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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-17 · Heft 33 (17.8.1894) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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390 langen Jahre, während welcher er abseits des Weltgetriebes stand, einen Rückschlag erlitten, er verzagte nicht, er hoffte weiter. Unter sein Bild aber setzte er die Worte: „Der Gedanke ist mächtig genug, uni ohne Anmaßung und Unrecht über Anmaßung und Unrecht zu siegen!" So war Zunz. Ueberschauen wir, ehe wir von dem edlen Manne scheiden, noch einmal sein Schaffen und seine Lebensarbeit, so ergeben sich folgende Hauptmomente, die für Gegenwart und Zukunft von entscheidender Bedeutung sind: Zunz hat zuerst mit kühnem Blick das ganze Gebiet der jüdischen Wiffenschast überschau und die Grenzlinien ihrer Entwickelung vorgezeichnet. Er hat die einzelnen weithin zerstreuten Trümmer von Studien und Arbeiten zu einer Litteratur erhoben, die nun den berechtigten Anspruch erheben darf, neben den Nationallitteraturen aller anderen Völker ebenbürtig zu stehen. Er ist mit seltener Charaktertrene zu allen Zeiten seines Lebens dem Judenthum treu geblieben und auch in seinem Lebenswandel ein Muster für drei Generationen geworden. Er ist der Schöpfer eines wissenschaftlichen Stils in der jüdischen Litteratur. Er selbst schrieb einen epigrammatisch scharfen und spiegelklaren Stil, ein Deutsch im Sinne Lessing's, das bildend und fördernd auf die Zeitgenossen wirkte. Er hat die Reform gefördert, inbem er eine historische Entwickelung innerhalb des Judenthums aufzeigte; er hat aber auch die Glaubenstreue befestigt, indem er dem jungen Israel den Werth seiner Religion, seiner Geistesschätze, seiner Poesie in Hellem Lichte darstellte. So ist von ihm allein eine mächtige Entwickelung ausgegangen, die einen vollständigen Umschwung der Ideen über das Judenthum und sein Geistesleben zur Folge hatte. Er lehrte seine Glaubensbrüder Selbstbekenntniß und führte sie zur Selbstachtung. Und so steht sein Bild in diesem Augenblick vor unserem Geiste: Ein klarer Denker nnd scharfer Beurtheiler, ein deutscher Mann voll inniger Anhänglichkeit an das Vaterland und an die Weltmacht des deutschen Geistes, zugleich aber auch ein warmer Jude, in dem etwas von dem Geiste der Propheten und etwas auch von der Kraft der Helden und Märtyrer des Judenthums lebte, die für ihre religiöse Ueberzeugung in den Feuertod gegangen und noch auf dem Scheiterhaufen das uralte Bekenntniß: „Höre Israel, der Ewige dein Gott ist ein einziger Gott!" ausgerufen haben! So war Zunz, so lebte er, so starb er, so wird er fortleben bis in die spätesten Tage. Der griechische Dichter Pindar sagt von den Seligen, daß in ihrem Lande sich keine andere Jahreszeit als der Frühling finde, und auch das Reich der Wissenschaft hat in dieser Hinsicht einen fortlaufenden Frühling. Aber der Frühling ist eine empfindliche Jahreszeit und die Tage der Blüthe fordern verdoppelte Sorge. Seien wir daher auf unserer Hut, denn wird die Blüthe verwahrlost, so giebt der Herbst keine Früchte. Lernen wir von Zunz, denn er war ein weiser Säemann; sein Schaffen war eine Saat, gesäet von Gott, am Tage der Garben zu reifen. Weinend zog er oft dahin, den Wurf des Samens tragend, doch am Abend seines Lebens kehrte er heim in des Vaters Haus, zu namenloser Wonne seine Garben tragend. Nicht in weißem Marmor, nicht in glühendem Erz erglänzt sein Standbild heute auf Plätzen und Straßen, aber um so tiefer und dauernder ist sein Name eingeprägt in die Herzm Aller, die das Gotteswort und die Gotteslehre als ein heilig Erbtheil der alten Jakobsgemeinde ansehen und Hochhalten. Und wie wir heute, o theurer Meister, so werden in künftigen Jahrhunderten auch treue Jünger unserer Wiffenschast dein Grab mit der Seele