Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Stiftung gestellt wurden, erfüllt werden. Gleichwohl fehlt noch viel, um allen Anforderungen voll zu entsprechen. Ist kein Haindorf da? So möchten wir im Hinblick auf jene Zeit fragen, in der die Marks-Haindorf-Stiftung entstanden ist. Ach ja, die Zeiten sind anders geworden! Es fehlt uns nicht nur an Oberpräsidenten, Konsistorialrüthen und Professoren, die jüdische Lehrerseminare fördern, sondern auch an den Männern in unserer eigenen Mitte, die derartige Bestrebungen unterstützen. Möchten diese Zeilen die Aufmerksamkeit aller Derjenigen, die noch ein warmfühlendes Herz haben für das Judenthum und für die Institution der Ausbildung tüchtiger jüdischer Lehrer, auf die Stiftung und das Seminar zu Münster, die der Förderung werth und würdig sind, lenken. Me Woche. e Berlin, 31. Juli. der Vor Kurzem erschienenen Kriminalstatistik pro 1891; findet sich in der den Tabellen vorausgehenden Uebersicht, die bekanntlich gemeinsam vom statistischen Amt und vom Reichsjustizamt bearbeitet wird, die folgende interessante Stelle, die sich energisch gegen den Mißbrauch falsch verstandener Zahlen für einseitige Parteizwecke wendet: „In diesen kriminellen Verschiedenheiten tritt jedoch der Einfluß des religiösen oder konfessionellen Bekenntnisses nicht rein zu Tage, da die anderen Faktoren der Kriminalität hier, insbesondere Beruf und damit zusammenhängend Wohlhabenheit und Bildungsgrad, bei den Katholiken und Protestanten auch Nationalität (Slaven, Germanen), in ihrer Wirkung in diesen allgemeinen Zahlen nicht eliminirt sind. Auch annähernd wird die kriminelle Belastung nach Religion und Konfession aus den Zahlen der Uebersicht 12 nicht ohne Weiteres zu entnehmen sein. Während der kriminelle Einfluß von Beruf, Alter, Geschlecht nach der Natur der Sache und den Ergebnissen der Statistik hoch anzuschlagen ist, wird man in der Zugehörigkeit zu einer religiösen oder konfessionellen Gemeinschaft die Erklärung krimineller Verschiedenheiten nur mit der allergrößten Vorsicht und Umsicht suchen dürfen, und mit dem Instrument der Statistik wohl kaum finden können, denn die bei uns verbreiteten Religions- und Konfessions-Gemeinschaften unterscheiden sich in ihren Moralvorschriften doch nicht dermaßen, daß ihre Angehörigen dadurch zu einem verschiedenen Verhalten gegenüber den gesetzlichen Vorschriften über Eigenthum, Person und öffentliche Ordnung bewogen werden könnten. Wenn sich in unseren statistischen Zahlen Verschiedenheiten zwischen der Kriminalität der Katholiken und Evangelischen, Christen und Juden zeigen, so würde man dieselben auf das Glaubensbekenntniß als solches' doch nur dann zurückführen können, wenn im Uebrigen alle Faktoren der Kriminalität gleich wären. Die Erfassung der Beziehungen zwischen Kriminalität und Religion und Konfession setzt daher besonders subtile Untersuchungen voraus, die sich in dieser Statistik völlig einwandsfrei' überhaupt nicht, wenigstens zur Zeit nicht, anstellen lassen. Zunächst giebt die Statistik nur Aufschluß, ob ein Verurtheilter sich äußerlich zur christlichen oder jüdischen Religion, oder zur evangelischen oder katholischen Konfession hinzugerechnet hat, nicht aber über das Maß der inneren Religiosität oder Konfessionstreue, und diese wären es doch, welche je nach ihrer Verschiedenheit in verschiedenem Maße vor Vergehen und Verbrechen bewahren sollten Dieser Umstand läßt sich nicht beseitigen, da die Statistik überhaupt nur an äußerlich faßbaren Erscheinungen anknüpfen kann. Es kann aber nicht nachdrücklich genug davor gewarnt werden, solche Daten zu Grinsten oder zu Ungunsten dieses oder jenes Glaubensbekenntnisses in dem Sinn zu