Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
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370 Im Hausflur athuiete er auf, doch schon fühlte er sich von einigen Gestalten an die Wand gedrückt. „Du Rusche, Mernsche, Heuchler, Schaigez, hast für Alles." Jetzt aber waren es nicht blos die Mützen, sondern auch Pantoffel, die auf ihn herabfielen. Die Zähne aufeinanderpreffend und in der Ueberzeugung, daß es nicht helfen würde, jeden Hilferuf znrückdrüngend, versuchte der Gequälte sich loszureißen und gelangte endlich auf die Straße. Ueber ihm erglänzte« die Sterne; aus dem Bethausc brauste der ivilde Lärm und die Gebete der Chassidim; vom Walde schwebte Frühlingsduft und Abendrauschen herüber; aus der Stadt erschallten die Stimmen seiner Glaubensgenoffen, welche sich in das Joch ihrer Tagesarbcit spannten. Jizchak wandte sich feinem Hause zu. Die Beulen schmerzten ihn nicht sehr, weit weniger als seine — Gedanken. „Sie haben mich geschlagen, weil sie mich nicht lieben, weil ich besser bin als sie. Aber manche schlugen mich wirklich für mein heutiges Vergehen. Es ist wahr, mein Ausspruch war sündhaft angesichts des Wortlautes der Gesetze; aber ist cs eine Sünde, daß die Welt mir schön erscheint? Und wenn dies eine Sünde ist, wie ist da mein ganzes Grübeln und Vernünfteln zu nennen? Und wenn ich für jene Uebertretung schon strafbar bin, welche Ahndung verdienen erst meine Gedanken? Und ich vermag sie doch nicht zu ersticken. Was also wird daraus werden? Was?" (Fortsetzung folgt.) Karlsbader Briefe. ui. Ischl, im Juli. ein, es ist kein Jrrthum — und auch kein „Vrunnendnsel". wenn ich diesen dritten Karlsbader Brief aus Ischl datire. Warum soll man gerade in Ischl nicht Karlsbader Erinnerungen aufzeichnen dürfen? Und ist der Vergleich zwischen Karlsbad und Ischl nicht an sich intereffant genug? Daß ich es nur gleich gestehe: Dieser Vergleich muß unbedingt zu Gunsten des Karlsbades entschieden werden, wie man die Sache auch ansieht! Denn Karlsbad ist ein Kurort, Ischl eine Luxus- Sommerfrische — das genügt. Und auch der Vergleich zwischen unfern Glaubensgenossen hier und dort wird sich zu Gunsten Karlsbads entscheiden. Beide Orte werden bekanntlich sehr viel und mit besonderer Vorliebe von Juden aufgesucht. Aber während sich diese in Karlsbad — mit wenigen Ausnahmen — vornehm, würdig, unauffällig benehmen, präsentiren sie sich hier oft leider in einer nurdem Antisemitismus gefälligen Form. Es wäre viel darüber zu sagen, müßte man nicht fürchten, mißverstanden, ja von gewisser Seite absichtlich mißverstanden zu werden. Zudem hat der harmlose Reiseplauderer nicht die Aufgaben des Sittenpredigers zu erfüllen. Ich bescheide mich daher mit der übernommenen Arbeit und versuche es nur noch flüchtig, einige Reisemomente zu fixiren. Ueber Ischl nach Daniel Spitzer, dem geistvollen Wiener Spaziergänger, noch etwas zu schreiben, ist aber in der That sehr schwer. Man hat da nur die Rolle eines armseligen Aehrenlesers zu erfüllen. Aber nach Spitzer darf freilich auch Jeder Aehren lesen. Erinnere ich mich recht, so hat er einmal von Johannes Brahms erzählt: Dieser gefeierte Komponist, der bisher nur in einigen jüdischen Familien verkehrte, habe beschlossen, einen Sommer ganz in Ischl zuzubringen! Und auch über die Partie, die Spitzer mit Brahms in das hiesige jüdische Restaurant Sonnenschein einmal unternommen, um den weltberühmten Schalet dort zn kosten, hat er in seinen „Wiener