suchen und werden, wie wir Alle, deiner in Treuen gedenken, wie du in dunkler Nacht, deinem Urahn gleich, mit Göttern und Menschen gekämpft hast und Sieger geblieben bist, wie du im Anbruch des lichten Freiheitsmorgens, Mose gleich, dahingegangen bist, ohne das gelobte Land der Freiheit selbst betreten zu dürfen, eines jener erhabensten Sühnopfer, welche die Kampfesstadien bezeichnen auf dem Siegeszuge der befreiten Menschheit aus dunkler Nacht zu Hellem Lichte, und toie du, da die Sonne des jungen Tages aufgezogen war für Israel, uns voraufgegangen bist im Zweifeln, im Hoffen, im Schauen. Von des Lebens Gütern allen Ist der Ruhm das Höchste doch; Wenn der Leib in Staub zerfallen. Lebt der große Name noch! Berlin, 15. August. trotz aller Dementis und Berichtigungen spukt die Vorstellung von einem Verbot des Schulchan-Aruch in den Schulen' seitens der badischen Regierung noch immer in den Köpfen und Blätter der Antisemiten weiter. Neuerdings macht ein Artikel der „Grenzboten", der das angebliche Verbot natürlich freudig begrüßt, überall die Runde. In diesem Artikel heißt es: „Mit vollem Recht wurde (in dem badischen Erlasse) erklärt, daß, welche Art von Fremden immer durch das berüchtigte Akum ursprünglich bezeichnet sein möge, der heutige jüdische Schüler die gegen die Akum gerichteten Verwünschungen und Verachtungskundgebungen des Schulchan- Aruch nur auf die ihm bekannten Nichtjuden, also die Deutschen christlichen Glaubens, beziehen lönne. Mit nicht geringerm Recht wurde der Satz ausgesprochen, daß in einer unter der Oberaufsicht eines deutschen Staates stehenden Lehranstalt auch in hebräischer Sprache keine Dinge gesagt und gelehrt werden dürfen, die das deutsche Schamgefühl verletzen. Dieses Vorgehen der großherzoglich badischen Regierung giebt übrigens einen schätzenswerthen Fingerzeig, wohin sich die Bestrebungen derer vorzugsweise zu richten haben, die die jüdische Ethik als etwas sittlich Fremdes aus dem Leben unseres deutschen Volks ausmerzen wollen. Das Verlangen, eine zuverlässige deutsche Uebersetzuug des Schulchan-Aruch in die Hand zu bekommen, ist ohne Zweifel sehr berechtigt; namentlich wenn man in Betracht zieht, daß im Buchhandelzu Berlin keine aufzutreiben ist, daß das Exemplar der königlichen Bibliothek schon seit längerer Zeit ohne Beleg fehlt, und daß eine Anfrage bei den israelitischen Gemeinschaften, die im Besitz einer Bibliothek sind, immer dieselbe Antwort zur Folge hat, sie brauchten keine Uebersetzung des Schulchan-Aruch, daher hätten sie auch keine. Für den praktischen Zweck der möglichsten Beseitigung eines Buches wie des Schulchan-Aruch aus dem Jugendunterricht genügt es aber, sich aus den allgemein zugänglichen Schriften über den Talmud und über die daraus hergestellten kanonischen Auszüge ein Bild zu machen von dem Geist und Charakter der in dem jüdischen sogenannten Religionsunterricht gebräuchlichen, unfern Katechismen entsprechenden Bücher. . . . Man stelle also in allen Landtagen und, wo es sonst noch irgend angeht, mit Beziehung auf 'bestimmte ganz konkrete Beschwerden die Unterrichtsminister zur Rede."' „Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen, es steht aber doch schi-ef darum", denn alle Voraussetzungen dieses Artikels sind falsch oder unwahr. Es ist nicht wahr, daß in dem Erlaß der jüdischen Oberkirchen-Behörde — nicht der badischen Regierung — gesagt wurde, die Schüler könnten den Akum auf die Deutschen christlichen Glaubens beziehen. Es ist nicht war, daß der Schulchan- Aruch die jüdische Ethik bildet — und der Krieg gegen denselben ist daher der reine Windmühlen-Kampf. Es ist nicht wahr, daß man in den Buchhandlungen in Berlin den Schulchan-Aruch nicht erhalten kann. Die deutsche Uebersetzung desselben von dem christlichen Missionär

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