privatlehrer. So geht es alljährlich fort, und durch den Zuwachs der Kandidaten ergeben sich bei der Vakanz einer öffentliche» jüdischen Lehrerstelle wahre Wettrennen und schließlich auch andere Konsequenzen, die weder unser» Stand fördern, noch das Ansehen desselben heben können. — Auf den Niedergang unserer Schulen, der jedes Jahr rapide wächst, hat der zu begründende Deutsch-israelitische Lehrerbund vor Allem seine Aufmerksamkeit zu richten. Wohl giebt es noch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.