verwerthen, daß dadurch eine Wirkung derselben auf die Kriminalität erwiesen sei." * Der Antisemitismus der preußischen Konservativen macht seltsame Fortschritte! Die neue Auflage des „Konservativen Handbuches" bringt zum ersten Male offeil die Aufforderung: Kauft nicht bei Juden! In einem neuen Abschnitt des Artikels „Antisemitismus", der in der Ausgabe von 1892 noch fehlte, wird ausgeführt: Die Deutschen sollten grundsätzlich keines der zahlreichen jüdischen Geschäfte in Nahrung setzen, von denen es notorisch sei, daß sie ihr Arbeiterinnen auf den Weg des Lasters verwiesen; wenn es in der Judenfrage eine „Schmach" gebe, so liege sie in der Thatsache, daß deutsche Frauen und Männer der höchsten Kreise sich nicht scheuen, solche Geschäfte zu betreten. Man müsse aber auch denjenigen Juden gegenüber Zusammenhalten, welche sich in ihrem bürgerlichen und geschäftlichen Leben nichts zu Schulden kommen lassen. Der christliche Deutsche sollte unbeirrt auch im geschäftlichen Leben in erster Linie seinesgleichen unterstützen. Die Aufforderung, selbst die Juden wegen ihrer Abstammung oder Konfession zu boykottiren, die sich nichts zu Schulden kommen lasten, nennt das „Kons. Hdb." die Bethätigung eines gemäßigten Antisemitismus! * Aus Rußland kommen wieder sehr trübe Nachrichten. Wie das letzte Monatsbulletin der „Alliance Israelite Universelle“ meldet, erlosch am 1./13. Juni die Frist, welche ein ministerieller Erlaß vom 14./26. Januar 1893 Tausenden von israelitischen Fanlilien gestellt hatte, die ihren Aufenthalt außerhalb der südwestlichen Provinzen des Reiches, die den Israeliten als stehende Aufenthaltsorte zugewiesen sind, genommen hatten. Die beschlossenen Maßnahmen der Ausweisung und Zurückdrüngung sind noch nicht überall durchgeführt worden, was der Hoffnung Raum läßt, daß zum mindesten einem Theil der armen Bedrohten eine neue Frist gewährt wird. Im „Woschod" vom 29. Mai/10. Juni ist darüber Folgendes zu lesen: „Die größte Anzahl derjenigen Juden, welche unter dem Schutz der ministeriellen Circularnote von 1880 ihren Aufenthaltsort in den Provinzen des Innern gewählt hatten, werden gezwungen sein, mit ihren Familien daran zu gehen, den Ort zu verlassen, wo sie lange Jahre hindurch gelebt, wo ihre Kinder zur Welt kamen und heranwuchsen. Die Gouverneure haben nur für eine sehr beschränkte Zahl von Bevorzugten das ihnen durch das Gesetz von 1893 zuerkannte Recht wahrgenommen, einige Kategorien von Juden bis zur endgiltigen Regelung der Judenfrage an Ort und Stelle zu belassen. Es wäre sehr schwer, die Zahl der Israeliten zu bestimmen, welche im Begriffe stehen, die inneren Provinzen zu verlassen, um nach dem Territorium zu ziehen; indessen werden wir bedeutend hinter der Wahrheit bleiben, wenn wir dieselbe auf. 200,000 Seelen schätzen. Welch entsetzlichem Elend gehen diese armen Leute entgegen!" Religiöser Nihilismus. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick. nsere Zeit ist eine Sphinx, die uns schwere Räthsel aufgiebt. Widersprüche und Gegensätze treten in ihr auf, tute sie schroffer sich früher nur selten gezeigt. „Bildung macht frei", und wir leben ja im Jahrhundert der Bildung und Aufklärung, und doch tragen noch viele, ja die meisten Menschen den Stempel geistiger Knechtschaft früherer Jahrhunderte an sich. Das Zeitalter der Humanität, als welches unsere Zeit oft in Lied und Prosa besungen und gefeiert wird, zeitigt nicht feiten bittere inhumane Früchte von Klaffen- und Rassenhaß, so daß, wenn das Gesetz, dieses lebendige Gewissen, diese immer wache Vernunft der Menschheit, nicht seine hohe Autorität geltend machte, „Einer den Anderen lebendig verschlingen würde." Das Zeitalter, welches die