Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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381 nicht mehr im Stande, sich zu erheben; der Athem geht schnarrend, und sie klagt über Schmerzen im Kreuz, in den Gelenken n. s. w. „Es ist nichts, es geht vorüber," beruhigte sie ihn; aber dennoch stöhnte sie die ganze Nacht hindurch, und am nächsten Morgen war ihr's, als hätte sie alle Knochen entzwei und einen Mühlstein auf der Brust. Wenn auch der Mann als das Haupt der Familie galt, war sie in der That deren einzige Ernährerin. Jetzt entstand im Hause Noth und Verwirrung. Als aber einige Tage vorübergingen, Woche auf Woche folgte, und Mirjam ganz kraftlos ward und ihr Schmerzenslager nicht verlassen konnte, — zog Verzweiflung in die enge Stube der Graf's. Und was das Schlimmste war, — Mirjam mußte ihr geheimes Säckchen auftrennen und den im Schweiße ihrer Stirn erworbenen Sparpfennig nach und nach ihrer Tochter für den laufenden Hausbedarf geben. Bitterlich begann sie zu tveinen, als sie den ersten Papiergulden diesem Versteck entnahm, laut schluchzte die Tochter; dieses Geld hatte ihre Mitgift bilden sollen . . . und nun . . . Der fromme Reb Mendel setzte sein bisheriges Leben fort. Jizchak aber empfing seine primitive Kost gedankenlos aus den Händen der Schwester; er war um die Mutter sehr besorgt, aber weniger um den Stand der Finanzen; doch der Lauf der Ereignisse und die häuslichen Stürme wirbelten ihm doch eine neue Jdeenreihe dnrch's Gehirn, von der zu allererst sich die Frage erhob: „Warum ernährt nicht der Vater die Familie?" Und ein Gefühl der Scham überkam den Jüngling, wenn sein Vater, der nie etwas nach Hause gebracht hatte, sich demüthig deni kranken Weibe näherte, sie um einige Kreuzer für Schnupftabak bittend. „Warum arbeitet er nicht, warum erwirbt er nichts?" fragte sich Jizchak. „Müßiggänger, Taugenichts, Tagedieb," rief auch eines Tages Mirjam ihrem Gatten zu. „Warum verdienst Du nichts?" In Jizchaks Kopfe begann ein neuer Sturm zu wttthen; als er aber aus der Stube trat, hörte er vor dem Hause ein Stöhnen und bitteres Schluchzen. Er näherte sich — cs war sein Vater, der wie ein hilfloses, schwaches Kind schluchzte. „Siehst Du mich. Jizchak," stöhnte der Alte mit halberstickter Stimme. „Wenn Gott gewollt hätte, wäre ich ein großer Rabbi geworden, und jetzt bin ich ein Bettler. Im Hause ist Elend, bald wird der Hunger an uns nagen, und ich . . ., was habe ich von meiner Frömmigkeit, was habe ich von meinem vielen Misten? Man hat mir gesagt, was ich thun soll, um ins Paradies zu kommen, was man unterlassen muß, um ein richtiger Chaflid zu werden, aber wie man anfangen soll, ein Stück Brod zu haben, das hat man mich nicht gelehrt." Und wieder brach er i» Thränen aus. „Das habe ich nicht im Talmud gefunden, darüber schweigen alle heiligen Bücher und alle Rabbis. Ich Unglücklicher, ich Elender, Schande über mich!" Lautes Schluchzen unterbrach wieder seine Rede. „Und wenn ich wenigstens Kraft hätte," stieß er nach einer Weile hervor. „Aber wo . . . Der erste beste Flegel hat einen starken Nacken mib kann Träger sein, Wasser tragen oder Holz hauen. Und ich, weil ich mein Lebelang zur Ehre Gottes gelernt und gebetet habe, bin kraftlos, habe Hände wie Stöcke, zittere und muß ewig hinter dem Ofen sitzen. Was wird aus uns werde», — Ribo»e schel olem (Herr der Welt) was soll aus uns werden!" Anfangs war Jizchak von Scham und einem gewissen Widerwillen