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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-03 · Heft 31 (3.8.1894) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 31 (3.8.1894)
Date
1894-08-03
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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Hütten- oder Bergwerken; man kann nicht einmal sagen, daß die Eisenbahngesellschaften in den Händen der Juden sind: die Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Arbeitgebern würden also an diesen vorübergehen und sie nicht berühren, wenn nicht in der allgemeinen Einbildung die Generalisirung Drumonts durchgedrungen wäre. Man wird jetzt schwerlich Antisemiten überzeugen können, daß nicht alle Juden reich sind; zum Mindesten sind sie überzeugt, daß alle Reichen Juden sind. So hat die Bewegung den Charakter des Neides, des Zornes, der Raubgier, der Ausbeutung angenommen, der die sozialistische Politik charakterisirt: und sie zielt ebenso gut auf die liebenswürdigen Leute der Gesellschaft, von der ich eben sprach, als auf alle diejenigen, welche unter einem beliebigen Titel eine irgendwie beneidenswerthe Stellung einnehmen. Ausgegangen von einer buchhändlerischen Spekulation, basirend auf der Verläumdung, genährt, verbreitet, in Gährung gebracht durch die Eifersüchteleien des Salons und der Gesellschaft, durch das Bedürfniß nach Skandal und Herabsetzung: erhält sie keine Förderung durch die Nassenfrage, die der Mehrzahl unter den Judenfeinden unbekannt ist, keine durch die religiöse Frage, da das Erbe Voltaires, die religiöse Gleichgiltigkeit, die meisten Franzosen vor jedem leidenschaftlichen und tiefen Haß in dieser Sache bewahrt; ist sie eme Episode des sozialen Krieges geworden. Und in mehr als Einem von denen, welche sie anfangs mit einem gewissen Wohlgefallen aufnahmen, müssen jetzt bei der Betrachtung ihrer Folgen ganz andere Gedanken erwachen. Gefördert wurde diese Propaganda durch unser Preßgesetz vom Jahre 1881, welches Freiheit giebt ohne Verantwortlichkeit, jeden Prozeß wegen Verläumdung fast illusorisch macht und beinahe einen Preis aussetzt auf das Delikt der Ehrenbeleidigung, wenn es öffentlich in einem Blatte geschehen ist, statt fein in der Stille in einem Brief oder mündlich Sie bemerkten vorhin, daß die Juden, die sich hier zusammenfinden, Engländer seien und das Schicksal der Nation theilen, in deren Mitte sie leben: die Juden, die in Frankreich leben> sind gleichfalls Franzosen, und sie haben nicht allein ihren Antheil an den Arbeiten und Pflichten ihrer Landsleute, sondern in jedem Lande eignen sich die Juden auch den Charakter und die Sitten desselben an. Sie sind Engländer, meine Herren, und Sie haben die Verbindung der Makkabäer gegründet; Sie rechnen auf einander, auf Ihre Initiative, um sich zu vertheidigen. Sie sind allerdings Engländer: in Frankreich aber, wo wir noch nicht verstehen, daß für eine freie Regierung die öffentliche Meinung die treibende Gewalt bildet, in Frankreich haben die Juden das Ungewitter vorbeiziehen lassen, indem nur ein Jeder sich selbst zu schützen suchte. Sie haben sich nicht vereinigt und zusammengeschaart, um ihm die Stirn zu bieten; sie haben ihr Vertrauen auf 'die Regierung gesetzt, die nichts vermochte, auf unsere allgemeine Gesetzgebung, die doch ihre Gleichheit vor oem Gesetze verkündet, auf die Einsicht des Publikums, das ein Jahrhundert nach der Revolution nicht zu den Begriffen des Mittelalters zurückkehren könne, auf die innige Verbindung, die sich in den Lebensbeziehungen so vieler Juden und Franzosen gebildet hat: aber sie haben vielleicht ein wenig zu viel Vertrauen gezeigt. Die Geschichte der Menschheit, die Geschichte der Inden seit Jahrhunderten insbesondere zeigen, daß manchmal Stürme des Wahnsinns hervortreten, welche die Menge erfassen und sie fortreißen zu den schlimmsten Ausschreitungen, zu den grausamsten Ungerechtigkeiten, ohne daß die bestimmenden Motive deutlich fixirt und erklärt sein müssen und zu ihren Folgen im Berhältniß stehen. Sie haben begriffen, meine Herren, daß es von Wichtigkeit ist, diese nicht allein mit Gleichgiltigkeit zu bekämpfen. Freilich, Sie sind Engländer, aber Sie geben auch meinen Landsleuten ein gutes Beispiel. Ihre liebenswürdige Einladung hat mich deshalb umsomehr erfreut, als sie mir gestattet, diesen Ihr Beispiel vorzuführen. Ich trinke auf das Gedeihen der Gesellschaft der Makkabäer! Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß diese geistvolle Rede, die so werthvolle Aufschlüsse über den Ursprung des französischen Antisemitismus giebt, eine begeisterte Aufnahme gefunden hat. Noch einmal verwahrloste Kinder. Von S. Andorn in Crefeld. den diesem Thema gewidmeten Ausführungen in Nr. 21 war ich, war zweifellos jeder Leser vollkommen einverstanden. Ich will denn auch keine neuen allgemeinen Gesichtspunkte aufstellen, sondern mir nur gestatten, die Aufmerksamkeit des großen jüdischen Publikums ans ein Erziehungshaus zu lenken, welches nach Entstehung, Bestimmung, Einrichtung und bisheriger Wirksamkeit ganz besonders geignet erscheint, eine rechte Heimstätte für solche Kinder zu werden, die ohne rettendes Asyl der Verwahrlosung anheimfallen, der Glaubensgemeinschaft verloren gehen würden. Gemeint ist das Deutsch-israelitische Kinderheim zu Diez. Dank den hochherzigen Gliedern des Kuratoriums besitzt die junge Anstalt heute ein prachtvolles, in herrlicher Gegend gelegenes Haus, desien Einrichtung auch den hochgehendsten Forderungen entspricht. Eines wäre wohl noch zu wünschen: es möchte das Haus statt 20—30 Kinder, bereu 70 beherbergen. Der Raum dazu ist auch vorhanden, leider aber die Mittel noch nicht. Das Kinderheim besitzt nämlich weder Fonds, noch stützt es sich auf einen wirklichen Verein ständig zahlender Glieder, es wird vorwiegend erhalten durch den Wohlthätigkeitstricb unserer Jugend und durch die Freigiebigkeit einzelner Glieder des Kuratoriums. Diese vereinte Mildthätigkeit hat bereits Großes geleistet. Die Spendenlisten aus dem „Kinderheim" sind eine froh begrüßte Erscheinung bei unfern Kindern und regen die leicht bewegten jugendlichen Gemüther zu einem tiefen Griff in den eigenen Spartopf und zu einem erfolgreichen Sturm auf die Geldbeutel von Eltern, Freunden und Bekannten an. Für Kinder bestimmt, wird dieses Heim, das seinem Namen in jeder Hinsicht Ehre macht, von Kindern auch zum größten Theil unterhalten. Entstanden aber und kräftig unterstützt durch die Thätigkeit unserer B’Jörn '3S, unserer „barmherzigen Kinder" aus allen Gauen des Vaterlandes, konnte sich das Kinderheim nicht die Aufgabe stellen, seine Wirksamkeit — gleich der Waisenhäuser — auf einen engumschriebenen Bezirk zu begrenze». Die Zöglinge entstammen den verschiedensten Provinzen Preußens und Staaten des Reiches: Hessen-Nassau, Westfalen, Hannover, Rheinland, Sachsen, Meiningen, Darmstadt, Württemberg sind durch Zöglinge vertreten. Und noch in anderer Hinsicht hat das Kinderheim seine Arbeitsziele weiter gesteckt als die Waisenhäuser. Nicht blos elternlosen oder halbverwaisten Kindern öffnet es seine Pforten, sondern mit Vorliebe gerade solchen Kindern, deren Verweilen im häuslichen Kreise ans materieller oder sittlicher Noth bedenklich erscheint. Wir finden unter ihnen eine Anzahl unehelicher Herkunft, ferner Kinder, bei denen der eine Theil der Eltern nichtjüdischer Konfessjon und endlich auch Kinder einer Mutter, die von einem gewissenlosen Manne mittellos zurückgelassen worden ist. Auf diese bunt zusammengewürfelte Kinderschaar übt das vortrefflich verwaltete Heim den segensreichsten Einfluß, den ich an anderer Stelle in den Worten zusammengefaßt habe: „Alle haben ihre körperliche Gesundheit erlangt, sind froh und zufrieden, keines sehnt sich nach seinen früheren Verhältniffen, nach seiner einstigen Umgebung zurück. Alle sind in die Bahnen geleitet, die eine frohe Zukunft verheißen." Die Ausbreitung der Vorzüge des Kinderheims soll keine Gegensätzlichkeit zu der hochherzigen Gründung des Herrn Konsul Simon bedeuten. Beide Anstalten stehen in einem freundnachbarlichen Verhältniß, das immer bestimmtere Formen aunehme» und immer regere Wechselbeziehungen Hervorrufen wird. Aber die Erhaltung und Fortentwickleung ersterer Anstalt fordert vorläufig noch einen ansehnlichen Zuschuß. Wo dieser von irgend einer Seite geleistet werden

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