Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
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Die erste in der Bibel erwähnte Beerdigung eines Leichnams, nämlich die der Sarah (1. Mos. 23), wird nicht als eine von Abraham zuerst erfundene und angewandte Art der Bestattung bezeichnet. sondern als etwas längst Bekanntes und darum Selbstverständliches vorausgesetzt, und auch der kanaanitische Volksstamm der Hetiter, dem er seine Bitte um Ueberlassung eines Erbbegräbnisses vorträgt, findet in diesem Verlangen nichts Fremdartiges und Ausfallendes und bietet ihm den vorzüglichsten seiner Begräbnißplätze an 131*Op 1N222- Daraus ist ersichtlich, daß die Sitte des Begrabens bei den Hebräern und Kanaanitern schon zur Patriarchenzeit heimisch war, und daß sie nicht von Aegypten erst nach Palästina gebracht wurde. Seit dieser Zeit erhielt sie sich durch das ganze biblische Alterthum, und selbst auch da, wo man von einem Orte zum andern wanderte und keine Sicherheit für die Erhaltung der Grabstätte gegeben war. Die Stammväter werden in der Höhe Machpela begraben; Jakob beerdigt seine Frau Rahel auf dem Wege nach der Stadt Efrath (1. Mos. 35, 19); Deborah wird unterhalb Bet-El begraben (ibiä. 8); in der Wüste wird für Mirjam, die Schwester Mosis, ein Grabhügel aufgeworfen (4. Mos. 20, 1); diese selbst nimmt die Gebeine Josefs mit bei dem Auszuge aus Aegypten, um sie seinem Vermächtniß gemäß im Lande Israel beizusetzen (2. Mos. 13, 19 und Josua 24, 32); ferner die Beerdigung Mosis (5. Mos. 34, 6). Das Begraben war bei den Israeliten festgewurzelte Sitte, von der nachweisbar selbst in den Zeiten des Verfalls der Religion und des Abfalls von Gott nicht gelassen wurde. Beerdigungen finden sich in den Zeiten der Richter (8, 23 und 16, 31), und selbst Könige, wie Jerobeam und Ahab, die mit Vorliebe heidnischer Sitte folgten, sind bestürzt bei der Voraussagung des üLer ihre Häuser hereinbrechenden Strafgerichtes, das vornehmlich darin bestehen sollte, daß ihre Mitglieder auf dem Felde fallen, unbeerdigt bleiben und eine Beute der Hunde und Raubvögel werden sollten (1. Kön. 14,11 und 21, 24); „nur Jerobeams Sohn Abija würde von ganz Israel betrauert und begraben werden, weil an ihm etwas Gutes gefunden ward gegen den Ewigen, den Gott Israels" (ibiä. 14, 13). Selbst die phönizische Königstochter Jsebel, in deren Heimathsland die Feuerbestattung üblich gewesen sein soll, hätte, einem Aufträge Jehus zufolge, beerdigt werden sollen, „weil sie eine Königstochter war" (2. Kön. 9, 34). Nichts galt für so entehrend und grausenhaft, als unbeerdigt liegen bleiben zu müssen (Jerem. 9, 21); „du aber bist hingeworfen fern von deinem Grabe wie ein verabscheuter Zweig" (Jes. 14, 19). Und von Jason heißt es (2. Makkab. 5, 10): „Er, der viele unbegraben hingeworfen, blieb unbeweint und ward weder eines väterlichen Grabes noch eines Leichenbegängnisses theilhaft." Aufgefundene oder verlassene Leichname ni2C2 na zu begraben, galt als vorzügliches Liebeswerk, dem sich selbst der Hohepriester, der nach 3. Mos. 21, 11 selbst an den Leichnamen seines Vaters und seiner Mutter sich nicht verunreinigen durfte, nicht entziehen konnte (Sifra z. St. 21, 11). „Wenn ich einen aus meinen: Geschlechts todt und hinter die Mauern Ninives geworfen sah, so begrub ich ihn" (Tobit 1, 17 und 2. 