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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-03 · Heft 31 (3.8.1894) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 31 (3.8.1894)
Date
1894-08-03
Page
Seite 372 (sequence 12)
Language
German
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372 die Ausschmückung von öffentlichen Orten mit beschimpfenden Gedichten und Karriraturen können wir auch anderwärts zu sehen bekommen. Aber si duo faciunt idem non est idem. In der großen Stadt nehme ich einige Pöbeleien in den Kauf; in den Badeort gehören sie nicht. Orten, in denen sich Knoten- und Zotenthum breit macht, bleibt man besser fern. Im Badeort ist eine Aufsicht leichter möglich, so daß eine Verwaltung, der es darum zu thun ist, derartige Pöbeleien verhindern kann. Und wenn solche Inschriften gerade in Borkum besonders häufig sind, das ohnehin den Ruf genießt, „judenrein" sein zu wollen, so ist das gewiß kein Zufall. Es ist möglich, daß die Abneigung, sich beschimpfen zu lassen, auf nervöser Empfindlichkeit oder empfindlicher Nervosität beruht, aber — deshalb geht man ja meist in das Seebad, weil man nervös ist. Dort ist der nervöse Mensch also keine unglückliche Ausnahme, sondern so eine Art Normalmensch. So lange er in Berlin oder anderwärts seinem Beruf nachgeht, muß er sich die Beschimpfungen gefallen lassen. Er tröstet sich mit dem Leitartikel der jüdischen Zeitung, daß er als Jude gewissermaßen die Mission hat, sich beschimpfen zu lassen, oder mit dem Leitartikel seiner politischen Zeitung, daß er sich mit seinen Verläumdungen assimiliren muß (wie ein Chamäleon, das die Farbe seiner Umgebung annimmt, um nicht verfolgt zu werden). Wenn er sich aber so alljährlich seine elf Monate zwischen Mission und Assimilation durchgeschlängelt hat, hat er im zwölften das Bedürfniß, es sich bequem zu machen, seine Mission abzulegen und sich an Gottes Natur zu erbauen. Und dann können kleine Bübereien recht empfindlich werden. Wer 'sich also erholen will, der geht besser da nicht hin, wo es zweifelhaft ist, ob man ihn gern sieht. Im Anschluß hieran möchte ich unseren Glaubensgenossen rathen, gelegentlich auch einmal außer Landes zu gehen. Theurer ist es meistens nicht, und sie haben den Vortheil, manches zu sehen und zu lernen. So lächerlich es ist, alles Fremde gut zu finden, so vernünftig ist es, Fremdes mit Kritik kennen zu lernen. Berlin, im Juli. Mit ergebener Hochachtung X. Geehrter Herr Redakteur! <Dn Nr. 27 Ihres geschätzten Blattes wird von dem Herrn Lehrer C33 I. Körpel darauf hingewiesen, wie ungenügend unsere armen Waisen in vielen Fällen versorgt werden. Wir stimmen vollständig mit Herrn Körpel darin überein, daß bei redlichem Willen unserer gesammten deutschen Glaubensgenossen dieser schreiende Nothstand beseitigt werden könnte. Nach Herrn Körpels Berechnung würde bei einer Gesammtzahl von 500,000 Juden in Deutschland durch Beisteuerung von monatlich einem Pfennig für jeden Glaubensgenossen die ansehnliche Snmme von 60,000 Mark jährlich aufgebracht werden können. Herr Körpel schlägt vor, sobald die gesammelten Gelder dazu ausreichen, ein großes allgemeines deutsches jüdisches Waisenhaus zu bauen und glaubt, daß dann, wenn erst die Begeisterung für diese segensvolle Arbeit in den Herzen mlserer Gluubensgenossen Platz gegriffen hat, wohl manche Gelegenheit Anlaß geben wird, durch Sammlungen rc. die Summe zu bereichern, und daß dann, wenn für einen großen Theil unserer Waisen durch Unterbringung in der ersten Anstalt gesorgt sein wird, auch au die Gründung einer zweiten gedacht werden kann. Dem Plan, durch kleine allseitige Beiträge Großes zu erreichen, stehen wir sehr sympathisch gegenüber, nur besteht die Schwierigkeit darin, eine allgemeine Begeisterung für ein Werk zu erwecken, welches vorläufig nur ein Projekt ist. Wie viel leichter muß es sein, Begeisterung wach zu rufen für eine bereits im Betriebe befindliche Anstalt, welche die von Herrn Körpel ins Auge gefaßten Zwecke in vollem Umfange erfüllen kann. Wir haben die von Herrn A. M. Simon im vorigen Jahre gegründete Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover ins Auge gefaßt. Dieses im vorigen Jahre mit 9 Zöglingen eröffnete Institut, welches mit den bereits Angemeldeten im Laufe dieses Sommers ca. 50 Zöglinge zählen wird, ist, sobald nur weitere Geldmittel demselben zufließen, dazu geeignet, auch die kühnsten Hoffnungen zu erfüllen. Das ca. 30 Minuten vom Mittelpunkte der Stadt Hannover entfernte Anstaltsgebäude liegt in.gesunder Gegend inmitten