Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S76 berufen ist, die Subbathlichter anzuzünden, also gleichsam den Sabbalh festlich zu begrüßen, wie die Frau nach altjüdischer Tradition den eigentlichen Mittelpunkt des religiösen Lebens im Hanse zu bilden hat. Indem Redner aus der altjüdischen Vergangenheit, aus dem altjüdischen Familienleben zahlreiche Beispiele hervorragender, gottbegeisterter Frauen aiizuführen wußte, fiel sein Blick auf die jüdische Frau der Gegenwart, und hier gestalten die Vergleiche sich nicht gerade in allen Theilen zu Gunsten der letzteren. Indessen dürfen wir hoffen, daß sich auch hier im Laufe der Zeit noch manches zum Bessern wenden wird. So entwickelt der israelitische Frauenverein in unserer Gemeinde eine überaus segensreiche Thätigkeit und ist überall zu finden, wo es gilt, Hilfe zu bringen, Trauernde zu trösten, Freude zu spenden. — Letzteres geschieht namentlich gelegentlich des Chanukahfestes, gelegentlich dessen wohlgesinnte Frauen Hunderte von Schulkindern mit Kleider»:, Schuhen, Strümpfen rc. ausstatten und sie auch mit Kaffee und Kuchen reichlich bewirthen. Von edlen Frauen ging eine der segensreichsten Stiftungen unserer Gemeinde aus, die „Israelitische Waisenstiftung", welche sich der Aermsten der Verlaffenen liebevoll annimmt und für deren Erziehung und spätere Existenz mütterlich sorgt. Schon viel Gutes ist aus dieser Stiftung, die über ein namhaftes Kapital verfügt, hervorgegangen, und die Errichtung eines eigenen Hauses zur Unterbringung der Pfleglinge, welche bisher in geeigneten Familien erzogen wurden, dürfte in nicht allzu ferner Zeit zur Ausführung gelangen. Die Opferwilligkeit und der fromme Sinn unserer Gemeindemitglieder können sich gerade zu Gunsten dieser Stiftung am besten bethätigen. Es tritt hier einmal wieder recht deutlich zu Tage, daß Frauenwille, wenn er sich in den Dienst einer guten Sache stellt, das schöne Ziel, welches er austrebt, schneller erreicht, als es die „Herren" der Schöpfung zu thun vermöchten. — Diese Beobachtung könnte einigermaßen das Gefühl unseres männlichen Selbstbewußtseins trüben, wenn wir nicht die tröstende Gewißheit hätten, daß wir doch die edlen Bestrebungen der Frauen schließlich — zu. bezahlen haben. Damit soll aber das Verdienst der Frauen nicht gemindert werden, weil sie so meisterlich es verstehen, die M geknöpften Herzen zu öffnen — nicht, wie böse Menschen so oft behaupten, zur Befriedigung weiblicher Modebedürfnisse, sondern, wie iu unserem Falle, zu Gunsten meuschenfreundlichster Bestrebungen. j Nie Feuerbestattung. Von Bezirks-Rabbiner Dr. Stößel in Stuttgart. er Verein für fakultative Feuerbestattung in Stuttgart und wohl auch iu andern Städten macht gegenwärtig große Anstrengungen, die maßgebenden Körperschaften für seine Sache zu gewinnen. Falls die Bemühungen des genannten Vereins nicht ohne Erfolg bleiben und die Feuerbestattung auch unter unfern Glaubensgenossen Anhänger findet, werden die Rabbiner zu erwägen haben, wie sie sich vom religiösen Standpunkte aus zu der Frage der Verbrennung der Leichname stellen sollen, ob es biblisch und religionsgesetzlich zulässig ist, bei den Leichen derjenigen Personen, welche durch Feuer bestattet werden, oder bei den Aschenresten solcher Personen religiösen Beistand zu leisten, die üblichen Gebete zu verrichten und eine Leichenrede zu halten. Ich halte die Untersuchung dieser Frage im gegenwärtigen Zeitpunkte weder für eine müßige, noch für eine rein akademische, sondern für eine höchst praktische, und möchte den geschätzten Kollege» Veranlaffung geben, ihr näher zu treten. 