Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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IWWJff'IWWWWPüpi 364 Hätte man zu alten Zeiten dem Volke die Religion in ihrem ureigensten Geiste ohne den Kittern und verbitternden Beigeschmack der Parteileidenschaft, der Unduldsamkeit und des Fanatismus auf den Kanzeln verkündet und in den Schulen gelehrt,. dann wäre die Menschheit in der Gegenwart in allen ihren Schichten eine hochveredelte Generation, die sich in ruhigen, friedlichen Gleisen fortentwickelte. Anstatt deffen erlebt man noch in diesen vorgerückten Zeiten des „Jahrhunderts der Bildung und Humanität" wilde Ausbrüche von Gehässigkeit und Verrohung in den verschiedensten Schichten der Gesellschaft, in gewissem Grade sogar in den Reihen der Schuljugend. Fängt die Plage aber erst da an, dann ist es die höchste Zeit, einzulenken und die Religion zu gebrauchen und zu lehren „um ihrer selbst willen", um dem Umsichgreifen des religiösen Nihilismus wirksam Einhalt zu thuu. Eine Uede von Uves Ouyst. N. London, im Juli. ewiß dürfte es Ihren Lesern bekannt sein, daß hier seit mehreren Jahren ein „Klub der Makkabäer" besteht, zu -dem die hervorragendsten und intelligentesten Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde gehören. Bei bein letzten Banket dieses Klubs am 3 d. Mts. in St. James-Hall war auch M. Ives Guyot, der frühere Minister der öffentlichen Arbeiten in Frankreich, gegenwärtig Direktor des Journals „Le Siede“, anwesend und hielt, nachdem der Präsident M. C. H. Avigdor ihn begrüßt hatte, eine in jeder Beziehung interessante Rede, die ich Ihnen hier in wortgetreuer Übersetzung mittheile, in der Ueberzeugung, daß sie alle Ihre Leser lebhaft interessiren wird: Meine Herren! Ich würde mich entschuldigen, daß ich genöthigt bin. Ihnen in französischer Sprache für Ihre liebenswürdige Einladung und Ihre freundliche Aufnahme zu danken, wenn nicht die Rede, welche Ihr Präsident eben in meiner Muttersprache hielt, und der Beifall, mit welchem Sie sie begleiteten, mir bewiesen hätten, daß Sie das so beneidenswerthe Privileg besitzen, vieler Sprachen kundig zu sein: man hat Sie deshalb getadelt, ebenso wie man Ihnen Ihre Geschicklichkeit auf der Börse zum Vorwurf macht. Vieler Sprachen kundig! Aber das sind die Verfolgungen, welche Ihre Väter dazu geeignet gemacht haben, und Sie genießen jetzt dieses Erbe: als alle Länder sich vor ihnen schlossen, als ihre Asyle nur vorübergehend und unsicher waren, da machten sie 'sich darauf gefaßt, bald wieder die Grenzen zu überschreiten, und so erlangten sie die Kenntniß der Sprachen. Ich rede von Vergangenem: neue Thatsachen beweisen, daß sie auch jetzt noch nützlich ist. Banquiers! Ja, man verwehrte es ihnen, nach Ehrenämtern zu streben: man schloß sie aus von der Regierung; man verbot ihnen das unbewegliche Eigenthum; man bedrohte sie unaufhörlich mit der Konfiskation. Sie haben auf diese Weise gelernt, ihr Vermögen möglichst schnell fortzuschaffen, flüssig zu machen: die Erzieher Ihrer Väter waren ihre Verfolger! Aber Sie wissen all dies besser als ich, und das, was Sie von mir erwarten, sind einige Mittheilungen über Charakter, Umfang und Tiefe der antisemitischen Bewegung in Frankreich. Das aber ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen unserer Zeitgeschichte, die schon durch die Zeit selbst, in welcher sie entstand, Verwunderung Hervorrufen muß. Man sah sie entstehen, wachsen und sich entfalten zur selben Zeit, da wir uns anschickten, die Centennarfeier der Revolution von 1789 zu begehen. Diese ist groß in der Geschichte der Menschheit, weil sie drei Grundsätze ausgestellt hat: die Freiheit des Denkens; die Gleichheit eines Jeden vor dem Gesetze, das eines ist für Alle; die Freiheit der Arbeit. Die Befreiung der Juden war eine Folge der Verkündigung dieser Prinzipien: und ich kann sagen, ohne daß man mich einer übertriebenen nationalen Eigenliebe beschuldigen könnte, daß sie in der Geschichte der Menschheit etwas Neues und Wohlthätiges darstellen, nicht allein für Frankreich, sondern für die Menschheit. Es ist eine bizarre Ironie, daß ein Jahrhundert, nachdem diese Prinzipien in dem guten Glauben proklamirt worden waren, daß sie so feststehende