Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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369 „Habt Ihr gehört, was geschehen ist," rief plötzlich ein „Bocher", der von der Straße hereingestürzt kam; „ich habe gehört, daß Jemand in der Zeitung gelesen hat, „Fonie" (Rußland) habe unlängst am Ararat die-Arche Noahs gefunden, daraus baut er große Schiffe und macht sich auf nach Amerika, die Türken zu schlagen." „Wirklich?" „Also bekommen wir Krieg." Nun erhoben sich zahlreiche Ausrufe und Fragen. Da trat ein älterer „Chassid" in die „Klaus" und rief schon in der Thüre: Schschsch . . . „schabas kodesch l’adonaj“ (Der Sabbath ist zur Ehre des Herrn da). Wie von einem Zauberstabe berührt, saßen im selben Augenblicke Alle bei ihren Büchern, die betreffenden Gebete still vor sich hinmurmelnd. Eine feierliche Stille verbreitete sich in der Stube. In diesem Momente eben war Jizchak aus seiner in so schrillem Mißklang ausgehenden Grübelei erwacht. Ein Schauer durchlief ihn. Er ging einige Male in der engen Betstube auf und ab, dann setzte er sich auf seinen früheren Platz. Neben ihm begann einer der Kollegen mit halblauter Stimme aus dem „Schulchan Aruch" zu wiederholen: „Wenn man des Morgens aufsteht, muß man den Stiefel früher auf den rechten Fuß und dann erst auf den linken anziehen." „Jankel," fragte Jizchak ganz leise seinen Nachbar, „denkst Du nicht manchmal darüber nach, warum Gott und das Gesetz es durchaus verlangen, daß wir den rechten Stiefel zuerst anziehen, und dann den linken, aber nicht umgekehrt, oder wie es Einem gefällt?" „Ich?" entgegnete Jener verwundert. „Wenn der Schulchan Arnch so befiehlt, was brauche ich zu fragen, werde ich es anders machen? Und wenn ich mich daran halten muß, wozu soll ich mir unnützer Weise den Kopf zerbrechen?" Dem Jizchak ward es plötzlich sehr heiß. Er trat ans Fenster und öffnete es mit einer mechanischen Bewegung. Aus dem nahen Walde wehte der Wind und umfing ihn mit einem Strome kühler, duftiger Frühlingsluft. Sein Auge fiel auf die herrlichen, grünen Bäume, auf den von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne t umglänzten Hügel. Der Jüngling athmete aus tiefster Brust und sprach halb zu sich, halb zu seinen Gefährten: „Wie schön — wie gut muß es jetzt dort sein!" „Was, was hat er gesagt?" rief jener bejahrte Chassid, welcher Schames (Tempeldiener) war. Alle Kollegen versammelten sich um ihn. „Hast Du schon vergeffen," schrie der Alte, „was in Pirka Aboth geschrieben steht: „Der, welcher sagt: wie schön ist der Baum, wie schön ist die Gegend, der verdient die Todesstrafe?" „Was,,, entgegnete Jizchak, „die Rabbinen wollten nicht verbieten, daß wir Gottes Schöpfung bewundern!" „Du sagst nein, wenn ich Dir ausdrücklich angeführt habe?" „Das hat wahrscheinlich eine andere Bedeutung; man muß nicht Alles wörtlich nehmen." „Wir hören auf das, was geschrieben steht. Du willst das Gesetz erklären? Ihr Jungen, gebt Acht, was der redet. Bruderleben, Du gefällst mir nicht. Und noch dazu am Samstag giebst Du Dich mit solchen „dwurim betelim“ (nichtssagenden Dingen) ab. Wir werden noch abrechnen." Und nun begann der Schames, als ein Rivale von Jizchaks Vater auch ein Feind des Ersteren, lebhaft gestikulirend mit den andern jungen Leuten zu tuscheln. Inzwischen füllte sich langsam das Lokal des Bethauses. Aus der ganzen Stadt strömten die Chassidim herbei in Sabbathmützen