Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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mit Kräften zu besetzen, welche nicht nur der Landessprache vollständig mächtig sind, sondern ihre Aufmerksamkeit mehr den Fragen der Jetztzeit zuwenden und sich mit dem Denken und Trachten der emporwachsenden I Generation identifiziren. — Eine Anzahl von Rabbinatskandidaten \ erhielten bei der Schlußfeier des Seminars in Cincinnati ihre i Diplome und Rev. R. Großmann vom Tempel Beth-El, welcher eine i Jnaugural-Dissertation ausarbeitete über das Thema: „Die Opfer der Juden historisch, und vergleichend behandelt" erhielt, das Prädikat eines Doktors der Theologie, welches er auch wohl verdiente, da er einer der strebsamsten jungen Forscher ist. — Es hat hier übrigens in den letzten j 25 Jahren ein ganz bedeutender Umschwung in der Besetzung der ' Rab binerstellen stattgefunden. Anstatt Gelehrte, die sich einen Ruf! als gediegene Theologen in Europa erworben, hierher zu berufen, sind j die amerikanisch-jüdischen Kanzeln mit jungen Männern besetzt worden, deren Wissen mehr in der modernen Bildung gipfelt. So sind in den? Gemeinden, an denen ein Einhorn, ein Hirsch und andere Koryphäen der jüdischen Wissenschaft wirkten, Zöglinge aus dem Rabbiner-Seminar in Cincinnati angestellt. Jastrow, Szold, Hochheimer wurden in den Ruhestand versetzt und englisch redende Prediger sind an ihre Stelle getreten. Buenos-Ayres, 27. Mai. In den vier hier bestehenden! jüdischen Bauerndörfern leben gegenwärtig 2500 jüdische Kolonisten, die allerdings noch nicht selbständig ihren Lebensunterhalt durch ihrer l Hände Arbeit erwerben und einstweilen noch von der Unterstützung des l Barons Hirsch abhängig sind. Obwohl die Ernte eine sehr gute im | verflossenen Jahre war — Früh- und Spätregen waren zur rechten Zeit | gekommen, Sturm und Heuschrecken beschädigten die blühenden Saaten | auch nicht im Geringsten — war es den Kolonisten immer noch un- I möglich, die Kosten ihres Lebensunterhaltes zu bestreiten. Der Weizen- § preis ist bedeutend gefallen, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, dürfte | es den Kolonisten in diesem Jahre nicht besser gehen, da die Erntef Aussichten in Europa und Nordamerika bisher die denkbar günstigsten sind und den Kolonisten die Hoffnung auf gute Veräußerung geraubt wird. Im Gegentheil, die jüdischen Bauern befürchten, daß in diesem Jahre der Weizen noch weit mehr fallen wird, ein Umstand, der auf die Entwickelung der in den ersten Jahren ohnehin äußerst schwer belasteten? Kolonien nicht ohne schädlichen Einfluß auszuüben vorübergehen kann, p — Ihr Korrespondent hatte Gelegenheit, die Berichte seines Kollegen f aus Marokko zu lesen, in welchen die haarsträubendsten Verbrechen, Raub und Mord geschildert wurden, die dort den Juden ungeahndet I widerfahren konnten Zedoch diese Gräuelthaten gehören nicht nur in E die Tagesgeschichte von Marokko, sondern — horribile dictu est — | leider auch in die Chronik von Argentinien. Es ist fast unglaublich, | leider aber traurige nackte Wahrheit. Man kann es sich lebhaft vorstellen, wie unsicher das Leben hier auf den vereinzelt liegenden Kolonien | ist, wenn man in Erwägung zieht, daß in Buenos-Ayres. der Capitale, jf ein Mord an zwei wehrlosen jüdischen Frauen ungeahndet geblieben! f So fand man hier auch unlängst die Leiche eines jüdischen Kolonisten ji schauderhaft zugerichtet. Der bis jetzt von der Behörde noch nicht er- | griffene Mörder — die Behörde macht freilich auch nicht die geringsten 1 Anstalten, nach dem Mörder zu fahnden — hatte sein Opfer furchtbar verstümmelt. Der Rumpf war in vier Theile zerstückelt, die Hände lagen abgetrennt von der Leiche in einiger Entfernung, und den Kopf des Ermordeten, welcher ebenfalls vom Rumpfe durch den Mörder getrennt worden war, hat man bis heute noch nicht auffinden können. So scheinen die armen russischen Emigranten vom Regen in die Traufe gekommen zu sein. Wir wollen dem edlen Wohlthäter, der es den Armen ermöglicht, dort von ihrer Hände Arbeit und in späterer Zeit vom eigenen Grund und Boden zu existiren, nicht zu nahe treten, wir könnten auch den Ruhm eines solchen Mannes, der sich das schönste Denkmal im Herzen seines Volkes gesetzt, zu schmälern kaum im Stande sein, aber wir sind wohl berechtigt, nicht nur im Interesse der Kolonisten, sondern auch im Interesse aller Derer, die es werden wollen, und aller Derer,! die Interesse haben am Gedeihen der jüdischen Bauerndörfer, sichere Zul stände in den Kolonien zu verlangen. Hier wäre vielleicht ein Operationsl feld für die Alliance Israelite, die doch den armen unglücklichen Juden f in allen Lebenslagen bisher hilfreich zur