Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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382 die Thür hinter sich zuschlagend. Dies war ein noch nicht dagewesener Verstoß gegen die Eltern. „Ist nicht wieder etwas Unreines in ihn gefahren?" fragten die Alten einander. Endlich gelangten sie aber zur Einsicht, daß in den Reden des Sohnes doch ein guter Kern stecke, und daß, so lange die Mutter zu Bette sei, sie Alle den ärgsten Befürchtungen einer, Gott verhüte es, noch weit schlimmeren Zukunft ansgesetzt wären. „Ich muß mich retten," beschloß die Mutter; „seit einigen Tagen ist mir sehr schlecht," stöhnte sie schmerzlich. Bis jetzt hatte sie keinen Arzt zu Rathe gezogen; sie hatte gar kein Vertrauen zu diesen, dann kargte sie auch mit dem blutig erworbenen Gelde; und da sie der Meinung war, daß die Ueberaiistrengung die einzige Quelle ihres Leidens sei, so sagte sie sich fortwährend: „es geht vorüber, wenn ich nur ordentlich ausgeruht sein werde." Endlich aber entschloß sie sich zu einem entscheidenden Schritte. „Mann, hier hast Du zwanzig Gulden, Morgen wirst Du mit Jizchak zu unserem Zaddik fahren." Als man Jizchak diese Mittheilung machte, war er sehr erfreut, und am folgenden Tage machte er sich in Gesellschaft seines Vaters mit einem Lohnfuhrwerk nach der Residenz des wunderthätigen Rabbi auf. VIII. Wirfst du einen Stein in den ruhigen Krystall des Wassers, dann schäumt der weiße Gischt empor, die Wellen brodeln eine Weile, dann aber glättet sich die silberne Fläche und in geioohnter Ruhe gleiten die Fluthen dahin. Der Stein aber, der die Ruhe und den Glanz des Wasserspiegels getrübt halte, fällt schwer auf den Grund, drückt und zerstört dort die zarten Pflanzen. Der Stein, der in die Tiefe der Menschenieele fiel, übt eine ähnliche Wirkung. Solcher Streiche gar viele hatte Jizchaks Seele in letzter Zeit erlitten. Nach jedem Hiebe schäumte und kochte es in ihm, aber nicht lange; das Antlitz glättete sich rasch, jedoch die Blume seines Glaubens an die irdische und in die übersinnliche Welt, sie ging dahin unter der Wucht der sie erdrückenden Steine. Und diese kamen von allen Seiten hcrabgestürzt. Wie einer anderen Welt angehörend, hatte er bis jetzt gelebt; träumend war er durch das summende, wimmelnde Leben des Städtchens geschritten, ohne zu fragen: „warum, wozu?" Gedankenlos und nur im äußersten Nothfalle hatte er Antheil am praktische» Leben genommen; betrachtete er es doch nur als Vorhaus, als Eingang zu einem ewigen Leben. Jetzt aber hatten sich plötzlich die Sinne des Jünglings geschärft; weit riß er die Augen auf und bemerkte Lichter und Schatten, die er nie gekannt; er streckte die Hände empor und traf auf Dornen und Hemnisteine, die er nie gefühlt. Zum Hauptpunkt, an den fortwährend die Wogen seines Denkens schlugen, wurde die Ueberzeugung, daß der Wunderrabbi nichts Anderes sei als ein Mensch, und zwar ein Mensch tief unter jenem Musterbilde stehend, welches sich die Jünglingsseele im Banne der häuslichen Ueberlieferung und der eigenen Wünsche geschaffen und erträumt hatte. Jizchak sah ein elendes, schmutziges, übelriechendes Nest, die Bewohner gebeugt und in Fetzen; hoch über ihnen aber thronte der Zaddik. Er sah einige hundert junger, gesunder Männer, die an seinem Hofe lebten und ihre Zeit mit Gebeten, Erzählungen der Größe des Rebbe und schwelgerischen Saufgelagen ausfüllten. Dies empörte ihn unsäglich, denn er verachtete den Müßiggang und glaubte, daß