angesichts dieses Menschen ergriffen, der wie ein Kind jammerte und greinte. Aber^schon im nächsten Moment hatte er daran vergessen; hatte vergessen, daß dies sein Vater war, daß dort seine Mutter krank darniederlag, und daß ihrer Aller ein Morgen ohne Hoffnung und Aussichten warte. Ist es wahr, daß all' diese schrecklichen Dinge sein Vater gesagt hatte, der gesetzeskundige, der gottesfürchtige Chassid? Alsbald war ihm die ganze', finstere Wahrheit des soeben Gehörten, aufgegangen; die wirthschaftliche Lage so Vieler seiner Glaubensgenoffen ward ihm mit einem Mal klar, und er begann um sein eigenes Loos zu zittern. Er hatte eine verzweifelte Nacht; so viele Steine hatten sich aus der Mauer seines bisherigen Glaubens gelöst; so viele Bäume galt es zu entwurzeln, so viele neue Wege und Gedankenquellen mit schwerer Mühe zu finden. Am nächsten Tage sagte er zu seinen Eltern: „Ich bin ein gewiegter Talmudist, aber zum Rabbi werde ich's wohl niemals bringen. Ihr wißt ja, man müßte die halbe Gemeinde gewinnen, und so reich werde ich doch nicht sein. Uebrigens, vielleicht möchte ich nicht einmal wollen. Ich habe auch gesehen, wie Du, Mutter, im Schweiße Deines Antlitzes um einige elende Groschen gearbeitet hast. So ein Geschäft wäre nicht für mich. Einen Laden kann ich mir auch nicht errichten, denn ich sehe, >vie schlecht es meinem Schwager geht, welcher mir sagt, daß die Bauern sich sehr geändert haben, und daß wir in der Stadt bald mehr Handlungen als Käufer haben werden. Dann braucht man zu jedem Geschäft etwas Geld. Was bleibt mir also zu thun übrig, wenn ich ein ehrlicher Mann bleiben und nicht Hungers sterben will? Nun, ich werde ein Handwerk erlernen." Ein Schrei der Entrüstung entfuhr plötzlich den Lippen der Eltern. „Du willst Handwerker werden?" Diese Idee erschien ihnen so ungeheuerlich, so demüthigeud, daß der Vater, der sich wieder in seiner Alltagsstiinmnng befand, sich zu schütteln begann, als wäre ihm ein entsetzlicher Anblick zli Theil geworden; die Mutter aber, die sich im Bette nicht zu erheben vermochte, hatte ein rothes, aufgedunsenes Gesicht und focht mit den Händen in der Luft herum. „Du, Jizchak, ein Handwerker!" Langsam beruhigten sie sich. Dann begann aber Mirjam zu erzählen, wie viele Jahre sie in dem Gedanken lebe, daß ihr Sohn ein Rabbi, ein „6avn" werden sollte; wie diese eine Hoffnung die Triebfeder ihrer Thätigkeit, der Sporn in ihren Leiden gewesen sei, und wenn sie diesen Gedanken aufgeben müßte, wozu brauchte sie fortan noch zu leben? Auch dem Vater, der heute schon ein ganz Anderer war, als er gestern Abends gewesen, erschien diese Absicht wahnwitzig. Wie — so tief sollte ein „Ihij“ sich erniedrigen, in solch' einen Schlau»» herabsteigen? Er, der Nachkomme so vieler berühmter Talmudisten, der Blutsverwandte so vieler Rabbis, er sollte ein Schusterjunge, sollte Tischlergeselle werden? Dies wäre lächerlich, wenn es nicht haarsträubend sein würde. „Aber ich werde bei Euch zu Grunde gehen," rief der verzweifelte Jüngling. „Nu. nu," beruhigte die Mutter, „so schlecht wird es nicht sein. Ich habe noch genug baares Geld. Und dann - kannst denn Du nicht thun, was so viele andere junge Leute thun? Kannst Dich bei den Reichen verköstigen? . . ." „Nie," erwiederte Jizchak, — „das ist Bettelei, wenn der Mensch zehn gesunde Finger hat." Lange dauerte der Streit; Alle wurden erregt, und endlich geschah etwas Unerhörtes: Jizchak verließ in höchster Wuth die Stube,