8). Auch der Hingerichtete Missethäier mußte noch (5. Mos. 49, 23) vor Sonnenuntergang beerdigt werde»; „du sollst seinen Leichnam nicht über Nacht an dem Holze lassen, sondern du mußt ihn begraben an demselben Tage, denn eine Entwürdigung Gottes ist ein Gehängter"; durch die Sünde wird die Gottähnlichkeit nur getrübt, aber nicht völlig zerstört, auch in dem schwersten Verbrecher ist das Ebenbild Gottes noch erhalten und darf durch Versagung einer Berdigung nicht geschändet werden. '' Ein ergreifendes Bild treuer Mutterliebe und einen Beweis hoher Achtung vor dem verstorbenen Leibe, der nur im Grabe Ruhe finden kann, bietet die Erzählung (2. Sam. 21, 10.13). Rizpah hütete die Leichname ihrer gehängten Söhne bei Tag und Nacht und verscheuchte von ihnen die Vögel des Himmels und das Wild des Feldes vom Anfang des Frühlings bis zur Zeit der Ernte, bis die Gebeine der Hingerichteten im Aufträge des Königs David gesammelt und in das Grab Sauls gebracht wurden. Die Stätte, wo die Gebeine der Eltern ruhten, hielt man für geweiht; „zu den Vätern versammelt zu werden" und mit ihnen auch nach dem Tode räumlich vereint zu sein, darnach sehnte sich die Seele der Stammväter nicht nur, das gleiche Verlangen findet man auch in späterer biblischer Zeit. „Laß doch deinen Knecht zurückkehren, daß ich sterbe i» meiner Stadt neben dem Grabe meines Vaters und meiner Mutter" (2. Sam. 19, 38). „Wie sollte mein Angesicht nicht traurig sein, da die Stadt, die Begräbnißstätte meiner Väter, verwüstet ist und ihre Thore vom Feuer verzehrt sind?" (Neheni. 2, 3). Und als die Juden 1492 Spanien verließen, sah man Viele die Leichname auf ihren RückenLtragen, die sie zum Gedächtniß ihrer Ahnen Mitnahmen. Einblick in die Volksseele gewähren auch die Namen, die man dem Friedhofe beilegte, und die zum Theil biblischen Ursprungs sind: „Versammlungsort für alles Lebende", „Lebensstätte", „guter Ort". Tod und Grab waren in der Vorstellung so eng verbunden, daß man sich den Tod ohne Grab kaum denken konnte und der Sprachgebrauch oft für den Tod kurzweg Grab setzt. „Giebt es keine Gräber in Aegypten, daß du uns genommen hast, um in der Wüste zu sterben?" (2. Mos. 14, 11). „Im reifen Alter wirst du eingehen zum Grabe, wie sie ein Garbenhaufen sich thürmt zu seiner Zeit" (Job 5, 26). „Mein Lebensgeist ist zerstört, die Gräberstätte wartet mein" (idiä. 17, 1). „Zum Grabe sage ich: „Du bist mein Vater!" (idiä. 14). „Und viele von denen, die im Staube ruhen, werden erwachen" (Daniel 12, 2). 2. Von Leichenverbrennung ist wohl in der Bibel die Rede, doch ist sie nie bei den Juden zur Sitte geworden; sie findet sich, abgesehen von jenen Fällen, in welchen das Verbrennen als Todesstrafe erscheint, wegen Uebertretung der Ehe- und Keuschheitsgesetze. wegen Unzucht und Buhlerei (1. Mos. 38, 24 und 3. Mos. 20,14), auch da, wo besondere Umstände dies geboten, z. B. in Zeiten der Pest, wo zum Begraben nicht Zeit und Leute genug waren, aber auch da wurden die Gebeine fast immer beerdigt. Die fragliche Stelle lautet: „Und es trägt ihn fort sein Vetter und der ihn verbrennt 121221 1111 IKtMl, um die Gebeine hinauszubringen aus dem Hause" (Amos 6, 10). Wegen der Menge der Todten (vergl. idiä. 8, 3 “Ü21 21) wird kein Raum mehr sein, sie ° zu begraben, die man also nicht blos hinwirft und »»begraben läßt, deren Leichen werden verbrannt, und nur ihre Gebeine, die wenig Raum einnehmen, bestattet (Hitzig). Uebrigens ist der Ausdruck 121221 in seiner Bedeutung nicht sicher gestellt, manche übersetzen ihn: „sein Oheim" (Raschi und Redak). Ob das Verbrennen der Leichen in Kriegszeiten üblich gewesen sei, kann nicht mit Gewißheit angenommen werden. Die Bewohner der Stadt Jabes in Gilead holten die Leichname Sauls und seiner Söhne, die im Kriege gefallen waren, und verbrannten sie, die Gebeine aber begruben sie (1. Sam. 31, 12.13). Die Kommentatoren meinen, sie hätten die Leichname verbrannt, um sie weiteren Unbilden seitens der Feinde zu entziehen, oder weil sie bereits verwest waren (Redak und Abravanel z. St.), nach Jonathan und Raschi seien ihnen Brände nach Art der Könige veranstaltet worden. Daß übrigens in den Tagen des Königs Saul die Beerdigung die all-