Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Erd- und Völkerkunde unter Aufwendung reicher Mittel und auf Grund seiner gewonnenen Kenntnisse und Erfahrungen mit nie erwüdendenr Eifer und großer Opferwilligkeit erwiesen hat. Das Museum für Völkerkunde, der Zoologische Garten und manches andere Institut, das in einschläglicher Richtung der Wissenschaft und der öffentlichen Belehrung dient, haben von ihm schon seit Jahren fortgesetzt werthvolle Zuwendungen erhallen, die schon allein genügend wären, ihm allgemeine Dankbarkeit zu sichern. Er, der Nichtakademiker, der in des Wortes wahrster Bedeutung ein „selfmade man“ ist, wurde noch jüngst vom Kaiser neben Virchow, Bastian und anderen hervorragenden Gelehrten in die Sachverständigen-Kommission des Museums für Völkerkunde berufen. Auch ist er Beirath der Geographischen Gesellschaft. Verschiedene andere Vereine ähnlicher Richtung schätzen ihn als sachkundiges Mitglied. Und mit den vornehmsten Forschern und Reisenden, insbesondere mit Nordenskjöld, dem kühnen Polarreisenden, verbinden ihn enge freundschaftliche Beziehungen. Das Geschäft, Import von Indigo, Cochenille und Farbwaren, das er bis vor Kurzem betrieben hat, wies ihn frühzeitig auf den Verkehr mit dem Auslande hin. Aus verhältnißmäßig bescheidenen Anfängen, die schon der Vater gelegt, hat er sein Geschäft zu achtungswerther Bedeutung emporgehoben, während er selbst niemals vergessen hat, die gewonnenen Erfahrungen in den Dienst der Wissenschaft und zahlreiche werthvolle Erwerbungen in den Dienst der öffentlichen Belehrung zu stellen. Es braucht nur noch hinzugesügt zu werden, daß Herr Generalkonsul Schönlank auch ein guter, überzeugungstreuer Jude ist, der an allen Angelegenheiten der Gemeinde regen Antheil nimmt und durch seine Wohlthätigkeit rühmlichst bekannt ist. Frg. Berlin, 15. August. Dem am 26. Dezember 1893 in Hannover konstituirten Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur ist es in wenigen Monaten gelungen, die meisten der in Deutschland bestehenden Litteraturvereine zum definitiven Anschluß an den Verband zu bewegen, es sind schon jetzt 31 Verbandsvereine von 41 Vereinen überhaupt; und das soeben hier erschienene erste Heft der vom geschäftsführenden Ausschuß herausgegebenen Mittheilungen bringt uns erfreuliche Kunde über die Wirksamkeit des Verbandes und der Litteraturvereine. Das am 15. Februar d. I. eröffnete Sekretariat war zunächst bemüht, die Vereine in kleinen Gemeinden bei der Anlage von Bibliotheken nach Kräften zu unterstützen. Dank der Opferwilligkeit des Herrn H. I. in Breslau war dem geschäftsführenden Ausschuß die Möglichkeit geboten, einer größeren Anzahl von Vereinen eine Kollektion von je 22 werthvollen Büchern aus dem Schatz der jüdischen Litteratur gratis zu überweisen Eine Reihe von Publikationen gelangten an sämmtliche Vereine, ohne Unterschied, ob sie dem Verbände angehören oder nicht, zur Versendung. Das Sekretariat hat ferner vielen kleinen Vereinen, die sich den Luxus, Vortragende gegen Honorar zu berufen, nicht gestatten können, den Weg gezeigt, wie auch redegewandte Laien wissenschaftliche Vorträge zu halten vermögen. — Bon hohem Interesse ist auch der diesem ersten Heft der „Mittheilungen des Verbandes" beigegebene Bericht über die litterarische Thätigkert der Vereine im Winterhalbjahr 1893/94; es sind selbst in den kleineren und kleinsten Vereinen 5 — 6 Vorträge und Diskussionsabende abgehalten worden, und es erscheint schon nach dieser Hinsicht glaublich, daß oer Verband nach einigen Jahren weiterer Arbeit das Ziel seines Programms erreichen wird: „An jedem Ort, wo eine Anzahl von Glaubensgenossen ein Gemeinwesen bilden, soll auch der Wissenschaft der Juden eine Stätte errichtet werden." So nur kann es gelingen, unfern Glaubensgenossen auch in den von den Mittelpunkten der Wissenschaft entfernten Gegenden, gerade in kleinen Gemeinden, Achtung vor der Vergangenheit, Muth für die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft ihres Stammes einzuflößen. Und wenn diese Berbandsmittheilungen ihr erstes Heft mit einem erhebenden Beitrag „Zum hundertjährigen Geburtstag von Leopold Zunz" einleiten, so erfüllt uns die Hoffnung, daß auch das weitere Wirken des Verbandes des Altmeisters der jüdischen Wissenschaft würdig sein wird. Aus dem Schlußwort des Heftes, das der erste Vorsitzende des Verbandes verfaßt hat, sei noch folgende ernste Ermahnung mitgetheilt: „Draußen tobt der Sturm der Feinde gegen uns, wir aber haben, wie einst unsere Ahnen, mit der einen Hand uns zur Abwehr gerüstet und mit der andern den Bau des großen Werkes begonnen, welches das Heiligthum unserer Wissenschaft bergen soll." 4k Labischin, Provinz Posen, 5. August. Eine scheußliche Mordthat hat in vergangener