Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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unser Recht einen besseren Schutz und eine bessere Waffe als die Kenntniß des Judenthums? Wohl ist dein Meister bei Lebzeiten — zu seinem 70. Geburtstage — in Liebe und Dankbarkeit ein Dank- und Ehrenzeichen errichtet worden: — die Z.unzstiftung durfte ihrem Jubilar während 22 Jahre ihren Dank darbringen, sie hat zu seinen! 80. und zu seinem 90. Geburtstage ihn mit wissenschaftlichen Gaben erfreut, und sie ist seit 7 Jahren bemüht, im Sinne und Geist Zunzens die Wissenschaft des Judenthums zu fördern. Sie wird auch ferner ihres Amtes walten — niit ihren gar schwachen Kräften — die ihr, das sei nicht verschwiegen — gleichsam nur eine symbolische Existenz gewähren. Am morgenden Sabbath, dessen Namen aus dem großen Propheten stammt, der seinem Volke bittere Strafreden wegen Unbill und Versäumnis; nicht vorenthalten hat und aus dem wir auch unsere schönsteil Hoffnungen schöpfen, wird in allen Tempeln der deutschen Judenheit das Angedenken an Zunz und sein hundertjähriger Geburtstag gefeiert werden. Möge dieser Tag ein Weckruf für die Judenheit innerhalb und außerhalb Deutschlands werden, möge die Mahnung an die Ehrenpflicht, welche ivelche wir dem Andenken Leopold Zunzens und seinem Vermächtnisse schuldig sind, mit Berständniß und Liebe gehört und befolgt werden. Wir aber wollen nun thun, wozu wir hierher gekommen: unfern Geburtstags-Kranz niederlegen zum ehrenden Andenken an Leopold Zunz — der uns gelehrt hat, das Gedächtniß der Gerechten zu ehren, der selbst unter den Männern, die (wie seit alter Zeit) auch in dem heute verflossenen Jahrhundert uns in dem Glauben bestärkt haben, daß Israel nimmer verweist sei, eine Ehrenstelle einnimmt: Sein Andenken wird immerdar ein gesegnetes sein. nansb p'-w “ist ii. Gedächtnisrede gehalten bei der Zunz-Feier des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur",am 16.August in derAulades Friedrich-Werderschen Gymnasiums von Dr. Gustav Karpeles. Geehrte Festversammlung! wei große Gnaden erweist der weltregierende Gott einem Stamme, dem er das Glück beschieden, unter den Nationen der Erde ein Kulturvolk zu werden. Die eine, daß er ihm führende Geister sendet, die es zu den Quellen der Wahrheit und des Lichts geleiten, die andere, daß -er ihm selbst die Kraft und den Segen verleiht, dem Rufe jener Geister zu folgen und aus diesen Quellen zu schöpfen. Dank und Preis der gütigen Vorsehung, die uns Männer gegeben hat, welche Israel führen, und die uns die Kraft verliehen hat, dem Rufe jener Männer zu folgen! Einen solchen Mann feiert jetzt ganz Israel in allen Theilen des bewohnten Erdenrunds.. Ueberall, wo Israeliten sich in dem Glauben an den einzig einigen Gott und in der Erkenntniß seiner heiligen Lehre vereinigt haben, ist der Name Leopold Zunz gekannt und gefeiert. O des Aufschwungs und der Umkehr! Vor hundert Jahren hätte kein Rabbi in seinem Schulstaub eine Erhebung der jüdischen Wissenschaft, wie wir sie feiern, auch nur für möglich gehalten. Heute in ihr volles Recht eingesetzt, strahlt sie auf das Judenthum selbst zurück. Der Schöpfer dieser Erhebung aber heißt Leopold Zunz, dessen Leben und Wirken, von der Sonne dieses Tages erleuchtet, nun an uns vorüber ziehen möge! Zunz ist in Detmold, und zwar ani 15. Ab 5554 (1794) geboren. Er war armer Eltern Kind. Im Allgemeinen war die Armuth unter den deutschen Juden des Mittelalters bis in die erste