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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-17 · Heft 33 (17.8.1894) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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388 Und nun ging es rasch bergauf. Jni Sturm die Gymnasialklaffen absolvirt, die Universität bezogen. Im Jahre 1811 kam Leopold Zunz mit sehr wenig wirklichem und ansehnlichem geistigen Gepäck hierher nach Berlin, das er seither nicht wieder — wenigstens auf längere Zeit nicht — verlassen hat. Er studirte Philologie an der neu begründeten Universität und nach absolvirtem Triennium war er so glücklich, sich sagen zu können, daß er nichts erreicht habe. Denn was hätte der gebildete Jude jener Zeit wohl erreichen können, der nicht dem Brotstudium der Medizin oder der Jurisprudenz sich zuwendete? In dem Hardenbergschen Edikt waren wohl die akademischen Lehrämter den Juden freigegeben; aber als Zunz seine Studien beendigt hatte, war davon nicht die Rede mehr. So wurde er denn Prediger. Aber ich bin weit entfernt davon, mit dieser Wahl etwa nur einen Verlegenheitsschritt des Mannes bezeichnen zu wollen. Er wäre wohl damals auch Prediger geworden, wenn man ihn hätle zuin Rektor der Berliner Universität machen wollen. De>m es lebte in ihm etwas von dem Geiste jener Propheten, die einst der mächtige Drang Hinausgetrieben, ihre Mission unter allen Stürmen und den dräuenden Gefahren zum Trotz zu verkünden, zu erfüllen. Wenn wir die Reden lesen, die der junge Zunz von 1820—23 in der damals neubegründeten Privat-Synagoge des reichen Jakob Herz Beer oder bei dem deutschen Privat-Gotiesdienst des „Präsidenten" Israel Jakobson gehalten hat, so ist es uns, als ob wir dieses prophetischen Geistes einen Hauch verspüret hätten. Es weht uns der Odem einer übermächtigen Begeisterung aus diesen vergilbten Blättern an. Wir fühlen, daß eine kräftige Individualität sich hier aus den Banden der konventionellen Homiletik losgerungen hat und frei und kühn aus eigenen Bahnen daherschreitet. Dem jüdischen Berlin jener Tage, jenem rationalistischen, aufgeklärten, zwischen Mendelssohn und Schleiermacher rathlos hin- und herschwankenden Geschlecht waren diese Töne neu und sympathisch. Aber freilich, noch ehe es sich an dieselben gewöhnt hatte, verstummten sie. Im Jahre 1823 wurde der deutsche Gottesdienst mittelst königlicher Kabinetsordre verboten und jede Neuerung im Kultuswesen, also auch die deutsche Predigt, auf das Strengste untersagt. Uitd wenn Zunz vordem wie Mose gesprochen, so schwieg er nun wie Aron. Das heißt: in Demuth und Bescheidenheit fügte er sich, ohne zu grollen und ohne zu murren, in das Unvermeidliche, und blieb treu dem großen Ideal, das ihm auch dann noch leuchtete, da rings umher alle Sterne schon erloschen schienen. „Der Jugend am Scheidewege" widmete er seine Reden, die er in den drei Jahren religiösen Aufschwungs gehalten, und zu dieser sprach er: „Vielleicht, daß ich gewürdigt werde, Herzen dem Ewigen wieder zu gewinnen die getäuscht und verlockt sich von ihm abgewandt hatten!" Aber schon vorher hatte er auf dieses Ideal seinen Blick gelenkt. Den Alten war nicht zu helfen, so wollte er denn wenigstens die Jungen retten. Und nicht von der Kanzel, das fühlte er mit seinem scharfen Geiste heraus, sondern vom Katheder mußte diesen Jungen das neue Judenthum verkündet werden, damit sie es erkennen und ihm vertrauen sollten. „Erbauung und sanftmüthige Seelenpflaster" konnten jhre Wunden nicht heilen; es bedurfte einer Anregung der Kraft. Und man wird daher kaum fehlgehen, wenn man mit auf die Initiative von Zunz die Begründung des „Vereins für Kultur und Wiffenschaft der Juden" zurückführt. Das war im Jahre 1819, da der Straßenpöbel zu Würzburg, Hamburg, Frankfurt a. M. zuerst das Hep, Hep erschallen ließ, und da in drei jungen Männern — Eduard Gans, Moses Moser, Leopold Zunz — der Gedanke einer Verbindung erwachte, die die Juden durch einen