Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 da wir jetzt im Besitz eines schönen neuen Hauses sind, das allen Anforderungen entspricht. M. Hamburg, 12. Juli. Als im Jahre 1885 der mit der Entwicklung der Talmud-Thora-Realschule unauflöslich verknüpfte verdienstvolle Vorsteher der Schule, Herr Hermann Mathias, starb, faßten mehrere frühere Schüler derselben und Freunde des Verewigten den Entschluß, das Andenken des Verstorbenen, dem es durch seine nie rastende Arbeitskraft gelungen war, die Schule von kleinen Anfängen zu ihrer jetzigen Größe emporzubringen, durch Gründung eines Vereins zu ehren. Es entstand die „Heymann Mathias-Stiftung", welche den Schülern unbemittelter Eltern den Besuch der Talmud-Thora-Schule durch Gewährung von Beihilfe zum Schulgeld oder durch Freistellen ermöglicht. Dem für das vom 1. April 1693 bis 1. April 1894 gehende neunte Geschäftsjahr erstatteten Jahresbericht entnehmen wir das Folgende. An Mitgliedsbeiträgen wurden vereinnahmt 1214.95 M., unter den Ausgaben, figurirlen an, erster Stelle: „Beihilfe zum Schulgeld" 760 M., Freistellen 760 M, Botenlohn 150 M. rc. Das Vermögen der Stiftung beträgt am 1. April 1894 17,009.63 M., wovon 2452.24 M. zum Roulancefonds und 14,557.39 M. zum Reservefonds gehören. Der Vorstand hofft, daß sich das Vermögen des Reservefonds im laufenden Jahre auf 15,000 M erhöhe, um auch den im Statut vorgesehenen dritten Zweck der Stiftung, „Gewährung von Stipendien an Studirende", verwirklichen zu können. Von eingegangenen Gesuchen wurden bewilligt 24 Freistellen und in 8 Fällen wurde eine Beihilfe zum Schulgeld gewährt, gegen 20 und 9 Fälle im Schuljahr 1692/93. Im Ganzen wurden durch die Stiftung seit ihrem Bestehen 159 Freistellen und jn 97 Fällen eine Beihilfe zum Schulgeld gewährt. Wie uns von kompetentester Stelle mitgetheilt wird, haben sämmtliche durch Vermittelung der „Heymann Mathias-Stiftung" aufgenommenen Schüler ihren Platz in der oberen Hälfte der Klasse und weisen auch die Zeugnisse derselben in Betragen, Fleiß und Ordnung, mit einer einzigen Ausnahme, nur die ersten Censuren auf, so daß also die bei der Gründung der Stiftung ausgesprochenen Bedenken, daß dadurch ungeeignete Elemente in die Schule gelangen werden, widerlegt worden sind — Wir können diesen Bericht nicht schließen, ohne den dringenden Wunsch ausgesprochen zu haben, daß die Freunde und Verehrer des Verstorbenen, und welcher Schüler der Talmud-Thora wäre nicht ein Verehrer des unvergeßlichen Heymann Mathias, sich sowohl bei freudigen Gelegenheiten als auch sonst der „Heymann Mathias-Stiftung" durch einmalige Zuwendung von größeren Summen oder durch Erwerbung der Mitgliedschaft (Minimalbeitrag 4 M. per anno) erinnern mögen. Der Präses der Stiftung ist Herr M. Fränkel, Hopfenmarkt. Münster i. W, 22. Juli. Das hiesige unter staatlicher Aufsicht stehende altbekannte israelitischeLehrer-Seminar (Marks- Haindorfsche Stiftung) bietet jungen Leuten, die sich zum Lehrberufe vorbilden wollen, eine gediegene Schulung. Die letztjährigen Abiturienten bestanden wieder sämmtlich die staatliche Prüfung und fanden auch sofort Anstellung. — Bemerkenswerth ist, daß die Stiftung Unterricht und Wohnung vollständig kostenfrei und Unbemittelten auch sogar ganz oder theilweise Beköstigung gewährt. g. Düsseldorf, 23 Juli. Der Fruchthändler und Menagefabrikant Josef Baum von hier hatte gegen das in Hannover erscheinende Antisemitenblatt „Hannöversche Post" eine Privatklage wegen Verleumdung erhoben. In einem Artikel antisemitischer Tendenz vom 23. September v. I. hatte ein anonymer Verfasser sich in höchst absprechender Weise über die seitens der genannten Firma geleistete Verpflegung der manöverirenden Truppen geäußert In der am 5. d. M. vor dem Schöffengericht zu Hannover stattgefundenen Verhandlung wurde der Redakteur des genannten Blattes wegen Vergehens gegen § 186 des St.-G.-B. zu 150 Mark Geldstrafe event. 