Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 31. Dev Berlin, 3. Äugajl 1894 Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 30. Juli. Der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Rabbiner-Verbandes macht alle Kollegen durch ein Cirkular darauf aufmerksam, daß auf den 10. August d. I. der hundertste Geburtstag von Leopold Zunz fällt. In dem betreffenden Cirkular heißt es weiter: „Bei der Ihnen bekannten Bedeutung Zunz' für Wissenschaft und Leben im Judenthum, rechnen wir auf ihre Zustimmung zu dem von uns in Gemeinschaft mit dem Central- Ausschusse gefaßten Beschlüsse, diesen Tag durch die Predigt entweder an dem vorhergehenden oder einem der nachfolgenden Sabbathe zu feiern." Diese Anregung ist gewiß eine sehr dankenswerthe. Nur hätten wir gewünscht, daß der geschäftsführende Ausschuß das Datum des Geburtstages von Leopold Zunz nach dem jüdischen Kalender — also für den 16. August — angegeben hätte, da sich dieser Tag besser für eine Gedächtnißfeier eignet als der 10. August. Wir werden den Geburtstag von Zunz am 14. Ab (16. August) feiern! # Berlin, 30. Juli. Die hiesige Gemeinde „Schocharehatob“ (Synagoge Schillings^. 12) eröffnet am 1. Oktober d. I. eine Religionsschule für Knaben und Mädchen. Die Leitung liegt in den Händen des Herrn Dr. Petuchowski (Gipsstr. 30). L2 Berlin, 31. Juli. Wir haben lange darauf gewartet, daß auch die Affaire Kotze im Interesse des Antisemitismus gegen die Juden ausgebeutet werden würde. Aber erst in dieser Woche ist unsere Erwartung erfüllt worden. Und zwar ist es ein Düsseldorfer Antisemitenblatt, welches darüber aufgebracht ist, daß der Ceremonienmeister v. Kotze beschuldigt wird, Schmähbriefe an hohe Persönlichkeiten geschrieben zu haben, und Alles in fast komischer Weise auf Jntriguen von „Untergebenen des Rothschildthums" oder — der „Alliance Israelite Universelle“ zurückführt. Als Vertreter der Rothschildpartei am Berliner Hofe werden vom Düsseldorfer Blatte die Französin Hintzpeter, die „Vollblutjüdinnen" Friedländer, Mendelssohn-Bartholdy und v. Koscielska sowie Gras Douglas denunzirt. So albern diese „Enthüllung" auch ist, wird sie vom „Deutschen Volksblatt" in Wien doch zur Ausfüllung fast einer ganzen Kolumne benützt. Das sind rechte Blüthen der Hundtagshitze! 0. Berlin, 31. Juli. Uebereinstimmend melden hiesige Blätter, daß die Gründung einer neuen antisemitischen Tageszeitung unter Leitung Dr. Bö ckel's vor einigen Tagen hier beschlossen worden sei, unter der Voraussetzung, daß die hier bestehenden Zeitungen „Freideutschland", „Bundschuh" und „General-Anzeiger" in das neue Unternehmen aufgehen. Diese Voraussetzung dürfte allerdings kaum zutreffen. Aber wir können uns denken, wie der Schreck über diese Nachricht den Freunden und Kollegen Böckels hier in die Glieder gefahren sein muß. Uns kann die Sache ganz gleichgiltig sein, ob hier eine antisemitische Zeitung mehr oder weniger existirt. Frg. Königsberg i. Pr., 27. Juli. Das 350jährige Jubiläum unserer Universität hat bei unseren Glaubensgenossen regen Antheil hervorgerufen. Unter den anläßlich des Universitätsjubiläums verliehenen Auszeichnungen befindet sich auch die Ernennung des Privatdozenten für medizinische Chemie, Dr. Laflar Cohn, zum Professor. Der erst 36 Jahre alte Universitätslehrer ist der Schwager unseres Rabbiners Dr. Bamberger, sein Vater ist der Chef des bekannten Bankhauses Lazarus Samson Cohn in Hamburg. Professor Cohn arbeitet im Laboratorium des Professors Jaffe, der eine ordentliche Professur für Pharmakalogie bekleidet und der einzige Glaubensgenosse ist, der eine leitende Stelle im Reichsgesundheitsamt zur Zeit inne hat. Die Albertina hat hauptsächlich seit Anfang dieses Jahrhunderts für die Heranbildung jüdischer Aerzte, namentlich aus Russisch-Polen, Bedeutendes geleistet, wie denn auch noch heute ein Theil ihrer Kliniken gerade ärmeren Glaubensgenossen aus den östlichen Grenzgebieten zugute kommt. Die