eines dazugehörigen Areals von ungefähr 70 Morgen. Dieses zum Garten- und Feldbau vorzüglich geeignete Terrain ist theilweise mit schönen Anlagen ausgestattet und mit einer großen Anzahl Obstbäumen, Beerensträuchern rc. bepflanzt. Die Knaben werden dort zu gesunden, kräftigen, wohlgesitteten, heitern und arbeitsamen Jünglingen herangebildet. Neben einfacher, gesunder und kräftiger Kost ist man darauf bedacht, durch Turn- und Freiübungen, Exerziren und Schwimmen den Körper zu stählen und geschmeidig zu machen. Von besonderem Vortheil ist bei diesen Bestrebungen die schöne reine Luft und das in der Nähe der Anstalt befindliche Schwimmbassin des Flüßchens Föffe, welches 6y3 pCt. Sole enthält. Die Lage Hannovers, in der Mitte zwischen dem Norden und Süden Deutschlands, ist besonders geeignet für ein allgemeines deutsches Waisenhaus. Von den jetzigen Zöglingen sind nur fünf aus der Provinz Hannover, während die übrigen aus den verschiedensten Theilen Deutschlands stammen. Das jetzige Anstaltsgebäude ist zwar nur für 60 Zöglinge berechnet, doch können, sobald mehr Mittel beschafft sind, weitere Gebäude aufgeführt werden. Durch außerordentlich praktische Einrichtung und Kultivirung der eigenen Gemüse, Früchte rc. belaufen sich die Gesammtkosten für die Erziehung eines einzelnen Knaben in dieser Anstalt auf weit weniger als in irgend einem jüdischen Waisenhause Deutschlands, so daß eine verhältnißmäßig größere Anzahl Waisenkinder für die einlaufenden Gelder erzogen werden können. Wir glauben deshalb im Sinne des Herrn Körpel und gleichgesinnter für das Gemeinwohl sich interessirender Glaubensgenossen zu sprechen, wenn wir den Vorschlag machen, den angeregten Plan für die Erziehung von Waisenkindern in der Anstalt zu Ahlem zur Ausführung zu bringen. Bei den großen Ansprüchen, welche heute an unsere Opferwilligkeit gemacht werden, ist es absolut nothwendig, daß mit den für Wohlthätigkeitszwecke aufgebrachten Mitteln möglichst viel geleistet wird. Hamburg, im Juli. A. L. D. * (Mn Nr. 23 der „Allgemeinen Buchhändlerzeitung" steht folgende Notiz: Zeitungs-Boykott. Die „Halberstädter Zeitung,, in Halberstadt ist von den dortigen Firmeninhabern mosaischen Glaubens in den Bann gethan worden. Dieselben haben sich bei Konventionalstrafe verpflichtet, in dem genannten Blatte nicht mehr zu inseriren. Grund: Die Aufnahme von Anzeigen des antisemitischen Vereins seitens der „Halberstädter Zeitung". Vielleicht ist einer der Halberstädter Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" im Stande, obige Nachricht, die trotz ihrer Knappheit außerordentlich erregend wirken kann, etwas näher zu erläutern. Mir wenigstens wäre es ganz unbegreiflich, daß sich die jüdischen Kaufleute einer Stadt zu einem Boykott sollten verleiten lassen, nur weil das betr. Blatt Inserate des antisemitischen Vereins aufnimmt. Bekanntlich sind fast unsere sämmtlichen Zeitungen in ihrem Jnseratentheile vollständig färb- und skrupellos, wofür man z. B. während der Wahlzeit die schönsten Beispiele findet. Wir Juden verlangen nicht mehr und nicht weniger als Gerechtigkeit, wir dürfen aber auch nicht mehr oder weniger sein, als gerecht und billig in unseren Forderungen und in unserem Auftreten. Wenn die Halberstädter Zeitung nicht antisemitisch war, so kann sie es jetzt werden. Ich würde also selbst einem judenfreundlichen Verleger die Insertion antisemitischer Vereinsnachrichten nicht verargen. Die Möglichkeit der Veröffentlichung bietet sich doch, das Papier ist geduldig, und wir wollen unsere Feinde nicht durch Gewalt an der Bekanntgabe ihrer Ansichten hindern, sondern dieselben, wo sich nur eine Möglichkeit bietet, widerlegen durch Wort und That. Wir wollen nicht so feige sein wie die Antisemiten, die so oft die Juden unv sonstige Gegner von ihren Versammlungen ausschließen, eben weil ihre Lügen kurze Beine haben. Jeder thatsächliche, gehässige Angriff der Antisemiten muß mit Standhaftigkeit und Ausdauer bekämpft werden, aber dieser Kampf werde von unserer Seite stets in den Grenzen strenger Rechtlichkeit und Billigkeit geführt. Falls die „Halberstädter Zeitung" sich in Wahrheit mehr als durch Jnseratenaufnahme an der antisemitischen Hetze betheiligte, so wäre die Redaktion der „Allgemeinen Buchhändlerzeitung" (Leipzig, C. F. Müller) um Aufnahme einer Berichtiguug zu ersuchen, gegebenen Falls bitte ich um eine diesbezügliche Mittheilung. Kiel, Knooperweg 38 I. Eichenberg- Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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