Spaziergängen" ergötzlich berichtet. Es hieß damals, Brahms sei so entzückt davon, daß er, im Gegensatz zu Beethovens Mondscheinsonate, nun eine Sonnenscheinsonate zu komponiren die Absicht habe. Aber schon damals beklagte Spitzer das Aussterben der Witze, in denen die Juden ihre eigenen Schwächen und Fehler in harmloser und oft auch sehr scharfer Weise zu verspotten wußten, aus Furcht, dem sterilen und selbst so witzlosen Antisemitismus Angriffswaffen zu liefern. Dieselbe Klagejwird auch heute in Ischl und Umgegend laut. Es giebt in der That nichts Witzloseres und Dümmeres als so ein antisemitisches Witzblatt. Man kann es kaum lesen, und jener Witzbold hatte Recht, als er neulich im Kaffeehause zu seinen Freunden sagte: „Spaß bei Seite, ich will jetzt den „Figaro" lesen!" Uns ist der Witz ansgegangen und Jene haben ihn niemals besessen. Ach ja, es ist wahrlich kein Wunder, wenn Einem der Witz in dieser trüben Zeit ausgeht. Ueberall hin verfolgt uns ja das hohläugige Gespenst des Rassenhasses, und selbst in Gottes freier und herrlicher Natur werden wir den Antisemitismus nicht los. Man muß nur die rohen oder blöden Verse in den Fremdenbüchern oder an gewissen nicht näher zu bezeichnenden Orten lesen, um die ganze Fülle von Haß llnd Bosheit zu ermessen, die sich da Luft zu machen sucht. Läuft wirklich einmal ein Witz unter, so ist er — zehn gegen eins — die Antwort eines Juden auf derartige antisemitische Herausforderungen. So las ich kürzlich an einem jener oben schon nicht näher bezeichneten Orte — und zwar an dem herrlichen Grundelsee— hinter der antisemitischen Inschrift: „Juden raus!" die jüdische Antwort: „Nu nee, sie werden drinnen bleiben!" Gleichwohl muß man immer und immer wieder alle Glaubensgenossen ermahnen, auf antisemitische Provokationen nie und nirgends einzugehen. Das letzte Argument dieser Leute ist gewöhnlich doch die Faust, und nicht Jeder ist geneigt, mit solchen Argumenten zu kämpfen. Auch in dieser Beziehung ist mir Karlsbad lieber als Ischl. Während es hier von Wiener Gemeinderäthen wimmelt, wurde dort allmorgendlich am Marktbrunncn als besondere Sehenswürdigkeit ein lebendiger Antisemit herumgezeigt. Als er abgereist war, behaupteten malitiöse Menschen, es sei gar kein Antisemit, sondern der Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu L. in Ungarn gewesen! Das martialische Aussehen des Mannes hatte ihm den bösen Ruf verschafft. . . . Und so sehne ich mich denn unter diesen geputzten, lachenden, geschminkten, medisirende», kokettirenden und entsetzlich parfümirten Menschen auf der hiesigen Esplanade nach meinem lieben, närrischen, gemüthlichen Karlsbad zurück. Dort kann man allein sein unter Tausende». Mau braucht nur auf bequemen Wegen einen der Hügel zu besteigen, die die Stadt bekränzen, und man ist bald mitten im dichten Walde, hoch über allen Thorheiten der Menschenkinder. Und wie eine Schachtel mit Kinderspielzeug liegt tief unter uns dieses alte und doch immer junge Karlsbad mit seinen segenspendenden Brunnen und seinen engen, winkeligen Gaffen. Da oben ist heilige Stille, und auch nicht ein Hauch dringt in diese reinen Regionen von den Kümmernissen und Sorgen, von dem Aerger und Haß der kleinen Menschenwelt zu unsern Füßen. So liebe ich mein Karlsbad. Möge es auch ferner blühen und gedeihen zum Heile der leidenden Menschheit — mit diesem frommen Wunsche scheide ich auch im Geiste von der alten Brunneustadt im Teplthale! 6. K.