Seite gestanden hat. Auch das Erziehungswesen hierorts läßt viel zu wünschen übrig. Die Schuljj bildung, die hier dem russischen Knaben zu Theil wird, ist eine höchst; mangelhafte, und selbst diese wird auch nicht allen zu Theil, da ein Schul-! zwang nicht existirt. Von Nah und Fern. — Herr Ahlwardt hat. den Chefredakteur der „Dresdener Nachrichten" Dr. Max Loh an wegen verleumderischer Beleidigung verklagt. Bisher sind über 30 Personen zu der Angelegenheit, die mit dem sogenannten „Ahlwardt-Fund" in Verbindung stehen sollen, kommissarisch vernommen worden. — Der Regierungspräsident in Hannover hat den in Göttin gen seit einigen Jahren amtirenden Dr. Jacob zum Ortsrabbiner der Synagogengemeinde Göttingen bestätigt. Es ist dies der erste Fall, daß neben den drei Landrabbinern ein Ortsrabbiner regierungsseitig anerkannt wird. — Nach Hüls (Regierungsbezirk Düsseldorf) kam neulich ein antisemitischer Wanderredner, allein er fand, wie die „Crefelder Zeitung" indiskret mittheilt, ein Auditorium von sieben jungen Leuten, die nur aus Neugierde erschienen waren. Der Wanderredner hielt es für das Rathsamste, dem „verjudeten" Städtchen sofort den Rücken zu kehren. — Wie bekannt, hatten eine Anzahl christlicher Träger des Namens Goetze gegen die Abänderung des Namens Sch mul in Goetze an den Kaiser eine Jmmediatvorstellung gerichtet. Diese Eingabe ist auf Befehl des Kaisers dem Ministerium des Innern zur Prüfung und Bescheidung überwiesen. Der Minister des Innern hat unter dem 30. Juni dem Dr. Rudolf Goetze in Würzburg eröffnet, daß es nach erfolgter Prüfung bei dem ablehnenden Bescheide vom 12. März d. I. sein Bewenden haben muß. — Dem Oberpfarrer Dr. Grau in C b e m nitz, der früher ein „Friedenswort" herausgegeben, jetzt aber in einem „Nachwort" alle antisemitischen Behauptungen sich angeeignet hat, ist von Seiten des Herrn Dr. Mühlfelder in einem „Offenen Brief" (C. Strauß, Chemnitz, 2. Aufl.) eine gründliche Abfertigung zu Theil geworden. — Der Kaiser von Oesterreich hat den Privatdozenten Dr. Sigmund Adler zum außerordentlichen Professor der österreichischen Reichsgeschichte an der Universität in Wien ernannt. — Oberrabbiner Dr. Jacob Tauber in Pueran wurde vom mährischen Landesmassafonde zum Inspektor des israelitischen Religionsunterrichtes ernannt. — Der diesjährige Jahresbericht des k. k. Staats-Obergymnasiums in Brüx enthält eine Abhandlung: „Wie soll der israelitische Religionsunterricht an Gymnasien ertheilt werden," von Dr. Adolf Biach, Rabbiner und Religionslehrer der Kultusgemeinde. — Am 9. Juli verschied in Tabor der emer. Rabbiner Simon Wolf Freund im 88. Lebensjahre. — In Dombovar wurde Dr. Jakob Klein zum Rabbiner gewählt. — Nach dem letzthin erschienenen Berichte der „Alliance Israelite Universelle" in Paris für das Jahr 1893 betrug die Zahl der Mitglieder am Schluffe des Jahres 31,426, während die Ausgaben und Einnahmen mit 731,430 Francs 25 Centimes bilanzirten. Einen breiten Raum nimmt in diesem Berichte wieder das Kapitel über die Juden Rußlands ein, deren Lage sich von Jahr zu Jahr noch verschlimmert. — Die Generalversammlung der Mitglieder der „Anglo Jewish Association" in London, welche am 30. Juni unter Vorsitz des Präsidenten Sir Julian Goldsmid behufs Entgegennahme des Jahresberichtes stattfand, nahm einen auch weitere Kreise interessirenden Verlauf. Von großem Vortheil für die förderliche Thätigkeit der Gesellschaft sind die Zweigvereine, deren es im Ganzen 36 giebt, 24 im Vereinigten Königreich Großbritannien, 11 in den Kolonien und 1 in Indien. Für den zweiten Theil des Wirkungskreises der Gesellschaft, die Unterstützung von Unterrichtsanstalten im Orient, seien ca. 35,000 Mark verausgabt worden, aber fast der doppelte Betrag wäre nöthig. — Eine Encyklopädie der gesummten jüdischen Wissenschaft in hebräischer Sprache ist das Neueste, was unsere russischen Stammesgenossen demnächst herauszugeben beabsichtigen. Der bekannte Herr Ch. S. Wisotzky, hat auf Anregung des hebräischen Schriftstellers,Herrn O. Günzberg, bekannt unter dem Pseudonym „Acbad-baam" (einer aus dem Volke), zu diesem Zwecke 20,000 Rubel gespendet. Mit der provisorischen Leitung der Angelegenheit ist der obengenannte Herr O. Günzberg betraut worden. — Der Erlanger Geologe.Dr. Blankenhorn wurde vom deutschen Palästina-Verein nach dem heiligen Lande gesandt, um ein Netz meteorologischer Versuchsstationen in Palästina zu organisiren. — Von 500 jungen Leuten, die in dieser Woche ihr Rechtsanwaltexamen in New- Uork abgelegt haben, hat ein deutscher Jude, Sally Struck, den ersten Preis von 150 Dollars für die beste schriftliche Arbeit erhalten. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.!