Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- Seite 368 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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' - T'^', .. “iv % -n 368 Der Geist unseres Glaubens, die Worte der heiligen Schrift weisen Sie hin auf die gewissenhafteste Wahrung des Rechtes, wo Sie auch als Richter zu wirken berufen sein werden. Wie über Ihr Leben überhaupt, so werden Sie auch einst über Ihr richterliches Wirken Rechenschaft abzulegen haben vor dem höchsten Richter droben, der „kein Ansehn achtet und keine Bestechung annimmt". Und so sei denn Gottes Segen mit Ihnen in Ihrem künftigen Berufe. Amen." g*tr^ii:?iurawiiL.4itii8iKiimHiiuiiiiit*iijrn>nLii«iiiiiiM^irwriit>iii;iiTUiirinimi;fukiirwnuxniiiimiiwnLmniiiitüinwnimmc<^ FEUILLETON Ver Iudenjunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) VI. aum war diese Idee in ihm aufgestiegen, als er auch von großem Schrecken ergriffen wurde. Ein Zittern durchlief seinen Körper und er sprang von seinem Sitze auf. Rings um ihn aber saßen in der Betstube einige seiner Kollegen und unterhielten sich aufs Beste. Es waren dies Jünglinge, der Weisheit und ihrem Gotte geweiht, die Blüthe und Zukunft der Chassidim. Zwar waren fast Alle ärmlicher Herkunft, aber sie sahen sich am Beginn einer glänzenden Laufbahn; denn auf Grund ihrer frommen und gelehrten Uebungen hatten sie volle Hoffnung, entweder binnen Kurzem die Tochter eines gottesfürchtigen Altgläubigen zu ehelichen oder mit der Zeit die nicht immer einträgliche, aber stets bedeutende Stellung eines Rabbi zu erreichen. Trotz dieser hochfliegenden Aussichten blieben sie doch junge Bursche und liebten es, sich dann und wann an gewissen, nicht besonders gottgefälligen Annehmlichkeiten zu ergötzen, so z. B. an dem Spiel „iks, miks, driks“ oder 31 Blätter. Jizchak schloß sich ihnen in den seltensten Fällen an, und deshalb war er bei ihnen nicht sehr beliebt. Er war ihnen Allen auch an Intelligenz und Fähigkeiten überlegen, der Ortsrabbiner prophezeite ihm die Zukunft eines Gaon (Größe), und in der Stadt hieß er jetzt schon Jluj (Genie). Solche Beinamen wurden nicht leicht einem Zweiten zu Theil, und dies trug auch dazu bei, Jizchaks Unbeliebtheit bei den Kollegen zu vermehren. Als gute Chassidim waren diese Jünglinge stets in rosigster Laune- Um das tägliche Brod hatten sie nicht zu sorgen, fanden sie cs doch zu Hause oder bei reichen Glaubensgenoffen, welche gern die befähigten Talmudschüler an ihren Tischen speisten. Um an frischem Mnthe und innerer Befriedigung nichts einzubüßen, nährten sie sie oft mit edlen Gottesgaben, ob es ein Fläschchen Schnaps oder ein feineres Getränk war. Dies ist durch die gewohnte Lebensweise der Chassidim bedingt; dieser Tradition schloß sich der hinfällige, ernst angelegte und verschlossene Jizchak nicht an, eine Ursache mehr, das Berdammungsurtheil der Kollegen auf sich zu laden. Doch in diesem Moment ergaben sich die Versammelten keinem weltlichen Spiele. Ist doch heut' Samstag, und man darf sich nur mit dem Studium beschäftigen, darf nur heilige Angelegenheiten besprechen/ Da aber das höchste der Heiligthümer unstreitig im „Zaddik" eine Verkörperung findet, bewegte sich das Gespräch hauptsächlich um seine Person. „Habt Ihr von seinem jüngsten Wunder gehört?" fragte Einer. „Wie war es?" riefen Alle. „Wieso habt Ihr noch nicht gehört? Vor einer Woche brachte man einen Knaben zu ihm, der sich immerfort hin und her warf. Augenscheinlich war er vom „Unreinen" beseffen. Der Rebbe fragte den Knaben: „Was ist Dir?" Er antwortet: „Gott hat mich gestraft. Ich hatte die gottlose Absicht gefaßt, die „goische" Sprache zu erlernen; wie ich mit dem Buche am Dachboden saß, ist der „Dibbek" (büßender Geist) in mich gefahren und quält mich bis jetzt." Der Zaddik überlegte noch sehr lange, ob so ein verdorbenes Kind gerettet zu werden verdient, aber er ließ sich von dem Flehen der Eltern erweichen und fing an, den „Bösen" zu beschwören. „Wer bist Du, der Du in der Seele eines jüdischen Kindes sitzest?" „Ich bin der Geist eines „Apikores". Zur Zeit meines Lebens habe ich mir den Bart rasirt, dafür habe ich jetzt keine Ruhe; man will mich nicht ins Paradies, nicht in die Hölle aufnehmen. So muß ich mich überall herumschlagen. Jetzt habe ich eine schöne Gelegenheit erspäht und bin in diesen Taufkandidaten gefahren," erwiederte der „Dibbek". Der Zaddik betete eine Weile, dann ergriff er die wunderthätige „Kamee" (eine ein kabbalistisches Gehet enthaltende Pergamentrolle) und begann mit furchtbarer Stimme die Beschwörung, daß der „Unreine" den Leib des Knaben verlasse. „Ich will nicht, ich will nicht," schrie der „Dibbek", „ich habe ein Recht, hier zu wohnen." Laiige währte der Kampf zwischen dem Wundermann und dem bösen Geiste. Alle Anwesenden erbebten vor diesem übernatürlichen Ereigniß. Endlich sprach der Rebbe: „Gehe sofort heraus, und ich verspreche Dir, den „Kadisch“ (Gebet für die Todten) für Deine Seele zu sagen." Jetzt erst ertönte die Frage: „Welchen Weg soll ich nehmen?" „Nicht durch den Hals, denn er wird ersticken, nicht durch den Kopf, denn Du wirst ihn besudeln, nur durch die Hand." Jetzt schüttelte sich der Knabe wie in der „großen Krankheit", ein Rauschen ließ sich vernehmen, und aus seinem kleinen Finger stieg ein blauer Rauch empor. Das haben Alle gesehen, der Knabe aber ist ganz gesund." Die Anwesenden lauschten dieser Erzählung offenen Mundes, in frommer Verzückung. „Wunderbar!" „Unbegreiflich!" „Wird noch Jemand behaupten, daß der Zaddik nicht der Finger Gottes ist?" Tiefe Stille herrschte in der „Klaus" durch einige Augenblicke nach dieser Erzählung. Einige Gesichter verlängerten sich, um manche spielte ein leises Lächeln. Bald aber begannen die Gespräche auf's Neue. — „Warum," frug Einer, „muß sich die „Kalle" (Braut) bei der Trauung siebenmal um den „Chuffen" (Bräutigam) drehen?" „Hm — wer weiß?" „Warum," spricht ein Zweiter, „müffen die Frauen manche „mizwes“ (göttliche Gebote) und gute Thaten vollbringen, wenn sie keine Seele haben?" „Ich bitte Euch," begann ein dritter „meedaker" (Denker), „hat Adam, der von keinem Weibe geboren wurde, einen Nabel gehabt, oder nicht?"