Albertina war vorwiegend eine Stätte freier Forschung, und als allerorten noch fanatische Intoleranz herrschte, wurde bereits 1713 hier der Rabbiner Salomon Fürst an der Universität immatrikulirt, derselbe erhielt 1718 die Erlaubniß, in dem vornehmsten Stadttheil Königsbergs zu wohnen. Als Immanuel Kant an der Albertina seine epochemachenden philosophischen Lehren anfangs unter geringer Theilnahme verkündete, schlossen sich ihm, wie sein Briefwechsel mit Moses Mendelssohn beweist, vorwiegend israelitische Jünger an, welche ein lebhaftes Verständniß für seine Philosophie bekundeten. Markus Herz, ursprünglich Handlungsdiener bei einem jüdischen Fabrikanten in Königsberg, hat einen Ruf in der Literaturgeschichte durch seine eifrige Propaganda für das Verständniß Kants, bei dessen Disputation „de mundi sensibilis, forma et principiis“ Herz öffentlich als Respondent fungirte. Für die Juden des slavischen Ostens hat die Königsberger Universität ihre Kulturaufgabe mit hingebender Toleranz erfüllt, aber es hat ihr dem Fortschreiten auf der Bahn des Lichts auch nicht an Unterstützung von unserer Seite gefehlt; jüdische Dozenten von Weltruf haben an ihr gewirkt, zahlreiche gut dotirte Stiftungen wohlhabender Glaubensgenossen sind der Albertina zugewandt worden. Und wenn wir unter den Männern, welche den an der Albertina empfangenen Lehren getreu, mehr Licht in die Massen getragen haben, heute auch Dr. Johann Jacoby nennen, so erinnert der Name des Verfassers der „Vier Fragen" noch an eine ganze Reihe von hervorragenden Glaubensgenossen, welche die Albertina absolvirt und dann eine hervorragende litterarische Thätigkeit im Sinne jenes Liberalismus entfaltet haben, dessen Hort unsere Universität war und ist. <3D Breslau, 28. Juli. Der Verbandstag des „Deutschen Reichsverbandes jüdischer Religionslehrer" hat am Montag, den 16. Juli, getagt. Die Mitglieder waren theilweise aus weiter Ferne erschienen. In das Präsidium wurden gewählt die Herren Rabbiner Dr. Baeck-Lissa, Dr. Baeh r-Prenzlau, Baehr-Reichenbach, Bauer-Köslin', Dr. Bloch-Posen, Dr. Cohn - Kattowitz, Graf- Glogau, Dr. Louis Neustadt-Breslau, Dr. Nordheimer-Schwetz, Dr. Perlitz-Nakel, Dr. N osenthal-Rogasen, Dr. Wreschner-Samter. Der Jahresbeitrag ist auf 6 Mark normirt worden. Eine Reihe jüdischer Kurhospitäler in Badeorten hat dem Verbände die freie Aufnahme seiner Mitglieder zugesichert. Für das Lehrerheim sind die schönsten Aussichten vorhanden. Auch Gemeinden und Spender können als außerordentliche Mitglieder ausgenommen werden. Ausnahmegesuche sind an Herrn Dr. Louis Neustadt-Breslau zu richten. Ein ausführlicher Bericht über die Verhandlungen folgt nächstens. J. Salzbrmnn, 28. Juli. In dem von der Natur durch seine unvergleichlich schöne Lage begünstigten, in einem Thale der Sudetenausläufer liegenden Kurorte Salzbrunn, woselbst alljährlich Tausende Kräftigung und Erholung suchen und finden, glaubt auch der jüdische Lehrer, nachdem er den Schulstaub von seinen Füßen geschüttelt, ein Ruhe- und Erholungsplätzchen für einige Zeit gefunden zu haben. Bald aber sieht er sich in einen Kreis von Kollegen, Rabbinern und Glaubensgenossen der verschiedensten Stände versetzt, in welchem ernste Gedanken eifrig ausgetauscht werden, die fast nur Judenthum, Judenheit und Antisemitismus, Synagoge und Schule berühren. Mit Genugthuung nehmen wir aus den Gesprächen der zahlreich vertretenen Glaubensgenossen wahr, daß neben körperlicher Erholung auch religiöser Sinn gepflegt und geistige Nahrung gewünscht wird. In der von Zuhörern überfüllten Synagoge hielt am letzten Sabbath der hier zur Erholung weilende greise Rabbiner Herr Dr. Brann aus Stargard auf vielseitigen Wunsch einen religiösen Vortrag, der nicht verfehlt hat, auf die Zuhörer einen dauernden Eindruck zu hinterlassen. Ausgehend von dem Talmudworte: „Wenn du unter einem Geschlechts lebst, das Belehrung fordert, so streue aus", beleuchtete der bewährte Redner in