Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
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366 kann, ist der Anstalt in Ahlem, die übrigens kein Asyl sein soll und will, der Vorzug zu geben, schon deshalb, weil sie die Zöglinge auch über das schulpflichtige Alter hinaus behalten und sie zu einem bestimmten Berufe erziehen kann. Wo aber die Opferwilligkeit oder die Mittel einer Gemeinde zu Zuschüssen nicht ausreichen, da mögen sich die berufenen Freunde und Schützer gefährdeter Kinderseelen an das Deutsch-israelitische Kinderheim zu Diez wenden. Es wird solche Kinder auch ohne Entgelt anfnehmen. Und wenn es dann znm Ersatz seine Sammelbogen hinaussendet, dann mögen Alt und Jung eifrig ihre Hände regen — zum Zeichnen und zum Sammeln! Me Pflege der Wissenschaft des Iudenthums. Bon Emanuel Baumgarten. r^it Recht wird allenthalben der Vorwurf erhoben, daß die y Pflege der Wissenschaft des Judenthums so selten oder fast nie die erforderliche materielle Förderung erhält. Jedes litterarische Unternehmen findet seitens unserer Plutokraten bereitwillige Unterstützung, wenn es keinen spezifisch jüdisch-wissenschaftlichen Charakter an sich trägt. Insbesondere verhalten sie sich feindselig, wenn das hebräische Idiom als Darstellungssprache gewählt wird. Sie vergessen hierbei, daß sie die Sprache des Buches der Bücher, der Gebete in unfern Gotteshäusern, der ehrwürdigen Denkmäler unseres alten Schriftthums ist. Daß dieses Idiom das Kulturmedium für unsere Glaubensgenossen im Osten Europas, des ganzen Orients u. s. w. ist, kömmt ihnen nicht in den Sinn. „Die Kinder meiner Mutter ziirnen mir, sie setzten mich ein zur Hüterin der Weinberge, meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet", kann vorwurfsvoll die Gemeinde Israels sagen. Man würde jedoch schweres Unrecht begehen, wenn man alle Schuld hierfür auf diesen einen Theil wälzen und den andern hierbei in Betracht kommenden von jedem Verschulden freisprechen wollte. Wo immer man dem Judifferentismus begegnet, hat inan vollen Grund, den Spuren seiner Entstehung nachzuforschen; er ist nur die Wirkung tiefer liegender Ursachen. Forschen wir also im gegebenen Falle nach den Motiven. . Zunächst stellt sich uns als ein solches die „endlose Büchermacherei" dar, die gerade auf dem Gebiete der einschlägigen Litteratur wahrnehmbar ist. Man thut wahrhaftig kein Unrecht, wenn man in einem großen Theile dieser Preßerzeugnisse einen argen Mißbrauch der welterlösenden Kunst Gntenbergs erblickt. Wie vielen unreifen und ungereiften Gedanken, logischen und sprachlichen Unverständlichkeiten, mühselig zuwege gebrachten Kompilationen und gewiffenlosen Plagiaten muß sie sich zur Verfügung stellen! Diese Sorte „wiffenschaftlicher" Produktion ist es aber, die wie die Heuschrecken Aegyptens die Fluren unseres dermaligen Schriftthums bedeckt. Außerdem dient sie zumeist dazu, ihren Autoren Gelegenheit zu geben, in einer etwas respektableren Form an die Wohlthätigkeit heranzutreten. Kann hierdurch die Achtung vor dem jüdischen Schriftthum gewinnen? Von einer Prüfung und Sondirung der Einzelerscheinungen ist ja nicht die Rede; kan» es Wunder nehmen, wenn solidarisch der Stab gebrochen wird und die Werthschätzung für die geistige Thätigkeit auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums vollständig abhanden kömmt? Mag man noch so wohlwollend diesem nicht wegzuleugnenden Zustande gegenüber stehen: man kann doch nicht die Augen schließen vor dem unermeßlichen Schaden, den derselbe