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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-10 · Heft 32 (10.8.1894) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 32 (10.8.1894)
Date
1894-08-10
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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374 wissen wohl, daß die Idee niemals durchgeführt werden wird, wir kennen Juden genug, die stets eine Ausnahmestellung einnehmen wollen, und zweifeln daher, daß jemals das drastische Mittel in Anwendung kommen wird. Darauf aber sündigen die Anderen, darauf wächst ihnen der Kamm und sie sind überzeugt, man dürfe sich gegen die Juden Alles erlauben, dieselben kommen dennoch wieder. In Baden wählt der ganze dritte Wahlkörper, also die Masse der Bewohnerschaft, wählt die Hälfte des zweiten Wahlkörpers, also ein großer Theil der sogenannten Intelligenz, antisemitische Gemeindevertreter; ist deshalb Baden von den Juden weniger besucht? Volenti non fit iniuria! Wenn alles dies den Sommerfrischlern recht ist, so geschieht ihnen kein Unrecht. Es ist allerdings weit gekommen, daß man solche Erwägungen halten muß; aber die Zustände sind traurig und man hat sich mit einer gewissen fatalistischen Apathie bereits gewöhnt, dieselben zu ertragen. Nur wenn wieder einmal so krasse Vorfälle, wie der jüngste in Weidlingau, an die Oeffentlichkeit gelangen, erinnert man sich förmlich, daß die Gesellschaft krank, sehr krank ist. Auf das Land hinaus zur Erholung darf allerdings nach solchen Szenen nur ein Theil der Gesellschaft, und zwar jener, der ungescheut andere Staatsbürger anfällt und sie blau schlägt. Liegt da besonders viel daran? Gewiß nicht, der Himmel ist ja in Weidlingau auch blau." So schreibt ein nichtjüdisches Blatt. Die jüdischen Blätter schreiben noch in einer ganz anderen Tonart und geben sich alle Mühe, ihre Glaubensgenossen aus dieser verhängnißvollen Lethargie wach zu rütteln. Mögen die einsichtigen und thatkräftigen Männer, an denen es ja gottlob in Oesterreich nicht fehlt, die einheitliche und zielbewußte Bekämpfung des Antisemitismus, der sonst in Oesterreich zu einer Katastrophe führen muß, bald und energisch in die Hand nehmen, ehe es zu spät wird und das verhängnißvolle trop tard, das in ihrem Baterlande schon so diel Unheil angerichtet, auch ihnen höhnisch oder mitleidig zugerufen wird. Are Woche. f Berlin, 7. August. ie Hetze des deutsch-sozialen Vereins zu Köln hat in dieser Woche das allgemeine Interesse beherrscht. Dieser Verein hatte Plakate an den Straßenecken ankleben lassen des Inhalts, daß ein Jude den Platz vor dem Christusbilde der St. Georgenkirche ans unerhörte Weise beschimpft habe. Der Schluß des Plakats lautete wörtlich: „Auffälliger weise schweigen die hiesigen Zeitungen bis zur Stunde über diesen empörenden Akt jüdischer Gemeinheit und Frechheit, weshalb wir denselben zur öffentlichen Kenntniß bringen. Köln, am 27. Juli 1894. Deutsch-sozialer (antis.) Verein." Zum Glück erwies sich diese Behauptung als eine nichtswürdig? Verleumdung. Der Thäter Johann Maximilian Spanier ist Katholik und entstammt einer angesehenen katholischen Familie. Auch die Nachricht der „Kreuzzeitung", daß der Großvater „oder" Urgroßvater ein Jude gewesen sei, ist selbstverständlich unwahr. Ein solches Treiben mußte selbst den Unwillen frommer Katholiken erregen, und die „Kölnische Volkszeitung" hat diesem Unwillen Ausdruck gegeben, indem sie schrieb: „Der krankhafte Wahn, überall Juden zu sehen, wo etwas Schlechtes geschieht, hat bei dem Vorfall in der Vorhalle von St. Georg dem Kölner antisemitischen Verein einen bösen Streich gespielt. Ein gewisser Johann Spanier benimmt sich dort in empörendster Weise, wird dabei abgefaßt und protokollirt. Anstatt das Ereigniß der Untersuchung abzuwarten, beeilt sich der antisemitische Verein, den Thäter als Juden zu bezeichnen und von einem „Akt jüdischer Gemeinheit und Frechheit" zu sprechen; nebenbei versucht er, sich an der Presse zu reiben, die etwas besonnener ist, wie der genannte