Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228074--51041-3273883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ein wüstes, unbebautes Land war diese Wissenschaft seit Jahrhunderten geworden. Wer sich einen Weg durch diese Wüstenei bahnen wollte, der mußte ein kundiger, energischer, zielbewußter Mann sein. Und das war Leopold Zunz, der damals in scharfumrissenen Zügen mit einer bewundernswerthen Klarheit die Aufgabe der jüdischen Wissenschaft nach allen ihren Richtungen beschrieben, ihre Grenzgebiete abgesteckt, ihre vorhandenen Schätze gewürdigt und das zu Erstrebende vorgezeichnet hat. Es ist uns, da wir heute das überschauen, was er für diese Wissenschaft geleistet, als klänge die alte jesajanische Verheißung von Neuem wie eine Botschaft an diesen Mann: „Ich gedenke dir die Liebe deiner Jugend, die Treue deines Brautstandes, weil du mir nachgingst in die Wüste, in ungesüetes Land!"... Als es aber galt, dieses wüste Land urbar zu machen rmd aus den Ruinen neues Leben zu erwecken, da war wieder Zunz der Erste, der ans dem Plan erschien. Die einzige That, die der Knlturverein während seines dreijährigen Lebens geschaffen, sie ist von Zunz ansgegangen, nämlich die „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums." Und ob auch nur drei Hefte von dieser Zeitschrift erschienen sind, was thuts? Befand sich doch in diesen Heften der biographische Essay über den alten Meister der Bibel- und Talmudforschung, über Raschi, der für alle ferneren Arbeiten auf diesem Gebiete und in diesem Kreise mustergiltig durch die Anordnung des Stoffes, durch die Kritik und Gruppirung des Materials und durch die glänzende Darstellungsweise geworden ist. Die Ruhe aber, die unfreiwillige Muße, die ihm beschieden blieb nachdem die Ideale des Kulturvereins zerronnen waren, benutzte er zu weiteren Forschungen auf dem neu entdeckten Gebiete. Zunz war auch eine Zeit lang Journalist, Dann wurde er Direktor der neubegründeten jüdischen Gemeindeschule und später auch des jüdischen Lehrerseminars bis zu besten Auflösung im Jahre 1850. Von da ab hat er kein offizielles Aint bekleidet. Aber alle Zeit hat er sich auch am allgemeinen politischen Leben betheiligt. Liest man seine politischen Reden, so wird man auch in ihnen die Klarheit und Geistesschärfe nicht vermissen, die die wissenschaftlichen Arbeiten des Forschers auszeichnete. „Der erste Schritt zur Freiheit", sagte er in einer Wahlrede im Februar 1849, ist der, daß man sie vermißt, der zweite, daß man sie sucht, der dritte, daß man sie findet. Zwischen Suchen und Finden können freilich Jahre liegen ...." So war Zunz als Politiker. Aber sein ganzes Sein war doch erfüllt und durchdrungen von seiner Wissenschaft. Sie allein, so hoffte er, werde auch die Befreiung im bürgerlichen Leben nach sich ziehen, sie allein, so glaubte er, sei im Stande, das Judenthum über die Stürme und Katastrophen dieser Zeit hinaus seiner weltgeschichtlichen Mission zu erhalten. Und von diesem Gedanken beseelt, schuf er das grundlegende Werk für diese Wissenschaft,die „Gottesdienstlichen Vorträge der Juden" im Jahre 1832. Hier lichtete sich zum ersten Male der Urwald des rabbinischen Schriftthums, und der kundige Führer geleitete seine Jünger mitten durch diesen Urwald auf gebahnter Straße mit sicherer Hand. Mit Recht hat man dies Buch „zu den Merkwürdigkeiten höherer Kritik" gezählt, und mit nicht geringerem Recht in eine Reihe mit den aus der Zeit der blühenden Philologie Deutschlands stammenden Werken von Boeckh, Diez, Grimm u. A. gestellt. Wie fast alle seine Werke, ist aber auch dieses ans einem gewissen polemischen Bedürfniß hervorgegangen. Zunz war eine streitfertige Natur; wie ein Wächter stand er auf seiner Zinne und lugte in alle Lande aus, wo irgend ein Herrscher,. ein Staatsmann, ein Gelehrter seinen Juden Unrecht anthun wollte. Dann erhob er sich und kämpfte gegen diesen Erbfeind mit allen Waffen der