Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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58. Jahrgang. Nr. 32. serun, w.A«g«st 1394. Neitcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. A. L. Berlin, 8. August. Heute haben wir eine um das Wohlthätigkeitswesen innerhalb unserer hiesigen Gemeinde wohlverdiente Frau trauernd zu Grabe getragen. Caroline Meyer ist ihrem Gatten, dem sie in treuer Liebe zugethan war, bald ins Grab gefolgt. Wie wir in dem Letzterem gewidmeten Artikel in Nr. 52 des vergangenen Jahres hervorgehoben haben, war das menschenfreundliche Wirken dieses Ehepaares einander ergänzend und fördernd. Caroline Meyer ist in ihrem 66. Lebensjahre kinderlos von hinnen gegangen; aber Hunderte armer oder verwaister Kinder unserer Gemeinde beweinen den Tod einer edlen und noch mehr fürsorglichen Wohlthäterin. Wie sie vor elf Jahren auf Anregung ihres Gemahls und in Gemeinschaft mit ihm die Chanukahbescheerung ins Leben rief, stand sie feit dieser Zeit als Vorsitzende an der Spitze des Chanukahkomitees und wußte durch das fördernde Beispiel rastloser Thätigkeit für den edlen Zweck aus den Kreisen vornehmer und edelgesinnter Damen sich Mitarbeiterinnen zu erwerben und heranzubilden. Und wenn, wie wir hoffen, mit dem so rasch aufeinanderfolgenden Hinscheiden dieses Ehepaares, deren Werk nicht untergehen wird, so haben wir es der nun Heimgegangenen zu verdanken, die durch eigene Begeisterung auch die Gleichgesinnten mit sich sortzureißen wußte. Wie sie als liebevolle Gattin ihren ganzen Lebenszweck darin sah, ihrem Mann eine treue Gehilfin zu sein, wie sie als Hausfrau es verstand, ihr Heim zu einem Sammelpunkt der Intelligenz unserer Gemeinde zu machen, so hat sie die Aemter, mit denen sie das Vertrauen der Gemeindebehörden oder ihrer Mitbürger beehrt, als ein willkommenes Arbeitsfeld zum Nutzen der Menschheit, besonders zum Wohle der Armen und Verlassenen unter-ihren Glaubensgenossen, betrachtet. Mit rastlosem Eifer gab sie sich den ihr gestellten Aufgaben hin, mit ernstem Sinnen und Anspannung aller ihrer reichen Geisteskräfte dachte sie sorglich nach, wie mit den vorhandenen Mitteln am besten zu helfen sei, am meisten erreicht werden könne. Und wo der gereiste Verstand erfahrener Männer diese manchmal im Stiche ließ, da war es ihr angeborener feiner Takt, der Mittel und Wege angab, zu helfen und zu schaffen. So sehen wir sie mehr als fünfundzwanzig Jahre lang als Ehrendame, zuletzt als Vorsitzende der Ehrendamen der jüdischen Gemeinde-Mädchenschule wirken und das Erziehungswerk dieser Schule trefflich ergänzen. Als im November v. I. das fünfundzwanzigjährige Jubiläum dieser edlen Frau gefeiert wurde und bei dieser Gelegenheit der Dirigent der Mädchenschule Herr Dr. Adler das Verdienst der Jubilarin um die Mädchenschule hervorhob, da war es wiederum ihr Takt, der Caroline Meyer in, wir möchten sagen, mädchenhafter Bescheidenheit, trefflich und zugleich sachlich antworten ließ. Als Mitglied der Waisenkommission vertrat sie bei vielen armen verlassenen Waisenmädchen Mutterstelle. Wie wußte sie da Ernst und Milde zu paaren! Wie hat sie gelobt und ermuntert, aber auch, wo es nöthig war, getadelt und gestraft! Wie war sie als echte Mutter auch um das geringste besorgt! Und mit welcher Liebe hingen aber auch die Waisenmädchen an dieser ihrer Ehrendame! Diese Liebe wird Caroline Meyer weit über das Grab hinaus begleiten, und die Thränen der Armen, denen sie eine treue Beratherin und Helferin war, werden das schönste Denkmal für sie sein. Sie ruhe in Frieden! — Berlin, 8. August. In Charlottenburg starb am 25 v M. nach längerem Leiden Dr. med. Isidor Cohnslein, vormals Dozent für Frauenheilkunde in Berlin und Heidelberg. 1841 zu Gnesen in der Provinz Posen geboren, bezog Isidor Cohnstein, auf dem Gymnasium zu Posen vorgebildet, 1860 die Universität Berlin, um hier unter Reichert, du Bois-Reymond, Lieberkühn, Virchow, Langenbeck, Recklinghausen, Traube, Jüngken, Martin und Schöller Medizin zu studiren. 