Verein, und stellt sie wegen ihres auffallenden Schweigens zur Rede. Noch ist das Plakat, welches diese Enthüllungen und Verdächtigungen bringt, nicht angeschlagen, als die „Kölnische Volkszeitung" (Samstag-Morgen) Alles mittheilt, was bis dahin über den Fall in Erfahrung zu bringen war; das hilft nichts, zwei Tage später kommt eine grobe Postkarte. Nun stellten wir genaue Ermittelungen an. Schon vorgestern wurde uns bestimmt versichert, Spanier ist kein Jude, sondern Katholik. Leider müssen wir dies aus genauester Kenntniß bestätigen. Johann Spanier ist am 20. Mai 1845 zu Prüm geboren, beide Eltern waren katholisch, er selbst wird noch auf einer Abmeldebescheinigung von 1892 als katholisch bezeichnet. Früher war er Hausknecht und Schreiber, am 7. Juni 1894 hat er in Köln einen Stahl-, Kurz- und Galanteriewaren-Handel angemeldet. Ob seine That eine nichtswürdige Rohheit oder eine bewußte Religionsschändung war, wird die Untersuchung ausweisen. Wenn die leichtfertige Ausschlachtung des Falles nicht zu einer Judenhetze geführt hat, so mag der antisemitische Verein dafür bei dem ruhigen Sinn der Kölner Katholiken sich bedanken; er selbst hat redlich das Seinige gethan, um auf den ersten Skandal einen zweiten zu setzen. Wird man sich diese widerwärtige Geschichte endlich zur Warnung dienen lassen? Wird man im Besondern endlich aufhören, diejenigen Blätter, die nicht bei jeder Gelegenheit in das antisemitische Horn stoßen, mit unverschämten Zuschriften zu behelligen? Es ist noch nicht sehr lange her, da wurden wir in flegelhafter Weise zur Rede gestellt, weil wir unfern Lesern die Nachricht vorenthielten, ein jüdischer Metzger in Euskirchen sei wegen Verkauf schlechten Fleisches verurtheilt worden. Wir schlugen ein in der Nähe des Thatortes erscheinendes Blatt nach und entdeckten eine trockene Notiz von ein paar Zeilen, in welchen von einem Juden gar nicht die Rede war! Und nun jetzt der Fall Spanier! Derartige Dinge kommen so häufig vor, daß die Presse sich daran gewöhnen muß, antisemitische Berichte von vorn herein als verdächtig zu behandeln." Es ist überflüssig, dieser Erklärung noch etwas hinzuzufügen. Uns ist es ja nichts Neues, daß die Antisemiten die Juden systematisch aller möglichen schlechten Dinge grundlos verdächtigen. Ja, wir trauen ihnen noch ganz andere Unternehmungen zu. Für uns ist die ganze Angelegenheit nur ein charakteristisches Zeichen der rapiden Entwickelung des Antisemitismus nach der anarchistischen Richtung hin. Und daß die „Kreuzzeitung" behauptet, die Antisemiten hätten mit diesem Plakat „einen gewissen moralischen Erfolg" errungen, kann uns weder wundern noch erregen. Es zeigt uns höchstens, was man in jenen Kreisen unter Moral versteht. Ein Aufruf, den die „jüdisch-nationalen Studenten" in Prag vertheilt haben, wird von der antisemitischen Presse in gefälliger Weise weiter verbreitet. In diesem Aufruf wird als der erste Grundsatz des jüdisch-nationalen Studentenvereins „Maccabäa" proklamirt: „Die Juden waren und bleiben ein Volk für sich, vermöge ihrer Abstammung, ihrer Geschichte, ihres Denkens und Empfindens." Die „Tägliche Rundschau" findet diesen Aufruf höchst charakteristisch. Sie meint, daß schon dieser erste Grundsatz jede weitere Erläuterung überflüssig mache. Zum ersten Male sind wir der gleichen Meinung mit diesem Blatte. In der That, diese Proklamation unreifer jüdischer Studenten bedarf ebenso wenig einer Erläuterung oder Rechtfertigung wie die zahlreichen seltsamen Proklamationen, welche unreife deutsche Studenten in den letzten Jahren zu erlaflen für nothwendig befunden haben. * Auch in Amerika beschäftigt man sich, wie in England, mit einem Einwanderungsgesetz, welches seine Spitze gegen die Anarchisten kehren soll, leider aber hauptsächlich die armen russischjüdischen Einwanderer treffen wird. Nach dieser vom Repräsentantenhaus bereits genehmigten Bill dürfen nur solche Personen nach den Vereinigten Staaten einwandern, welche die Genehmigung der Aus-

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