Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Oberrabbiner Grünsberg vertretene israelitische Gemeinde erschien zum feierlichen Empfange des hohen geistlichen Herrn und hatte vor dem Triumphbogen Stellung genommen. Als der Erzbischof den Rabbiner mit der Gesetzesrolle erblickte, begab er sich dorthin und sprach ihn an: „Ich danke der israelitischen Gemeinde für den mir bereiteten herzlichen Empfang", und hebräisch fügte er hinzu: XL schein Adon ... ekra habu godel l’eloh . .! Wir glauben Alle an einen Gott, find Alle Kinder eines Vaters, daher sollen wir uns Alle gegenseitig lieben und stets in Freundschaft begegnen." Beim Betreten der Kirche sagte der edelmüthige Oberhirt zum versammelten Volke: „Schaut hin, wie die Israeliten während des Sabbaths zu meiner Ehre erschienen und Freundschaft äußerten; daher müssen auch wir ihnen stets in Freundschaft und Liebe begegnen und mit ihnen in Eintracht leben." in. e. Lemberg, 13. Juli. Ein großes Muster weckt Nacheiferung. Der Ruhm des Pfarres Deckert, welcher ungestraft die Kanzel zur antisemitischen Agitation benutzen durfte, ohne daß die Koalitionsregierung irgend welche gesetzliche Maßnahmen gegen ihn ergriff, hat so Manchen seiner Berufsgen offen nicht schlafen lassen. Jetzt hat auch Galizien seinen Teckert, allerdings in Miniaturausgabe. In der unweit von Lemberg gelegenen Stadt Gliniany betreibt der Ortspfarrer Jan Turezanski seit längerer Zeit eine systematische Hetze gegen die dortige jüdische Bevölkerung, indem er in seinen Predigten und durch private Agitation seine fromme Gemeinde zu einer wirthschaftlichen Bekämpfung der Juden auffordert. Daß die Behörden keine Veranlassung nehmen, gegen diesen Verkünder des göttliches Wortes einzuschreiten, ist bei den jetzt in Oesterreich herrschenden Zuständen fast selbstverständlich. Zum Unglück ist dieser Pfarrer auch Schriftsteller. Als vor einiger Zeit das Haus eines nichtjüdischen Bäckers eingeäschert wurde, da fiel der Pfarrer in einem heftigen Artikel im demokratischen „Kuryer lwowski" über die jüdischen Bäcker her, welche, wie er behauptete, den Brand angelegt hätten! — eine Thatsache, welche der beschädigte Bäcker selbst nicht bestätigen konnte. Das Treiben dieses Pfarrers ist um so bedauerlicher, als sich die schädigenden Folgen desselben im Niedergänge des bis vor Kurzem blühenden jüdischen Handels schon jetzt sehr fühlbar machen. — Das jüdische Vereinsleben hat sich in letzter Zeit hier zu Lande sehr günstig entwickelt. In den meisten Provinzstädten entstehen immer neue Vereine, welche theils die Pflege der jüdischen Geschichte und Litteratur, theils die Unterstützung der jüdischen Kolonisten in Palästina zum Zwecke haben. Zu ersterer Kategorie gehören die in letzter Zeit entstandenen Vereine in Krakau (akad- Verein „Libanon"), in Zloczow (Degel Jeschurun), in Boryslaw (Achduth), in Kolomea (Beth Israel). Dieser letztere erfreut sich der Betheiligung vieler hervorragender Gemeindemitglieder. An der Spitze desselben steht Landesadvokat Dr. L. Zipfer. Dem Vernehmen nach soll hier auch eine jüdische Bibliothek und eine Lesehalle errichtet werden, welche wohl am geeignetsten wäre, den großen Massen jüdisches Wissen zuzuführen. Zur Förderung der jüdischen Kolonisation wurden in letzter Zeit gegründet die Vereine in Drohobycz, Buczacz, Lauent, Ropczyce, welche in den meisten Fällen eine recht beträchtliche Mitgliederzahl aufweisen. — Der soeben erschienene XVII. Sammelband der Veröffentlichungen der Krakauer Akademie der Wissenschaften enthält eine kleine Schrift „Nateryaly do etnografii zydo w wschodnio-galieyjskich“ (Materialzur Ethnographie der ostgalizischen Juden) von Benjamin W. Segel. Der junge Verfasser hat hier, wie ich glaube zum ersten Mal, die wichtigsten Thatsachen zusammengestellt, die auf die religiösen Bräuche und den Volksglauben der hierländischen Juden Bezug haben. Es find hier die im Volksmunde lebenden Sagen, die verbreiteten Volkslieder und die mannigfachen mysteriösen Volksbräuche ausgenommen. Herr Segel ist auch für das Kronprinzenwerk („Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild") zur Bearbeitung des Theiles „Volkskunde der galizischen Juden" eingeladen worden. Rußland. - X Petersburg, 20. Juli. Der. Reichsrath hat das Projekt des Finanzministers bezüglich der von den jüdischen Ackerbauern, welche sich auf staatlichen Grundstücken in den Gouvernements Chersson und Jekaterinoslaw niedergelassen haben, zu zahlenden Steuer gutgeheißen. In Folge des Gesetzes vom 12. Juni 1886 mußten alle Ackerbauern von staatlichen Grundstücken, außer