1862 gewann er mit einer Arbeit über den Muskeltonus den Preis der Berliner medizinischen Fakultät. Einen zweiten Preis erhielt er für die nämliche Arbeit noch im selben Jahre von der Brüsseler medizinischen Akademie. 1863 promovirte Cohnstein mit einer Untersuchung zur Frauenheilkunde (ve haematocele uterina nonnulla) in Berlin zum Doktor. Nachdem er im Jahre darauf die ärztliche Staatsprüfung abgelegt hatte, wandte er sich nach Prag, um sich unter der Leitung von Seyffert in der Frauenheilkunde weiter auszubilden. Nach seiner Rückkehr ließ er sich in Berlin als Frauenarzt nieder. 1868 habilitirte er sich bei der Berliner Universität für Geburtshilfe und Gynäkologie. 1877 siedelte er nach Heidelberg über, wo er gleichfalls zum Lehrkörper * der Universität Zugang fand. Während der letzten Jahre hatte Cohnstein seinen Wohnsitz in Charlottenburg. Außer einer Reihe von Einzelstudien über Innervation des Uterus, operative Geburtshilfe, gynäkologische Diagnostik, über Perforationsmethoden u. a. m. veröffentlichte Cohnstein Lehrbücher der Geburtshilfe und Frauenheilkunde, die mehrfach neu aufgelegt worden sind. * Berlin, 3. August. Der Hofantiquar I. A. Lewy, eine iu den Kreisen der Kunstkenner und Liebhaber wohlbekannte Persönlichkeit, ist zu Potsdam in seinem 78. Lebensjahre verstorben. Lewy hatte ein außerordentliches Verständniß für Metallarbeiten: in Bezug auf Eisenarbeiten war er eine unbestrittene Autorität. In seinem Geschäft, das hinter dem Gießhause lag, wurde er öfter auch von dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm ausgesucht. Bekannt ist die Geschichte von dem Tausch, den Lewy mit dem leutseligen Prinzen machte, der sich im Besitz einer Renaissancenadel befand, die Lewy vor langen Jahren entkommen war und auf die er um so mehr Gewicht legte, als er sie von seinem ersten Verdienst gekauft hatte, einem Dukaten, den ihm König Friedrich Wilhelm III. hatte zukommen lassen. Der Kronprinz wiederum hatte die Nadel von seinem kaiserlichen Vater als Geschenk erhalten; wie sie an Kaiser Wilhelm gekommen war, konnte nicht mehr aufgeklärt werden. Lewy löste sich die Nadel gegen eine Reliquie von der Königin Luise ein. Als Berather und Vermittler für den Ankauf und Verkauf von Antiquitäten besaß Lewy namentlich auch das Vertrauen hocharistokratischer Kreise. Die Beerdigung fand auf dem israelitischen Friedhof in Weißensee statt. L2 Berlin, 5. August. Das historische Seminar der hiesigen Universität ist durch eine Stiftung aus dem Nachlaß des im vorigen Jahre plötzlich verstorbenen Geschichtsforschers Dr. S. Löwenfeld, der sich insbesondere durch seine Geschichte der Päpste einen Namen erworben hat, vermehrt worden. Die Erben haben sämmtliche Bücher geschichtlichen Inhalts aus dem Besitz des Gelehrten dem Seminar übergeben, und die noch rückständigen Honorare für seine Vorlesungen sollen zur Vermehrung der Bibliothek verwendet werden. Nach dem Wunsch der Erben ist jene Stiftung abgesondert aufgestellt und als Löwenfeldsche Bibliothek bezeichnet worden. L2 Berlin, 5. August. Wie aus Bern telegraphisch gemeldet wird, hat die dortige Universität vor Beginn der Sommerferien Herrn Professor Dr. M. Lazarus zum Ehrendoktor ernannt. L. war von 1860—1866 ordentlicher Professor der Philosophie in Bern und wir dürfen wohl annehmen, daß die Universität dem berühmten Gelehrten anläßlich seines bevorstehenden siebzigsten Geburtstages ihre Anerkennung und Dankesschuld abtragen wollte. Berlin, 6. August. William Schönlank, General-Konsul der Republiken Salvador und Haiti, feierte am 5. d. Mts. seinen achtzigsten Geburtstag. Geboren am 5. August 1814 als Sohn eines Kaufmannes in Märkisch-Friedland, hat sich William Schönlank in Berlin schon längst eine zweite Heimath begründet. Für die Rüstigkeit, deren sich der Achtzigjährige erfreut, spricht wohl am besten die Thatsache, daß er unlängst die Reise nach Stockholm zur Theilnahme am Amerikanistenkongreß angetreten hat. In der schwedischen Hauptstadt verbringt er auch seinen achtzigsten Geburtstag. Die Bedeutung unseres wackern alten Mitbürgers beruht in der regen Förderung und Antheilnahme, die er allen wissenschaftlichen Bestrebungen auf dem Gebiete der Natur-,