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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-03 · Heft 31 (3.8.1894) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 31 (3.8.1894)
Date
1894-08-03
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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363 Naturforschung, diese inlcrnalioiialste aller Wissenschaften, eifrig pflegt und in der Erkenntniß der Natur und deren Gesetze als der gemeinsamen Grundlage und Existenzbedingungen rühmliche Erfolge erzielt hat, es betreibt den Rassenhaß und steigert ihn zur Unnatur der heidnischen Geschlechter in der grauen Vorzeit. Der moderne Mensch lächelt spöttisch und fühlt sich überlegen, wenn er vom „Kastengeist" spricht und verdammt damit stillschweigend jene steife Gebundenheit und schroffe Abschließung der Stände und Klaffen, wie sie im alten Aegypten geherrscht, und doch liegt in dieser letzteren kein geringeres Maß von Knechtung der sittlich freien Selbstbestimmung, als beispielsweise in den ungeheuerlichen Wahlbeeinfluffungen, wie sie von Zeit zu Zeit von eben diesem modernen Menschen systematisch betrieben werde». Den modernen Menschen überkommt ein Schauder, wenn er beispielsweise liest, daß im alten Griechenland Fremde, die das Mißgeschick an die Grenze des Landes verschlagen, der öffentlichen Sitte gemäß, den Göttern geopfert wurden: „Weh dem Fremdling, den die Wogen warfen an den Unglücksstrand, nur auf gräßlichen Altären dorret menschliches Gebein" — im schneidenden Gegensatz zu dem in Judäa gellenden Fremdengesetz: „Einerlei Recht sei euch und dem Fremdling, der in euren Thoren weilt, und liebet den Fremdling" — und derselbe moderne Mensch entzündet auf den Altären seiner Jntereffengottheiten die unnatürliche Flamme des nationalen Chauvinismus, die alles Fremde ringsum zu verzehren droht — und dein blinden Partei- Chauvinismus gilt Alles, selbst Einheimische und Eingeborene, für fremd, was nicht seinen Sonderinteressen ohne Rücksicht auf das allgemeine Beste des Vaterlandes Vorschub leistet. Sollte uns über diese Räthsel, Widersprüche und Gegensätze nicht die Religion Aufschluß geben können, die mit ihrer stillen, heiligen Beschaulichkeit den innern Zusammenhang der Daseinserscheinungen und Lebenserfahrungen aus göttlichem Geiste erfaßt? Nun, schon aus eben dieser ihrer wesentlichen Eigenschaft der zusammenfaffenden Lebenserkenntuiß aus sittlich-göttlichem Geiste laffen sich die tiefe» Schäden der Zeit deuten. Die Religion wird eben in dieser Reinheit und Geistigkeit ihres Wesens von den meisten Menschen weder erkannt noch gewürdigt. Sie wird nicht von allen Seiten als eine geistige Kraft aufgefaßt, die ihren Zweck in sich selbst trägt, sondern als eine Art von Faktotum, das Alles und Jedes sein soll, was der Mensch daraus machen will. Der Mensch auf niederer, geistiger Stufe kennt und begreift sie zumeist nur aus den äußeren Formen, in denen sie sich darstellt. In seltenen Fällen nur sind ihm diese, was sie wirklich sind, nothwendige, aber doch bloße Hinweise auf die höchste Idee der Religion, auf die Gottheit, oder bloße Erinnerungszeichen zur Erweckung sittlicher Gesinnung und des lebendigen Bewußtseins seiner engen, heiligen Beziehung zu Gott und dem Nebenmenschen. Weit öfter ist er von dem dunklen Gefühl beherrscht, daß man durch die Uebung dieser Formen bei Gott „gut augeschrieben ist" und seinen Segen auf sich herabzieht. Er sieht also in der Religion Gott gegenüber nur ein Mittel zur Förderung seiner Selbstsucht, und es entgeht ihm die lebendige Durchdringung des wahren und echten religiösen Geistes, der in dem Schriftworie webt und heilige Scheu und Seelenklärung ausströmt: „Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzen Vermögen." Der Halbgebildete, halb naiv, halb gewitzt, mit diesen zwei Hälften aber als ein Ganzes und Vollkommenes sich wähnend, entzieht sich zumeist dem religiösen Leben und Wesen mehr aus eitler Prunksucht als aus „Prinzip", mit dem er sich selbstgefällig