Satire und Wissenschaft an. War doch die Wurzel seines Schaffens schon in jungen Jahren durch das Predigtverbot getroffen worden; von diesem Augenblick an stand es wohl bei ihm fest, den Entwickelungsgang der jüdischen Predigt klar zu legen, zu zeigen, wie der Quell der religiösen Belehrung seit Jahrtausenden seine Heimstätte in Juda's Gotteshäusern hatte, wie aus diesem Quell eine reiche Volkslitteratur in dem gesammten Midrasch erblüht war, in dessen noch lange nicht genug erkannten und gewürdigten Schätzen ein Reichthum von Erfahrungen und Kelintniffen aller Jahrhunderte sich berge. Und in dem Vorwort erklärte Zunz, daß er von den Staaten Europas für seine Glaubensgenossen nicht Rechte und Freiheiten, sondern vielmehr und einzig und allein das Recht und die Freiheit verlange! Und als das Verbot kam, daß die Juden keine deutschen Namen tragen sollten, schrieb Zunz seine kleine Schrift „Die Namen der Inden", welche so berühmt geworden und so nachhaltig gewirkt hat. Aber auch die meisten seiner späteren Schriften sind, wie die Arbeiten Lessing's, „durch die Polemik entbunden worden." Hatte Zunz in den Tagen der Jugend das Banner der Reform getragen, so mußte er sich nun in den vierziger Jahren davon überzeugen, daß das junge Geschlecht verwegener Tempelstürmer weit über das Ziel hinausgeschritten sei, das er in seinen Träumen und Hoffen als das ideale Ziel der Reform gesehen. Und ebenso wie er einst den Orthodoxen gegenüber das Alter, die Weihe und den Segen der deutschen Predigt in seinen „Gottesdienstlichen Vorträgen" festgehalten, so erklärte er nun in drei hervorragenden Werken, die innerhalb zehn Jahren erschienen, deren Vorstudien aber wohl mehr als ein halbes Jahrhundert in Anspruch nahmen, den Werth und die Bedeutung des hebräischen Gebets der radikalen Reform gegenüber. Sein geistiges Schaffen erhielt dadurch einen wirksamen Abschluß. Denn, nachdem der Midrasch erstarrt, war der Pint als synagogale Dichtung in Fluß gekommen. Und diese Uebergänge und Entwickelungen bilden das Grundferment der neuhebräischen Litteratur länger denn ein Jahrtausend hindurch. Predigt und Gebet bildeten zusammen den alten Gottesdienst; sie setzten die Arbeit des Gesetzes und der Prophetie fort. So verknüpfte sich das Alte mit dem Neuen in Zunzen's lebendigem Sinn zu einer wunderbaren geschichtlichen Harmonie, der er in seiner „Synagogalen Poesie des Mittelalters" (1855), in seinem „Ritus des synagogalen Gottesdienstes" (1859) und endlich in der das Lebensgebäude krönenden „Littteraturgeschichte der synagogalen Poesie" (1864) lapidaren Ausdruck verliehen hat. Dazwischen liegen noch viele, viele kleinere, wiederum nicht weniger werthvolle Arbeiten, die in seinem Buche „Zur Geschichte und Litteratur" (1845) und in drei Bänden „Gesammelter Schriften" vereinigt sind, biographische Essays, Gutachten, litterarhistorische Studien, Kataloge, Analekten und Streitschriften. Seit seiner „Litteratnrgeschichte" hat Zunz nur selten noch, in den letzten Jahren sich fast gar nicht mehr vernehmen lassen. Seine vorletzte Arbeit waren die „Deutschen Briefe" (1872) über deutsche Sprache und deutschen Geist, seine letzte eine scharfsinnige und freimüthige Studie zur Bibelkritik (1874) in der Zeitschrift der deutsch-morgenländischen Gesellschaft zu Leipzig. Seither schwieg er, wie es heißt, seit dem Tode seiner Frau Adelheid Zunz, die die treueste Gattin, Freundin und Stütze des Mannes während ihres ganzen Lebens gewesen ist. Zunz hatte sein siebzigstes Lebensjahr zurückgelegt, als die „Litteraturgeschichte" erschienen war. Er konnte sich nun wohl die wohlverdiente Ruhe gönnen und von der Höhe seines Ideals herab das freudige Getümmel mit ansehen, das sich in einer jungen Generation von Freunden und Jüngern auf dem einst so verlassenen Boden der jüdischen Wissenschaft entwickelte. Wie oft auch der Gedanke der religiösen und bürgerlichen Freiheit innerhalb dieser