und langen, meist zerriffenen Atlasröcken; mit diesem festlichen Putze harmonirten große, von keinem Halstuche zusammengehaltene Hemdkragen und lange, nicht gerade blendend weiße Strümpfe, welche an den Knieen in Beinkleidern, unten aber in großen, klappernden Pantoffeln steckten. Eine immer schwüler werdende Luft und wachsende Finsterniß erfüllten das Stübchen. Jeder drängte sich zum bequemsten Platz am Tisch und am Ofen, lebhaft über religiöse und rabbinische Fragen diskutirend, denn der Sabbath darf nicht durch profanes Geplauder entweiht werden. Als es schon ziemlich dunkel geworden war, setzten sich Alle um den großen, die Mitte des Tempels einnehmenden Tisch. Und plötzlich ward das Haus zur Wirthsstube. Das letzte sabbathliche Festeffen sollte abgehalten werden. Der Schames vertheilte den Schnaps, Alle tranken der Reihe nach, in die vom Hause gebrachten „Kolatschen" beißend. Und so begann das aus höchst prosaischen Dingen, wie: Schnaps, Strietzel und Fische, und aus geistig Erhabenein, wie das Zergliedern wissenschaftlicher Fragen, zusammengesetzte Gelage. Nach jedem Gange folgte ein im Chor gesungenes Gebet. Aus hundert Kehlen brachen wilde, disharmonische und doch eines gewiffen Reizes nicht entbehrende Stimmen. Alte und junge, tiefe und heisere Töne vermengten sich mit kinderhaft dünnen Lauten zu einem tollen, brausenden Ganzen, zu rasenden und doch schwermüthig sehnenden Weisen; dann wieder begannen sie gedämpften Tones träumerisch klagende oder pathetisch gedehnte, ernste Gesänge. In einem Augenblicke aber schlugen sie wieder heitere Klänge an, endigten im Fortissime mit einem lustigen Marsch, bei dem die Alten wieherten, die Jungen aber krähten. Dies währte durch mehrere Stunden, denn so lange der Chassid den Sabbath feiert, können die Teufel keine büßende Seele zur Hölle treiben. Und die barmherzigen Chassidim sind gern bereit, beim Schnapse sitzend, das Mahl nach Möglichkeit in die Länge zu ziehen, natürlich nur den Verstorbenen zum Heile. In den Köpfen aber wirbeln immer toller die Gedanken, immer mehr verwickeln sich die Zungen, und die Stimmen schrillen immer mißtöniger, sich in pfeifende Gurgeltöne und Brüllen verwandelnd. Nacht herrschte bereits im Tempel; aber Licht durfte nicht angezündet werden. Die ganze Zeit verbrachte Jizchak auf seinem Platze beim Ofen. Er hatte weder gegessen noch etwas getrunken; er sang blos die aus tiefster Seele empfundenen Gebete und Psalmen mit, seine ganze Sehnsucht, die Klage um all' seine Qualen und Schmerzen hineinlegend. Do fühlte er plötzlich, wie mehrere Menschen einen engen Kreis um ihn schlossen, und wie sich gleichzeitig einige schwere und ganz durchfettete Kappen auf sein Gesicht und seinen Kopf senkten. „Da hast Du, Rusche (boshafter, verkehrter Mensch), die Bezahlung für Alles." Jizchak war über den unerwarteten Ueberfall ganz erschrocken. Er vermuthete, daß es die Hände seiner neidischen, durch den Schames aufgestachelten Mitschüler waren, welcher die nachmittägliche Sünde ahnden wollte. War es ihm wirklich blos um die Sünde zu thun? In der schwarzen Finsterniß vermochte Jizchak kein Gesicht zu unterscheiden, er wollte keine Prügelei beginnen, da er unterliegen müßte, und hier zu schreien oder sich zu demüthigen, lohnte es sich nicht. . . . Es war bester, der Dummheit zu weichen. Jeden Wuth- und Schmerzensschrei unterdrückend, tastete sich Jizchak zur Thür hinaus.