und unbestrittene Thatsachen sein würden wie die Regeldetri oder das Gesetz der Schwere — daß da die Protektionisten und Sozialisten kommen und laut erklären: die Freiheit der Arbeit sei etwas Schlechtes und Verächtliches. Und die Mehrzahl ist den Ersteren gefolgt und wurde wankend gemacht von den Letzteren. Man sah, diese verlangen die Wiederaufrichtung einer Gesetzgebung der Klassen und Kasten, der Privilegien für die Einen, der Unterdrückung für die Anderen, und als Ideal der Politik hinstellen — nicht ein Wachsthum der Gerechtigkeit für Alle, sondern die Beraubung der besiegten Partei zu Gunsten der siegreichen. Ganz und gar in Harmonie mit dieser Partei erschienen nun die Antisemiten, welche unter einem Namen, der den Anstrich moderner Wissenschaftlichkeit hat. nichts darstellen, als das Wiederaufleben der Vorurtheile des Mittelalters. Sie griffen die Juden an mit Berufung auf ihre Religion und auf ihre Rasse. Wenn sie auch nicht soweit gingen, die Scheiterhaufen der Inquisition wieder anzuzünden, so verlangten sie doch auf eine um so gefährlichere, weil unbestimmte Weise Maßregeln der Konfiskation und der Landesverweisung gegen die Juden. Der Mann, welcher das Kommando in diesem Feldzuge hatte, besaß das moralische Ansehen, um ihn zu führen. Es war keineswegs ein strenger Gläubiger, der aus seiner Einsamkeit heraustrat, um das Anathema auszusprechen über die Sünden der Welt: als Berichterstatter einer Zeitung „La. Liberte“, die einem Juden, Pereire, gehörte, während langer Jahre beschäftigt, war er dort der zu Allem bereite Chronist gewesen. In dieser Zeit handhabte er fleißig die Scheere und schnitt, und schnitt immer wieder aus den Zeitungen aus. Gab es da irgend einen Vorfall, in welchem ein Jndividium eine gehässige Rolle spielte: er schnitt es aus, und schnell war ein Jude aus ver schändlichen Person geworden. Gab es einen sensationellen Prozeß: er schnitt ihn aus, und der widerliche Typus wanderte sofort in seine Judenkollektion. So auf der Suche nach jedem Skandal, nach allen Gerüchten — wahrscheinlichen wie unwahrscheinlichen — trug er sich Alles zusammen: er flickte dann eines Tages die einzelnen Stücke, ließ sie drucken und nannte dies ein Buch, mit dem Titel: „La Trance juiveu. Jeder Mensch, der in eine böse Angelegenheit verwickelt war oder von dem man dies angenommen, wurde Jude genannt, welches auch immer seine Nationalität, seine Religion, seine Abstammung sein mochten. Wenn Drumont nicht vermöge einer sehr natürlichen Verwandtschaft einige Sympathie für die Anarchisten fühlen würde: er würde auch sie Juden nennen und nicht verfehlen, dem Mörder Carnots diese Bezeichnung zu geben. (Ist inzwischen in der That geschehen! Die Red.) Alle Sünden der Menschheit hat er auf die Juden gewälzt. Ernste Leute zucken darüber die Achseln; aber die skandalhungrigen Leute, alle politischen Klatschbasen, Alle, die auf schmutzigen Tratsch lauern, alle Schwätzer, diese Neidhammel, die jeden Angriff auf Diejenigen, welche sich Stellung, Vermögen, Namen erworben haben — sei er begründet oder nicht — als Vergeltung betrachten: sie Alle sind über diese Leute hergefallen und haben Jeden einen Juden genannt, der, da er mehr oder weniger sein Glück machte und deshalb das Unglück hatte, ihnen zu mißfallen. - Man muß gestehen, daß dieser Angriff eine lebhafte Unterstützung durch die Welt des Baubourg Saint-Germain erfuhr, welche mit all' ihren Kräften dabei half. Er kam ihren religiösen Ueberlieferungen entgegen, ihrem Haß gegen die moderne Gesellschaft und ihrem aus Eitelkeit entsprungenen Groll gegen die reichen Jüdinnen, welche in den Logen der Oper und des Ibeatre francaise ihre strahlenden Diamanten zur Schau tragen, und deren glänzenden Gespannen sie im Bote de Boulogne begegnen müssen. Das war die Revanche des alten, ererbten oder erheiratheten Grundbesitzes gegen das Kapital, das durch die Thätigkeit im Geschäft oder im Handel erworben war. Der Antisemitismus ist, gerade herausgesagt, in Frankreich der Haß der Aristokratie! Die Arbeiter, die Bauern haben an ihm in seiner echten Gestalt keinen Theil. Es stehen, wenn überhaupt, so doch nur wenige Juden an der Spitze großer industrieller Unternehmungen, als Direktoren von