1. Die Beerdigung war im biblischen Alterthum die ursprüngliche und allgemeine Art der Bestattung der To dien. Das Begraben der Todtcn ruht zwar nicht auf dem göttlichen Ausspruche: „Deun Staub bist du, und zum Staube mußt dli zurückkehren" (1. Mos. 3,19), indem hier nur davon die Rede ist, daß der Leib des Menschen, der aus Erde gebildet ist, sich wieder in Erde allflöst (vecgl. Maimonides: Jesode hathora 4, 4 und 9), aber die Vorstellung der Beerdigung scheint doch auch jenem Worte zu Grunde zu liegen. Der Geist des Menschen kehrt als Lebenshauch, den er von Gott empfangen (1. Mos. 2,7), nach der Trennung vom Leibe wieder zu Gott zurück, der Leib aber als Träger dieses gottähnlichen Geistes soll wieder der Erde zurückgegeben werden, der er entstammt. Dieser Gedanke findet sich oft in der heiligen Schrift: „Du verbirgst dein Antlitz, und sie erschrecken; du ziehst ein ihren Lebensgeist, und sie vergehen und kehren in ihren Staub zurück" (Psalm 104, 29); „Geht sein Odem aus, und er kehrt zurück zu seiner Erde" (Ps. 146,4); „Wenn seinen Geist und seine Seele er an sich raffte, so würde alles Fleisch zumal verhauchen, und der Mensch würde zurückkehren in den Staub (Job 34, 14, 15); „Der Staub kehret zurück zur Erde, was er war, der Geist aber kehret zu Gott zurück, der ihn gegeben hat" (Pred. Sal. 12, 7); „Ein schweres Joch liegt auf allen Söhnen Adams von dem Tage, da sie aus dem Schooß ihrer Mutter gehen bis zum Tage ihrer Rückkehr in die Mutter Aller" (Sirach 40,1); „Alles, was von der Erde kommt, kehrt zur Erde zurück, wie alles Wasser nach dem Meere zurückeilt" (ibid. 40,11). Man ist oft zu der Annahme geneigt, daß das Verbrennen der Leichname mehr nomadischen, kriegerischen Völkern augemeffen erschien, das Begraben dagegen den ackerbauenden mehr zusagte, denn wie sollten die umherschweifenden Hirten die Gebeine ihrer- Angehörigen aufs Ungewisse zurücklaffen, wenn sie wieder in andere Gegenden zogen? Dem an der Scholle klebenden Landmann dagegen sagte die stille Beisetzung in der Erde, der er auch sein Korn anvertraute, vor jeder andern Art der Bestattung zu. Diese Annahme findet durch die biblischen Berichte zum Mindesten keine Bestätigung; denn lange bevor die Menschen den Ackerbau kannten, scheinen sie ihre Todten schon der Erde anvertraut zu habe». Der erste biblische Mensch, welcher starb, war Abel, von dessen Bestattung nichts erwähnt wird, doch wird man nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß Kain den Leichnam seines ermordeten Bruders beerdigt habe, um die Spuren seiner Frevelthat auf die bequemste Art zu verbergen, denn nachdem er seine Hand mit Bruderblut befleckt hatte, kam es ihm darauf an, allen Verdacht von sich abzulenken und den Leichnam dem Auge zu entziehen, und da er ihn mit Erde bedeckt hatte, glaubte er in seinem unentwickelten Gottesbegriffe auf die Frage: „Wo ist dein Bruder Abel?" antworten zu dürfen: „Ich weiß es nicht!", indem er Gott in seiner Weise dachte, der nur das sehe, was vor Augen ist. Kain habe nicht gewußt, daß vor Gott auch die geheimen Dinge offen liegen, da habe er den Leichnam Abels auf dem Felde vergraben und zu Gott gesprochen: „Herr der Welt, hast du mich zum Hüter von Feld und Weinberg bestellt? Bin ich meines Bruders Wächter?" (Midrasch Jalkut 11a). Rach einer Sage a. a. O. habe der treue Hund Abels seinen Leichnam behütet vor den Thieren des Feldes und den Vögeln des Himmels, und neben saßen Adam und sein Weib weinend und klagend und rathlos, was mit dem Leichnam zu thun sei. Da erblickten sie, wie ein Rabe den andern, der todt zu Bodeir siel, in die Erde verscharrte; sie ahmten den Vorgang iu der Thierwelt nach und begruben ihren Sohn. Der Herr aber versagt keinem Geschöpfe seinen Lohn und „giebt Nahrung den jungen Raben, die da rufen" (Ps. 147, 9).