zu brüsten pflegt. Denn beim Eintritt von Ereignissen, die in sein Leben etwas tief eingreifen, wird das erborgte Prinzip bald schwankend. Der Hochgebildete setzt oft ein zu großes Vertrauen auf die Ergebnisse der Wissenschaft, und indem er unter Verkennung der vielen Wandlungen, die das jeweilig für feststehend Erkannte im Lauf der Zeiten gemacht, in diesen Ergebnissen das Leben sich abzuspiegeln vermeint, hält er die Religion zur Erbauung „für das Volk" für gut genug, oder auch als Abschreckungsmittel für nothwendig. Der Philosoph endlich sieht in der Religion unter vollständiger Verkennung ihrer Besonderheit als unmittelbare allen Menschen eigenthümliche, mehr oder weniger bewußte Idee engster Wechselbeziehung zwischen den Menschen und der Gottheit eine „weltgeschichtliche Selbsttäuschung" und findet sich mit dieser nun einmal vorhandenen weltgeschichtlichen Erscheinung ab, indem er sie aus moralischen Nützlichkeitsgründen gelten läßt. Rechnet man hierzu ganz besonders und hauptsächlich noch den Mißbrauch, den man nicht blos in unberufenen, sondern bei Weitem mehr in berufenen Kreisen mit der Religion getrieben, indem man sie theils mit bewußter Absicht, theils „in gutem Glauben" systematisch im Dienste der ärgsten Parteileidenschaft und des Glaubensfanalismus früher unter Handhabung von Feuer und Schwert und jetzt meistens im Dienste der materiellen Interessen unter bitterster Verfolgung und Verhetzung der Nebenmenschen verwendet, dann kann man sich nicht wundern, wenn die Religion jetzt (vielfach im Allgemeinen) in Mißkredit gekommen und daß dieser Mißkredit in weiten Schichten der Menschen einen religiösen Nihilismus erzeugt, der alle Religion für ein leeres Phantom, für eine weltgeschichtliche Selbsttäuschung hält und somit keine geistig reale Grundlage darbieten kann, um auf derselben die Wohlfahrt der Menschen zu begründen. Wenn das Heiligste und Ehrfurchtwertheste lvie die Religion statt die Menschen friedlich geeint und verbrüdert zu haben, sie vielmehr in viele feindliche Lager gespalten und so unsäglich viel Unglück über die Menschen gebracht, so ist es erklärlich, daß aus dieser pessimistischen Stimmung heraus, die eine solche sich Jedem bald aufdrüngende Betrachtung hervorruft, Mißtrauen, ja Abneigung gegen alle Religion erwachsen mußten. Bei dieser nihilistisch-pessimistischen Verstimmung ist nur das Eine falsch, daß sie das Wesen der Religion mit dem Mißbrauch, den man von ihr gemacht, verwechselt, beziehungsweise vermischt. Was hat denn die ihrem reinen Wesen nach Gemüth und Geist vom Druck und Bann der Erde mild und heiter lösende Religion mit dem Mißbrauch derselben gemein? — Ein Wörtlei» hat das Judenthum, ein Wörtlein hehr und heilig — es heißt: (Lischmah) und bedeutet: „um ihrer selbst willen". Am Himmel des jüdischreligiösen Lebens glänzt dieser Begriff als leuchtender Stern, er ist das Herz und der Mittelpunkt des jüdisch-religiösen Lebens. Er entspringt aus der Bibel, die auf geistige Verinnerlichung der religiösen Formen dringt, und wandelt seinen Lichtpfad durch den ganzen Talmud, durch alle religionwissenschastlichen und erbaulichen Schriften des Judenthums bis auf den heutigen Tag. Rabbi Meir spricht: Wer die Religion übt, gebraucht und lehrt um ihrer selbst willen, wird vieler Segnungen theilhaft, ja, das Leben wird ihm so erst recht lebenswerth. Er ist ein Liebling Gottes, liebt Gott uub die Menschen. Sie bekleidet ihn mit Demuth und Gottesfurcht, macht ihn geeignet, ein Gerechter und Frommer zu sein, redlich und treu, hält ihn fern von der Sünde und führt ihn zu jeglicher Tugend, und man gewinnt aus ihm Rath und Gediegenheit, Einsicht und Stärke, denn so heißt es von der Religion als der wahren Weisheit: Mein ist Rath und Gediegenheit, ich bin die Vernunft, mein ist die Stärke — er ist bescheiden und langmüthig und steht ihm angethane Kränkung nach; sie erhöht und erhebt ihn über alle irdischen Wesen (Spr. der Väter K. 6.)

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