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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-03 · Heft 31 (3.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 31 (3.8.1894)
Date
1894-08-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 31. Lire Berlin» 3. August 1894. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Äonn Veriags-Crpedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judenthums*. Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel r Andere Zeiten. — Die Woche. — Religibser Nihilismus. Von Dr. Ludwig Pick. — Eine Rede von Bves Guvot. — Noch einmal verwahrloste Kinder. Von S. Andorn. — Die Pflege der Wissenschaft des Judenthnms. Von Emannel Baumgarten. — Aus alten Papieren. Von Dr. M. Silber st ein. — Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feld mann (Forts.). — Karlsbader Briefe. III. Von G. K. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebole. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Königsberg i. Pr., Breslau. Salzbrunn. Arnswalde. Lengsseld. Karlsruhe i. B.. Eschwege. Wien, Budapest. St. Petersburg, New-Vork, Cincinnati. — Von Rah und Fern. — Miscellen. Andere Zeiten. Berlin, 31. Juli. s sind in diesem Sommer 60 Jahre verflossen, seitdem Alexander Haindorf den „Verein für Westfalen und Rheinprovinz zur Ausbildung von Elementarlehrern und Beförderung von Handwerken und Künsten" unter den Juden reorganisirte. Professor Dr. A. Haindorf, der am 16. Oktober 1862 zu Hamm in Westfalen entschlief, war einer der edelsten Menschen. In dürftigen Verhältnissen ausgewachsen, früh im hebräischen Wiffen sich auszeichnend, widmete er sich dem Berufe eines Arztes, stndirte und dozirte an verschiedenen deutschen Universitäten, hielt sich zu seiner weiteren Ausbildung zwei Jahre in Paris auf und war nahezu 30 Jahre Professor der Chirurgie an der Universität in Münster. Haindorf führte im Jahre 1834 die Verschmelzung des Vereins für den Regierungsbezirk Minden mit dem für Münster gestifteten herbei und leitete selbst die mit demselben verbundene Schulanstalt, aus der das jetzige Seminar in Münster, das seinen Namen trägt, hervorgegangen ist, als Direktor und Lehrer. Andere Zeiten waren es in sofern, als der damalige Oberpräsident von Westfalen, der liberale Freiherr von Vincke, auch bis zu seinem Tode Präsident des Vereins war. . Ein Konsistorialrath Natorp vertraute seine eigenen Kinder der Vereinsschule an; ebenso wie der in der pädagogischen Welt bekannte Natorp handelte der Konsistorialrath Möller. Charakteristisch genug, um jene Zeit im Vergleich zur unsrigen zu kennzeichnen. Freiherr von Bockum-Dolffs richtete als Regierungsrath von Merseburg aus 1835 an den Verein die Bitte, „auch in der Ferne von dem fortwährend erfolgreichen Erblühen zu vernehmen und noch künftighin als Mitglied ihm angehören zu dürfen". Kaum existirt eine Stadt in Westfalen, die nicht einen in dem Haindorf'schen Seminar ausgebildeten Lehrer hat oder hatte. Roch zu seinen Lebzeiten hat er über 300 Handwerker ihrem Berufe durch den Verein zugeführt. Während indeß der letztere Zweck in Folge der verbefferten Erwerbsverhältnifle zürückirat, ist die Ausbildung don Volkslehrern namentlich für die Israeliten der westlichen Provinzen mehr in den Vordergrund getreten. Haindorf war Arzt und Seminarlehrer zugleich; die hohen Gedanken, welche in ihm lebten, der feste Glaube an das Edle in der Menschennatur und das lebendige Mitgefühl mit der leidenden Menschheit erwarben ihm die Achtung, welche dem Wohl der Anstalt zu Hilfe kam. Er übernahm als Lehrer nur diejenigen Fächer, denen er als Arzt schon nahe stand, Naturgeschichte und Naturlehre. Er leitete die Konferenzen der Lehrer und inspizirte die Schüler, sowohl in den Frühstunden wie spät Abends, um sich von ihrem Fleiß und der geregelten Ordnung zu überzeugen. Niemand mochte dem freisinnigen Denker die Hochachtung versagen, dessen Leben sich als eine einzige religiöse Handlung darstellte, die das Wohl seiner Glaubensgenossen zum Ziele hatte und deren Triebfeder der Gedanke jenes Philosophen war: „daß es allein die Erziehung sei, die uns retten könne von allen Uebeln, die uns drücken." In dem siebenten Jahresbericht des Vereins schrieb Haindorf die noch heute mustergiltigen Worte: „Nicht das ewige Wesen religiöser Grundwahrheiten soll gefährdet werden, sondern jene, durch die Erfordernifle der Zeit bedingte, echt wiffenschaftliche Reife der uns anvertrauten Jugend wollen wir durch unser gemeinsames Bemühen erstreben, da diese mit wahrer Religiosität stets in den Brennpunkt der menschlichen Natur, das gute Gewissen, zusammenfällt!" Ja, es waren andere Zeiten. Drei christliche Lehrer ertheilten gratis vor 60 Jahren an der Münster'schen Anstalt Unterricht, wie Annegarn, der Verfasser einer Weltgeschichte, der Divisionsprediger Daub, Verfasser der „Stimmen aus der Tiefe", und der Dirigent der Taubstummenanstalt, Dr. Weidner. Haindocf hat das hohe Alter von 80 Jahren erreicht. „Das Andenken des Gerechten lebt in Segen fort." Für uns aber erwächst ans solchen Betrachtungen die heilige Pflicht, den Wechsel der Zeiten und Anschauungen wohl zu beachten, durch denselben aber keineswegs uns entmuthigen zu lassen, vielmehr dahin zu streben, daß das, was die Ungunst der Zeit verschuldet, durch unsere eigene Kraft wieder aufgebaut oder gestärkt werde. Auch das jüdische Lehrerseminar in Münster hat unter dieser Ungunst der Zeitverhältniffe zu leiden gehabt. Zwar steht es noch in voller Blüthe und es werden Seitens des Kuratoriums alle möglichen Anstrengungen gemacht, um das Institut auf diesen: Stand- ' Punkt auch ferner zu erhalten. Aber die materiellen Verhältnisse des Instituts sind schwankende. Nur durch den Eifer und das Geschick des gegenwärtigen Kurators, des trefflichen Herrn I. Blnmenfeld, konnten bisher die Anforderungen, die an das Seminar und die

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