der! Zweck eines gottgefälligen Lebens das Erforschen heiliger Wifsenschaft sei, lischmo (das Lernen um des Lernens selbst willen). Er sah die nächste Umgebung des Zaddik. Seine Adjutanten regierten mit der Faust und der geistigen Uebermacht. Um vor seinem Antlitze erscheinen zu dürfen, mußte man die Leibtrabanten bestechen; für einen guten Platz an seinem Tische während des Sabbathmahles verlangten sie ein Geldgeschenk; sonst bewirtheten sie Junge und Alte mit Faustschlägen und Ohrfeigen und ließen sie oft wochenlang vor der Thür warten. Er sah den Zaddik selbst, einen kleinen, dicken Mann, mit bohrendem Blick und rothem Bart, welcher über dreißig Jahre zählte, und in einem weißen Talar gehüllt, Jedem die Hand zum Gruße „schillern alejchem“ entgegenstreckte, bei dieser Gelegenheit den „Pidjon“ in Empfang nehmend. Alles wurde rasch adgefertigt, Alle waren von dem unverständlichen Gemurmel seiner Segenswünsche und seinem wunderbaren Angenverdrehen bezaubert, Jedem gab er sein eintöniges „Geh, Gott wird helfen" mit auf den Weg. Ferner sah ihn Jizchak, wie er unter dem Beistände seiner getreuesten Chassidim die samstägliche Nachfeier abhielt, umdrängt von einem hundertfachen Gewirr von Köpfen, welche ihn wie einen Fetisch anstarrten. Der Zaddik nahm nie irdische Speise zu sich; durch ein Wunder Gottes wuchs der Umfang seines Bauches; von jeder Schüssel kostete er blos zwei kleine Biffen, das Uebrige vertheilte der Gabhe unter die Anwesenden, tvelche diese Reste reichlich bezahlten. Darauf verkündete seine Heiligkeit Gottes Worte. Jizchak wußte seine eigenen Kenntniffe wohl zu schätzen; in dem Chaos rabbinischen Wiffens bewegte er sich mit der Leichtigkeit eines gewiegten Kenners; deßungeachtet verstand er beinahe kein Wort von dem spekulativen Theile des gehörten Vortrages, welcher kabbalistischen Inhaltes war; der Zaddik zergliederte das Buch Sohar. Aber alle Anwesenden ergötzten sich an diesem himmlischen Schmause. Zuletzt sah er einen herrlichen Wagen von einem Viergespann prächtiger Grauschimmel gezogen; in dem Wagen aber machten sich Frau und Enkelinnen des „guten Juden" breit, alle mit goldenen Ketten und Ringen geschmückt, sich dem gaffenden Volke in immer neuem, aus Wien bezogenem Putze zeigend, während die hungrige, zerlumpte Menge dem Zaddik ihr Letztes brachte, um ein Wort der Rettung, des Trostes und der Hoffnung zu finden. Dies Alles sah Jizchak, und dies faßte in seinem Gedächtnisse tiefe Wurzeln. Er mußte gestehen, daß die Welt des Wunderthäters keine Welt der Weisheit. Reinheit und Gottesfurcht sei. Was hatte ec denn Merkwürdiges vollbracht, dieser Zaddik? Daß er als der Sohn des alten Zaddik zur Welt zu kommen geruht hatte? Daher seine Heiligkeit und die ihm gezollte Unterwürfigkeit. Aber dies war noch nicht Alles. Eines Tages wurde ein junger „Batlan", der sich an den Zaddik gedrängt hatte, vom Gabbe weidlich geoyrfeigt. Wüthend und beschämt eilte er nach Haus, betrank sich dort feierlichst, und begann darauf ganz leise zu erzählen von Betrügern und Koniödianten, sehr intereffante Geschichten in der That. Jizchak verließ den Sitz des Zaddik als ein Gegner seiner Persönlichkeit im Einzelnen und der von ihm dargestellten Einrichtung im Allgemeinen. Dieser Unglaube war eines der Glieder an der sich immer verlängernden Kette seines Zweifels. Seine Eltern und Nächsten betrachteten den Glauben an den Wunderthäter aber als die Grundlage der Religion. (Fortsetzung folgt.)