Woche die Einwohnerschaft unseres Städtchens in Aufregung versetzt, und nur dem Auftreten des hiesigen Bürgermeisters, wie dem gesunden Sinne der hiesigen Bevölkerung ist es zu verdanken, daß es nicht auch hier zu unliebsamen Szenen gegen die Juden gekommen. Anfangs voriger Woche verschwand das etwa fünf Jahre alte Söhnchen der Maurer Kuniszewskischen Eheleute von hier. Da das Kind von seinen Eltern früher öfter stark mißhandelt worden war, so wurde der Verdacht rege, daß dasselbe vielleicht wieder einmal übermäßig mißhandelt, in Folge dessen gestorben und auf die Seite geschafft sein könnte. Der Vater des Knaben, über dessen Verschwinden polizeilich befragt, meinte: „das werden wohl die Juden umgebracht haben, die brauchen ja immer Christenblut." (In gleichem Sinne soll sich auch die Stiefmutter des verschwundenen Knaben ihren Nachbarn gegenüber geäußert haben.) Der Herr Bürgermeister verbot jedoch dem Manne, solche Redensarten und Verdächtigungen weiter zu äußern. Am vergangenen Donnerstag gegen Abend endlich fanden einige Holzleser im nahen Walde, aufmerksam gemacht durch einen aus dem Erdreich herausgestreckten Gegenstand, der einem Finger ähnlich sah, indem fie den Erdboden untersuchten, den Leichnam des verschwundenen Kindes. Sie meldeten sogleich ihren grausigen Fund der Polizei, welche sofort die kleine Leiche holen ließ. An derselben wurden mehrere offenbar von Mißhandlungen herrührende Wunden, sowie verschiedene durch Messerstiche beigebrachte tiefe Verletzungen entdeckt. Der Verdacht, das Kind gemißhandelt, getödtet und bei Seite geschafft zu haben, fiel natürlich auf die Kuniszewskischen Eheleute. Dieselben wurden sofort verhaftet und nach einem ersten Verhöre in Ketten nach dem hiesigen Gefängnisse gebracht, begleitet von den Verwünschungen der Bevölkerung. Am Freitag erschienen hier der Staatsanwalt von Bromberg, sowie die zuständigen Medizinalbeamten, und die von denselben im Beisein der Verhafteten vorgenommene Sektion der kleinen Leiche ergab unter Anderem, daß das Kind bei seiner Verscharrung noch gelebt haben müsse. Die Mörder müssen dasselbe also noch lebend eingescharrt haben. Die weitere Untersuchung wird ja ergeben, ob die Eltern des Kindes wirklich an demselben das scheußliche Verbrechen, welches sie, verleitet und angespornt durch antisemitische Verhetzungen, gern den Juden aufbürden möchten, begangen haben. Das sind die Früchte der litterarischen Judenhetze, wie sie von Leipzig und Berlin aus systematisch betrieben wird! r. Breslau, 3. August. Ich beeile mich. Ihnen mitzutheilen, daß auf Grund der Anträge des Preisrichterkollegiums der Moriz- Rappaportstiftung in Wien der Vorstand der dortigen Gemeinde der Arbeit von den Doktoranden Paul Rieger und Hermann Vogel st ein als „Anerkennung" einen Betrag von 1000 Gulden „im Hinblick auf die großen Vorzüge des Werkes" zugesprochen hat. Die gleiche Anerkennung ist auch der Arbeit des Herrn Dr. A. Berliner zu Theil geworden. Das Thema des Preisausschreibens lautete: „Geschichte der Juden in Rom seit ihrer ersten Niederlassung in der Hauptstadt des römischen Reiches bis zum Verschwinden des römischen Ghetto unter der Regierung des Königs Humbert I." (Das Werk von Dr. A. Berliner ist soeben im Druck erschienen und wir werden auf diese in jeder Beziehung ausgezeichnete und verdienstvolle Arbeit demnächst ausführlich zurückkommen. Die Red.) 8. F. Halle a. d. S., 2. August. Die Jubelfeier der Friedrichs- Uni v er sit ät hat durch jenes schöne durch den Telegraphen bereits bekannte Kaiserwort von der Nothwendigkeit der freien Forschung eine besondere Weihe erhalten. Der. gegenwärtige Rektor, der bekannte freisinnige Theologe Professor Dr. Beyschlag. nahm diese kaiserliche Botschaft mit wärmstem Danke entgegen; in der Aula stand dieser trotz seines hohen Alters noch jugendfrische Mann durch mehr als zwei Stunden jedem einzelnen der begrüßenden Herren Rede und Antwort in gedankenreichen Reden, die auch uns hier interessiren; so seine Ansprache an den Vertreter der ausländischen Hochschulen, Professor Stokes aus Cambridge, über die völkerverbindende Macht der Wissenschaft. Unser Glaubensgenosse, Professor Julius Oppert aus Paris, Mitglied des Instituts, gehörte ebenfalls zu dem vielsprachigen Gelehrtenkongreß/ der der berühmten Jubilarin an der Saale zu hulhigen sich versammelt hatte; außer den Abgesandten der deutschen Universttäten waren die Schwesteranstalten Oesterreichs und der Schweiz — die Universität Bern durch Herrn Professor Dr. Ludwig Stein — sämmtlich durch Delegirte vertreten In der stattlichen Schaar der früher von Halle Promovirten befindet sich auch eine große Zahl von Rabbinern. Und auch die Wissenschaft des Judenthums nahm, wie sie durch hervorragende Gelehrte in