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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-17 · Heft 33 (17.8.1894) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 Leopold Zun). i. Ansprache gehalten bei der Feier des Kuratoriums der „Zunz-Stiftung" auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee am 10. August von Sanitätsrath Dr. S. Neumann. ns Alle hat hier das gleiche Gefühl der Verehrung vereinigt, darum darf ich Sie als Festgenossen begrüßen! Nor fast 8 Jahren war es der Tod, der an diese Stelle eine Traue rVersammlung berufen: dem im höchsten Alter — nachdem ihm die treue Gattin und Helferin vorangegangen — vereinsamt Dahingeschiedenen, dem Meister der Wiffenschaft, dem treuen Stammes¬ und Glaubensgenossen, dem volksthümlichen Bürger des Vaterlandes! haben wir — trauer- und 'schmerzerfüllt — die letzte Ehre erweisen wollen. Heute, verehrte Festgenoffen, stehen wir an derselben Stelle, welche seine leibliche Hülle birgt — aber wir sind versammelt zur Feier des 10. August des Jahres 1794, zur Feier des Tages, an welchem vor hundert Jahren Leopold Zunz geboren worden ist zu einem langen, gesegneten Leben, zu einem Leben, in dem er berufen war, Unsterbliches und Unvergängliches zu schaffen und zu wirken! „Wer über den hundertjährigen Geburtstag im dankbaren Gedächtniß der Menschen sich erhält" — so ist, und wohl mit Recht, gesagt worden — „der beginnt der Nachwelt anzugehören; mit der ersten Säkularfeier eines großen Menschen beginnt die Unsterblichkeit." Darum nicht mit einem Trauer- und Todeskranz sind ivir gekommen; wir sind gekommen, um an dieser Stelle Leopold Zunz zu seinem Geburtstage einen Lebens- und Festkranz zu widmen! In die Vergangenheit zurück blicken heute wir dankerfüllten Herzens wegen dessen, was Zunz für uns gethan, und nicht ohne Stolz, weil er uns gehört hat; und für die Zukunft erfüllt uns heute froher Muth, in der Hoffnung, daß das Vermächtniß, welches er in seinem Lebenswerk der Nachwelt überliefert hat, heilig und treu werde gehalten werden. Es Preist die Welt, die Welt der Wiffenschaft, Leopold Zunz als den Begründer der Wiffenschaft des Judenthums. In seinem 24. Lebensjahre stand Zunz, als seine erste Arbeit unter dem bescheidenen Titel „Etwas über die rabbinische Litteratur" das Licht der Welt erblickte. Dieser Erstling, er verkündete (gleichsam wie ein mächtiger Posaunenschall) die Aufgabe, die er seiner Lebensarbeit gestellt und die er in seinem Lebenswerke erfüllt hat. Leopold Zunz — er hat die Ghettomauern, von welchen bis dahin auch die Mische Litteratur umschlossen war, zertrümmert, und das vor Allem ist es, weshalb er gefeiert wird als der Begründer einer neuen Epoche in der Wiffenschaft des Judenthums; ihm ist es zu danken, daß die Wissenschaft des Judenthums auch von den Widenvilligen und den Widerstrebenden als ebenbürtig und gleichberechtigt im Kreise der Wiffenschaften anerkannt wird. — Was s o n st seine epochemachenden Werke für das Judcnthnm und die Juden bedeuten, das zu würdigen, gebührt den Jüngern der Wiffenschaft, das ist das Recht und die Pflicht der Schule, die der Meister geschaffen hat und die seinem Lebenswerke die Unvergänglichkeit verbürgt. Aber auch im weiteren Kreise wird das Wort Zunzens bcriffeu und dankbar gewürdigt, daß „aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judenthums auch die Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben hervorgehen muß" — daß „das Privilegium und die Untrüglichkeit der Gewalt und des Mißbrauchs im Reiche des Geistes nicht anerkannt werden, und daß der Gedanke mächtig genug ist, ohne Anmaßung über die Anmaßung und das Unrecht zu siegen." Leopold Zunz, der Mann der strengen Wiffenschaft, hat (gleichsam wie auf des Hohenpriesters Brust das Recht Israels ruhete) in seinem Herzen die innigste Liebe zu dem Volke getragen, in dem er geboren. In jeglicher Noch und Gefahr hat er seinem Volke Hilfe und Rettung gebracht oder zu bringen versucht: als das Recht der Juden auf ihre Namen gefährdet erschien, als der Talmud biswillig verspottet wurde, als die Blutlüge von Damaskus grassirte — da ist unser Zunz mit den Waffen der Wissenschaft eingetreten, um der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen. Sein großes Werk — die synagogale Poesie der Juden — wird in der Wissenschaft als ein Monument erachtet, gewidmet der Leidensgeschichte der Juden im Mittelalter. Man möchte sagen, in der Liebe zu seinem Volke habe Zunz dieses Monument errichtet, um ihm folgende Inschrift zu geben: „Wenn es eine Stufenleiter von Leiden giebt, .so hat Israel die höchste Staffel erstiege», iveun die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; >venn eine Litteratur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber?" Darum, so gut und so ganz wie der Wiffenschaft, gehört Zuuz eben durch diese Liebe auch uns. dem Volke, an. In dieser Liebe hat er einst, als Alles um ihn die Flucht ergriffen, bei uns ausgeharrt, und in dieser Liebe zu seinem Volke hat er auch den Muth gefunden, einem Propheten gleich, dem Volke die strafende Wahrheit zu verkünden. Wenn wir die Liebe Zunzens zu seinem Volke gerade an seinem Säkulartage preisen, dann erfüllen wir nur eine Pflicht für Vergangenheit und Zukunft zugleich und folgen dabei dem Beispiele von Zunz selbst. Niemand hat dankbarer als Zunz die Bedeutung Moses Mendelssohns für die deutsche Judenheit gewürdigt. Dank der Umwandelung, welche durch Mendelssohn innerhalb des deutschen Ghettos vor sich gegangen war, konnte Zunz zu deutscher Bildung gelangen; wird doch in einem Nekrologe gesagt, Zunz sei der erste jüdische Gymnasiast in Deutschland gewesen. Als vor 65 Jahren hier in Berlin das erste Säkularfest für Mendelssohn gefeiert wurde, gehörte auch Zunz zu den Festrednern, und der Mittelpunkt seiner Säkularrede lautet also: „Was aber vorzugsweise seinen Glaubensgenossen in Moses Mendelssohns Leben bedeutungsvoll, nachahmungswürdig erscheinen muß, das ist seine Liebe zu dem Volk in dem er geboren wurde". Die Liebe, die Zunz an seinem Volke geübt, sie wird nicht unvergolten bleiben — in dieser Hoffnung mögen wir mit frohem Muthe auch in die Zukunft blicken. Wohl, Zunzens Lebenswerk wird dauern und wachsen, sein Namen wird nimmer der Vergeffenheit anheimfallen! Aber ist darum die liebende treue Fürsorge für sein Vermächtniß, die eifrige Forderung der Wiffenschaft weniger unsere heilige, unsere Ehrenpflicht? Wollten wir sie unerfüllt lassen, wären wir undankbar und zugleich unverständig. Entbehrt die Wissenschaft des Judenthums doch noch der staatlichen Fürsorge, deren die anderen Wiffenschaften sich erfreuen! Und giebt es für unsere Ehre und für

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