Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 32. me Berlin» 10. August 1894. ettmg des Dudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Ab on nements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabdiner Dr. LudWjg PHUippson-Nonn Verlags-Expedition: Lerlin, Lerufalemerltr. 48/49 Alle Zuwendungen für Redattion und Expedition find an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judenthums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Leitartikel r Oesterreicküsche Zustände. — Die Woche. — Die jüdischen Volksschulen in Preußen. Von M. Markoß. — Briefe vom Rhein. — Die Feuerbestattung. Von Dr. Stößel. — Der Antbeil der Juden an der Entdeckung Amerikas xmb Ostindiens. — Englisch-indische Lesefrüchte. Von Dr. Strauß. — Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feld mann (Fortsetzung). — Zionsklage. Von Adolf Pick. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Labischin i. P.. Breslau. Halle a. S.. Hamburg. Nienbura a. W., Wien. Paris. Kopenhagen. St. Petersburg. Chicago. — Bo,» Nah und Fern. — Miseellen. Oesterreichische Zustände. Berlin, 8. August. ine Reise durch die verschiedene!: Provinzen des großen Kaiscrstaates hat uns die Ueberzeugung beigebracht, daß der Antisemitismus dort geradezu unerhörte Diulensionen angenommen hat. Es ist das eine Erkenntniß, die man nicht aus Briefen und Zeitungsberichten, sondern nur durch den Verkehr in und mit den: Volke selbst und durch den Vergleich mit unfern Verhältnissen erlangen kann. Die Brutstätte des österreichischen Antisemitismus ist aber Wien, das einst so gemüthliche, schöne Wien, aus dem jedoch längst alle Gemiithlichkeit entflohen ist und wo sich alle Geister des Neides, der Zwietracht und des Haffes festgesetzt haben. Ueberall, in der Schule, im Staatsdienst, im geschäftlichen Verkehr, im geselligen Leben macht sich dieser Antisemitismus breit, von dem in Oesterreich zwei verschiedene große Spielarten ihr Unwesen treiben: die alte klerikaljudenfeindliche auf der einen Seite, die neue deutsch-nationale auf der andern. Beide Parteien befehden sich gegenseitig auf das Schärfste, nur wo es gegen die Juden geht, vereinigen sie sich brüderlich. Dazwischen läuft allerlei Volk mit unter, das den Antisemitismus als Broderwerb betreibt, katilinarische Existenzen, die zwischen Volksversammlung und Gesöngniß hin und her pendeln. Alle diese Elemente aber bemühen sich eifrig, den „kleinen Mann", dem bekanntlich „geholfen werden muß", in ihre antisemitischen Netze zu fangen. Die Regierung selbst bewahrt all diesen Bestrebungen gegenüber eine wohlwollende Neutralität, was unter den obwaltenden Verhältniffen einer wirksamen Förderung so ziemlich gleichkommt. Und so bietet sich uns das seltsame Schauspiel, daß in der einen Reichshälfte der Antisemitismus thatsächlich vom Volke selbst vernichtet worden ist, während er in der andern Hälfte desselben Reiches ungestört seine Orgien feiern darf. Oesterreich ist und bleibt eben das Land der Unwahrscheinlichkeiten. Was haben nun aber die österreichischen Juden in dieser Situation gethan? Bis jetzt leider so gut wie gar nichts. Sie überlassen die Vertheidigung ihrer heiligsten Jntereffen einigen hervorragenden Abgeordneten, unter welchen der schneidige Dr. Bloch durch sein energisches Auftreten unbedingt die erste Stelle einniinmt, sowie den edlen und ausgezeichneten Männern anderer Konfession, die dort den Verein zur Abwehr des Antisemitismus begründet haben, und endlich einigen Journalisten liberaler Zeitungen, die die Frage selbstverständlich nicht vom Standpunkte des Judenthums, sondern nur von dem des Liberalismus im Allgemeinen anffaffen und behandeln. Sie selbst aber legen die Hände unthätig in den Schooß oder ballen sie höchstens in den Taschen und ergehen sich in sentimentalen Betrachtungen über die schlechten Zeiten. Sie laffen es sich gefallen, wenn irgend ein Stadtrath, der durch ihre Konnivenz Abgeordneter geworden ist, ihnen droht, er werde ihnen seinen Schutz entziehen. Sie lassen sich von den Abgeordneten, die sie selbst gewählt haben, mit allgemeinen Phrasen abspeisen, und geduldig ziehen sie an dem Karren der Koalition weiter mit, in der unter anderem auch ihre größten Feinde sitzen, und die sie ungestraft verfolgen läßt. Ein kleiner Vorfall, der sich während unserer Anwesenheit in Oesterreich zugetragen, ist für die dortigen Verhältnisse nach dieser Richtung hin überaus charakteristisch. Antisemitische Radfahrer hatten zur Abwechslung einmal in Weidlingau, einer Sommerfrische bei Wien, dort wohnende Inden insultirt »nd geschlagen. Die Skandalszene wurde in einigen Wiener Blättern berichtet — das war aber auch Alles! Sie erregte nicht die geringste Verwunderung mehr, sie veranlaßte nicht einmal das Einschreiten der Behörden, und die besonders klugen Leute wunderten sich nur darüber, daß die Chronik nicht täglich von ähnlichen Exzessen zu berichten habe. Der Antisemitismus in der Sommerfrische gehört mit zu den vielen österreichischen Volkskraniheiten; in einigen Orten wird er von den Gästen, in anderen von den Wirthen betrieben, und nur in wenigen herrscht eine Art von Waffenstillstand während des Sommers. Das sind offenkundige Thatsachen, die von Allen gekannt und von Allen besprochen werden. Die Behörden verhalten sich derselben gegenüber passiv; was thun aber die Juden? Unmittelbar nach der Skandalffzene von Weidlingau erschien in einem nichtjüdischen Wiener "Blatte der folgende, die Verhältniffe drastisch beleuchtende Artikel: „Weshalb sich denn wegen Weidlingau echauffiren? Es giebt andere Sommerfrischen genug, wo cs noch ärger zugeht, es giebt Orte, die nahezu gänzlich von dem Ertrage der zur Kur weilenden Juden leben, in denen der Antisemitismus aber trotzdem wunderbar gedeiht. Wie dem Nebel 'zu steuern ist? Es gäbe ein Mittel, drastisch, aber heilwirkend. Die jüdischen Familien der Residenz sollten nur einen Sommer lang diesen Sommerfrischen fernbleiben, sie sollten sich dieses Opfer auferlegen, und der schwere materielle Schaden, den die braven Leute vom Lande erleiden würden, hätte als bestes Medikament gegen die moderne Pest gedient. Wir Z il \ § ä i;i |