anrichtet. Diese gewiß recht bedauerliche schriftstellerische Überproduktion erhält — es muß dies einmal gesagt werden — ihre Züchtung einerseits in den Rabbinerseminarien und andererseits in den jüdischen Zeitungen. In erstcren findet ein förmlicher schriftstellerischer Drill statt, und so mancher ihrer Zöglinge, der kaum nothdürftig über die seinem Berufe unbedingt nöthigen rabbinischen Disziplinen Bescheid weiß, hat die Mache weg, nach welcher ein Buch geschrieben wird. Daher kömmt es auch, daß unter den modernen Rabbinern so viele „Autoren" und so wenige Theologen zu finden sind. Und doch sollte das Umgekehrte der Fall sein: nian braucht in den Gemeinden den Rabbiner und nicht den Schriftsteller. Wie viele hervorragende Rabbiner der alten Zeit haben nicht eine Druckzeile der ihrer in Dankbarkeit und Verehrung gedenkenden Nachwelt zurückgelassen! Zu viel wird auch in der, ich möchte sie Konjektural-Wissenschaft nennen, getrieben. Man glaubt manchmal in die Zeit kabbalistischer Abstrusitäten zurückversetzt zu sein, wenn man sieht, wie sogar Buchstaben-Permutationen und Zahlenwerthe rc. zu Interpretationen und Textherstellungen benützt werden. Diese Wissenschaft hat ihre Adepten zumeist in den Jüngeren gefunden, die sie schriftstellerisch zu verwerthen bestrebt sind. Die Anziehung liegt in dem hinter dem Schleier angeblich sich Bergenden. Das Glatte, Grade, Osfenliegende hat weniger Reiz. Besonders genährt wird aber diese Gattung des „Schriftstellerthums" durch die Kritik, welche solche Preßerzeugniffe in den meisten Fällen in den jüdischen Blättern erfahren. Offenbar nur aus Bonhommie lautet diese sehr günstig. Man vergißt jedoch, daß hierdurch nach zwei Seiten hin arg gesündigt wird. Der Autor wird dadurch in dem Wahne erhalten, mit seinem Opus wirklich Verdienstliches geleistet zu haben, und fühlt sich dadurch berechtigt und ermuntert, in seinen „schriftstellerischen" Arbeiten fortzufahren, während es ihm besser anstände, seinen Wiffensfonds zu konsolidiren, ehe er Antheilscheiue hieran auf dem Wege der Vervielfältigung in Zirkulation zu setzen unternimmt. Der größere Schaden wird aber der Wiffenschaft des Judenthums als solcher und deren Pflege zugefügt. Wie ich bereits auseinandergesetzt habe, gelangen diese dadurch in Mißkredit, und die Folge davon ist, daß sie keine materielle Förderung seitens unserer Begüterten erhalten. Es ist ein glücklicher Wurf geschehen durch die Gründung von Litteraturvereinen in so vielen jüdischen Gemeinden. Nebenbei gesagt, habe ich vor ungefähr einem Vierteljahrhundert an der Gründung eines solchen in Wien Theil genommen, und manche schätzenswerthe Publikationen danken ihm ihr Dasein. Möchte nun auch das geschehen, daß die kleinen Füchse vom Weinberge unseres Schriftthums fern gehalten werden durch eine Ablenkung auf andere Gebiete und eine aufrichtige, ehrliche Kritik. Aus alten Papieren. Von Dr. M. Silberstein in Wiesbaden. alten Papieren blätternd, kam mir in diesen Tagen ein seltsames Schriftstück in die Hand, nämlich eine Admonition, die ich vor Jahren aus Anlaß des Eintrittes eines jüdischen Juristen (des Dr. S. in L.) in den Staatsdienst an denselben gerichtet habe. Denn da unter der Herrschaft des Eides more zucknieo der obligaten Vereidigung deffelben eine ebenso obligate Ermahnung seitens des jüdischen Geistlichen voranzugehen hatte, ich es aber entschieden ablehnte, das übliche, wie bekannt von Moses Mendelssohn herrührende Formular hier, als für den Fall nicht paffend, zur Anwendung zu