Hälfte dieses Jahrhunderts die Regel, Wohlhabenheit eine seltene Ausnahme, wirklicher Reichthum etwas Unerhörtes. Dieser Armuth war aber schon von den milden Lehrern des Talmud ein werthvolles Geschenk in die Wiege gelegt worden, das Wort: „Achtet wohl auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus!" Auch an Zunz sollte sich dies Talmudwort erfüllen. Als Knabe schon verlor er seinen Vater und als elternlose Waise fand er 1805 in der Samsonschule, die ein frommer Glaubensgenosse zu Wolfenbüttel gegründet hatte, Aufnahme und liebevolle Pflege, ja sogar gelehrten Unterricht, soweit er damals unter den deutschen Juden heimisch war. Das Alpha und Omega alles Wissens war eben der Talmud. Ein großer Fortschritt aber war es, daß man die Knaben auch so nebenher von einem Uhrmacher, der zugleich Romanschriftsteller war, in vier wöchentlichen Stunden in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichten ließ. Freilich diese vier Unterrichtsstunden — fielen meistens aus! Zwei der armen Waisen schloffen sich auch in diesem Hause eng aneinander an: Leopold Zunz und I. M. Jost, der später der erste jüdische Historiker wurde. Jost ist es auch, dem wir die einzigen Mittheilungen über das Leben von Zunz zu danken haben. Er erzählt in seinen Erinnerungen: „Zunz war bald nach mir eingetreten. Er entwickelte schon damals eine Geistesschärfe, welche den künftigen Kritiker ahnen ließ, und war bald die Seele des Widerspruchs. Wir Beide betrieben heimlich Grammatik und seinem Scharfblicke verdankte ich manchen Fortschritt. Er war schon damals sehr witzig und schrieb in hebräischer Sprache eine weitläufige Satire gegen unsere Tyrannen, welche uns, so oft ein Stück fertig war, sehr belustigte. Leider wurde nachher auch dieses Verbrechen entdeckt, und das Corpus delicti den Flammen übergeben." Andererseits darf ich jedoch nicht unerwähnt lassen, daß Zunz gerade in diesem Bet-Hamidrasch den Grund zu seiner uinfaffenden talmudischen Bildung, also auch den Grund zu seinem gesummten späteren Schaffen legte. Und wenn es rührend ist zu sehen, daß die beiden zukünftigen Historiker aus der jüdisch-deutschen Paraphrase einer falschen geschichtlichen Kompilation, dem sogenannten Josippon, ihre ersten Geschichtskenntniffe schöpften, so ist es dagegen wieder wichtig zu lesen, daß sie beide früh in die weiten Gänge der rabbinischen Litteratur eingeführt wurden, und daß sie sich auch in diesem Labyrinth bald heimisch fühlten. Unter dem Lufthauch einer neuen Zeit änderte sich das Verhältniß. Im Jahre 1808 ward urplötzlich aus dem Bet-Hamidrasch die Samsonschule, die noch heute blüht. Man schuf die Anstalt in eine Elementarschule um und gab ihr eine zeitgemäße Verfassung. Zunz und Jost waren natürlich die ersten Unterthanen des neuen Schulstaates; der eine dreizehn, der andere vierzehn Jahre alt, fingen sie Beide nochmal beim A B C an und lernten so lesen und schreiben. Campe's Kinderbibliothek war ihre erste Lektüre. Und schon ein Jahr darauf lernten sie Latein, Griechisch, Mathematik in langen Winternächten, heimlich beini Licht der kleinen Kerzen, die sie aus dem Wachs, welches in der Synagoge von den großen Jahrzeitlichtern heruntertropfte, sich selbst verfertigt hatten. Und nach abermals sechs Monaten wurde Zunz in die Prima des Wolfenbüttler, Jost in die Prima des' Braunschweigischen Gymnasiums ausgenommen. Auch dies ist wiederum charakteristisch: Zunz war der erste, Jost der dritte jüdische Gymnasiast in Deutschland.