den üblichen Steuern, noch eine bestimmte Taxe zahlen, die sogenannte Rückkäufstaxe, durch deren jährliche Leistung die Ackerbauer nach einer gewissen Zeit die Besitzer der Grundstücke, auf denen sie sich niedergelassen, wurden. Das obengenannte Gesetz hatte auch auf die jüdischen Ackerbauer der Ackerbaukolonien von Ehersson und Jelaterinoslaw seine Anwendung gefunden, sodaß dieselben gleichfalls Besitzer der Grundstücke werden konnten, die sie seit 50 Jahren bebauen. Der Staatsrath hat, indem er die Vorschläge des Finanzministers annimmt, beschlossen, daß die Juden von dieser Rückkaufszahlung „befreit" werden und nur die Pacht zu zahlen haben. Auf diese Weise werden die jüdischen Ackerbauer auch ferner nur Pächter der staatlichen Grundstücke bleiben, ohne jemals Besitzer derselben werden zu können. Türkei. tz. Jerusalem, 15. Juli. Das Altersversorgungshaus „Moschab Sekenim“ dahier hat einen bedeutenden Fortschritt zu verzeichnen. Im letzten Jahre hat es nicht nur alte Männer, sondern auch Greisinnen, hilflose alte Wittwen ausgenommen. Diese höchst wohlthätige Anstalt wurde vor 14 Jahren ins Leben gerufen. Jerusalem ist meistens nur eine Zufluchtsstätte alter, lebensmüder Greise, die einem religiösen Antriebe gehorchend, ihre irdische Pilgerfahrt in der heiligen Stadt vollenden wollen. An Erwerbsquellen fehlt es hier so gar Manchem, der noch genug Energie besitzt, für sein Brod zu arbeiten; es ist daher einleuchtend, daß die alten Leute, die hierher kommen, keinen anderen Zweck im Auge haben, als hier in Gottesfurcht zu leben und sich mit dem Studium der Gotteslehre zu beschäftigen. Nicht Alle, die Jerusalem aufsuchen, find vermögend, die meisten fristen ihr Dasein unter tausend Entbehrungen, oft ohne Obdach, mit kärglicher Speisung u. s. w. Viele ruhen des Nachts im Beth Hamidrasch auf denselben harten Bänken, auf denen sie am Tage beim „Lernen" sitzen. Die israelitische Bevölkerung der heiligen Stadt kann leider zur Linderung des Elends nichts oder sehr wenig beitragen. Da ist denn der Verein Noschab Sekenim eine große WoHltHat. Er hat es erreicht, die alten Leute in einem eigenen Hause unterzubringen, wo er auch eine eigene Synagoge gründete. Für Frauen war bisher noch nicht gesorgt. Ein trauriger Vorfall zwang den Verein, trotz Mangels an Mitteln für unsere hilflosen Schwestern doch etwas zu thun. Um die Zeit, als der Wohnungstermin zu Ende ging, wurden mehrere alte Wittwen, die mit der Miethe im Rückstände waren, von ihren Hausherren schonungslos hinausgestoßen und lagen obdachlos auf der Straße. Deshalb miethete der Verein gegenüber dem „Alterversorgungsheim" Räumlichkeiten, um die Obdachlosen zu beherbergen. Dieser Vorfall blieb kein Geheimniß in der Stadt, und bald kamen noch mehrere alte Wittwen, die händeringend um Aufnahme baten. In den letzten Jahren beherbergte der Verein 60 Männer und 12 Frauen. Die Anstalt besitzt aber gar keinen Fonds, sondern ist nur auf die freiwilligen Spenden von Wohlthätern und die Beiträge einer verhältnißmäßig geringen Anzahl von Mitgliedern angewiesen. Die Ausgaben betragen durchschnittlich Fr. 2000. — pro Monat. Ein Glaubensgenosse hat dem Verein ein Grundstück zum Zwecke der Errichtung eines neuen Heims geschenkt. Dasselbe hat eine gesunde und freie Lage außerhalb der Stadt an der Chaussee, die nach Jaffa führt. Auf diesem Grundstück soll sich mit Gottes Hilfe das neue Heim erheben. 5 Stuben des Parterres sind bereits aufgeführt. Die beschränkten Mittel jedoch versagten dem Verein, den Bau fortzusetzen. Die Ausgaben überstiegen im verflossenen Semester die Einnahmen um Fr. 885.70. Wir wenden uns daher an unsere mildthätigen Glaubensgenossen und hoffen, daß sie in Berücksichtigung der Größe der Aufgabe auch zur ferner« Erhaltung dieser humanen und besonders in Jerusalem so nothwendigen Anstalt nach Kräften beitragen werden. Amerika. 0. H... k. New-Uork, 16. Juli. In der Gebethalle des jüdisch-theologischen Seminars wurde am 1. Juli eine Gedächtnißfeier zu Ehren des verstorbenen Dr. A. Ko Hut abgehalten. Die von seinen früheren Kollegen, den Mitgliedern der Fakultät gehaltenen Trauerreden hoben die großen Verdienste hervor, welche der Verstorbene um die jüdische Wissenschaft sich erworben, und die Dienste, die er dem jungen Institut durch seine kräftige Mitwirkung geleistet. Sein Nachfolger auf der Kanzel wird wohl kaum den Kreisen entnommen werden, welche sich die Pflege der jüdischen und orientalischen Wissenschaft zur Lebensaufgabe gemacht. Es ist das Verlangen in den Gemeinden der Jetztzeit, das Amt des Rabbiners