von innen heraus sich entwickelnden Bildungsgang mit dem Zeitalter und den Staaten, in denen sie leben, in Harmonie setzen sollte. Sollte, vielmehr wollte, aber nicht konnte! Denn die Mittel waren zu gering, die Pläne zu hoch und zu weit, vor Allem aber das Jahrhundert war ihrem Ideal noch nicht reif. Zugleich mit dem Tempel starb der Verein — er wurde von der Reaktion erdrückt. Und Zlinz schrieb damals an Heine, mit dem er seit 1822 bekannt, ja innig befreundet geworden, die denkwürdigen Worte: „Das war Täuschung. Was allein aus diesem Mabul (Sündfluth) unvergänglich auftaucht, das ist die Wiffenschaft des Judenthums; denn sie lebt, auch wenn Jahrhunderte lang sich kein Finger für sie regte. Ich gestehe, daß nächst der Ergebung in das Gericht Gottes, die Beschäftigung mit dieser Wiffenschaft mein Trost und Halt ist. Auf mich selbst sollen jene Stürme und Erfahrungen keinen Einfluß haben, der mich mit mir selber in Zwiespalt bringen könnte. Ich habe gethan, was ich zu thun für meine Pflicht hielt. Weil ich gesehen habe, daß ich in der Wüste predigte, habe ich aufgehört zu predige», doch nicht um dem Inhalt meiner Worte treulos zu - werden. Nichts bleibt den Mitgliedern, als treu sich selber in ihren beschränkten Kreisen zu wirken und Gott das Weitere zu überlaffeu." Wir müffen uns daran erinnern, daß der Mann, der also sprach und schrieb, im Ganzen noch nicht dreißig Mal die Winterstürme um seinen Scheitel hatte brausen hören. Und doch wußte er mit merkwürdiger Bestimmtheit, was er zu thun habe. Ja noch mehr: er hat sich genau den Weg vorgezeichnet, den er fortan zu wandeln habe. Und was das Wichtigste ist: ohne Wanken und Schwanken hat er diesen Weg betreten und ist auf demselben fortgeschritten bis zum Ziele. Das war Charaktergröße, eine Charaktergröße, die in einer Zeit allgemeiner Fahnenflucht um so aufrichtigere Bewunderung verdiente, und die wiederum Keiner beffer zll würdigen verstand, als der, dem sie fehlte. Heinrich Heine schrieb noch in seinen letzten Jahren, da er die Bilanz seines Lebens zog, von seinem Freunde Leopold Zunz, daß er „in einer schwankenden Uebergangsperiode immer die unerschütterliche Unwandelbarkeit offenbarte und trotz seinem Scharfsinn, seiner Skepsis, seiner Gelehrsamkeit, dennoch treu blieb dem selbstgegebenen Worte, der großmüthigen Grille seiner Seele. Mann der Rede und der That, hat er geschafft und gewirkt, wo Andere träumten und muthlos hinsanken." Oder, was Heine wohlweislich unterlaffen hat zu bemerken: die Fahne wegwarfen und sich still ins Lager des Siegers schlichen! Diese Charaktergröße verband sich aber bei Zunz mit einem reichen Geiste. Er war ein Talent und ein Charakter zugleich. Und in dieser Vereinigung, die gar so selten zu finden, beruht seine eigentliche Bedeutung. Zu einer Zeit, wo die Majorität der Genossen des Glaubens, dem er angehörte, auch noch nicht einmal das Wort in seinem einfachen Ursinn verstanden hätten, sprach er es kühn aus, dieses Wort, das sein Leitstern fürs Leben wurde: Die Wissenschaft des Judenthnms! Was war das nun aber für eine Wiffenschaft? So mochten sich wohl damals Juden wie Christen fragen, die etwa das Wort aus dem Munde des jungen Zunz vernommen hatten. Darauf gab er ihnen in seiner kleine» Schrift: „Etwas über die rabbinische Litteratur", die bei Maurer in Berlin 1818 erschienen war, eine erschöpfende Antwort: „Als allmälig die Schatten der Barbarei von der verfinsterten Erde wichen und das Licht die überall verbreiteten Juden auch überall treffen mußte, knüpfte eine neue fremde Bildlmg sich an die Ueberbleibsel der alten hebräischen an und Köpfe und Jahrhunderte verarbeiteten beide zu derjenigen Litteratur um, die wir die rabbinische nennen." Dieser rabbinische» oder vielmehr, wie er selbst den Titel vorschlägt, neuhebräischen, jüdischen Litteratur und Wiffenschaft gilt fortan seine Liebe, seine Arbeit, sein Lebenswerk.

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