10 Tagen Gefängniß verurtheilt, zugleich mit der Befugniß, das Urtheil in der „Hannöv. Post" zu veröffentlichen. In den Entscheidungsgründen geht das Gericht von der Annahme aus, daß der Angeklagte einen Artikel ausgenommen habe, worin dem Kläger der Vorwurf einer strafbaren Handlung gemacht und ein tadelndes Urtheil über die gewerbliche Leistung desselben abgegeben wird in einer Weise, die verletzen mußte; aus der Form der Aeußerung gehe unverkennbar die Absicht hervor, den Josef Baum als Juden zu kennzeichnen und daß eine öffentliche Beleidigung vorliege. — So lange Juden und Judenthum im Allgemeinen ungestraft beleidigt und verleumdet werden dürfen, ist der einzige Weg, der nur nicht regelmäßig eingeschlagen wird, die Privatklage zu erheben. Die Zahlung von Geldstrafen trifft die Herren empfindlich, wovon auch der „Reichsherold" des Herrn Böckel ein Lied zu singen weiß. z. Straßburgi.E., 20. Juli. DerBibliothekar Landauer von der Universttäts- und Landesbibliothek ist wegen seiner außerordentlichen wissenschaftlichen Verdienste um die arabisch-jüdische Litteratur auf Vorschlag des Professors Dr. Noeldeke zum Honorar-Professor an der hiesigen Universität ernannt worden. Herr Dr. Landauer war früher Privatdozent und Lehrer an dem von den vereinigten Konsistorien eingerichteten Rabbiner-Seminar in Straßburg. Orkerreich - Ungarn. EU Wien, 23. Juli. In ihrer Villa in Döbling ist in der vergangenen Woche Josefine v Wertheimslein nach längerem Siechthum verschieden. Der Schmerz um ihren Tod trifft nicht nur ihre tief erschütterte Familie. Mit ihr verschwindet eine der vornehmsten Erscheinungen der Wiener Gesellschaft. Josefine von Wertheimstein war am 23. November 1820 geboren und stand somit im 74. Lebensjahre. Durch diesen langen Zeitraum hat das Ewigjunge ihres Geistes und der Reiz ihrer hohen seelischen Eigenschaften auf Generationen von feingebildeten Männern und Frauen eine nie versagende Anziehungskraft ausgeübt. Was Oesterreich in den letzten fünfzig Jahren an Erscheinungen von Bedeutung hervorbrachte, verkehrte in ihrem Hause, in das der menschenscheue Grillparzer nur kam — wenn er dort mit den Familiengliedern allein zu sein hoffen konnte. Eduard v. Bauernfeld, dem Frau v. Wertheimstein und ihr Kreis unzählige Anregungen boten, lebte und — starb dort. Ferdinand v. Saar und Adolf Wilbrandt stehen tief ergriffen an der Bahre der mütterlichen Freundin. Mitglieder des Hochadels, welche in engeren Beziehungen zum geistigen Leben standen, wie die der Verstorbenen im Tode vorangegangene Altgräfin Elise von Salm, Marie von Bülow, die Gattin des deutschen Botschafters am Quirinal, und viele Andere zählten die Stunden, welche sie im Hause Josefinens v. Wertheimstein verbrachten, zu den anregendsten und besten. Die Vertreter der hohen Politik, Anton v. Schmerling, die beiden von Plener, Anastasius Grün, waren nicht Gäste, sondern herzliche Freunde der Familie. Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer imposanten Trauerfeier. Zu Beginn ertönten unter der Leitung des Oberkantors Singer aus dem Trauergemache die ergreifenden rituellen Gesänge und nach Exekutirung derselben wurde der Sarg gehoben, in den Leichenwagen gebahrt und nach dem Döblinger Ortsfriedhof geführt, wohin die meisten Trauergäste folgten. Oberrabbiner Dr. Schmied! hielt hier die Grabrede. Am offenen Grabe widmeten Ferdinand von Saar und Dr. Körper dem Andenken der Verblichenen Worte der Anerkennung. — Gestern wurde dem Hofrath Nothnagel seitens des Rektors Tschermak die Entscheidung des akademischen Senats übermittelt, wonach der letztere anerkennt, daß die Beschwerden der „arischen" Studenten gegen das amtliche Verhalten Nothnagel's unbegründet seien. Dank der Weisheit des akademischen Senats ist also Hofrath Nothnagel glücklich „freigesprochen" ... Hofrath Nothnagel, dem einige Kollegen persönlich das tiefste Bedauern über den ganzen Vorgang ausdrückten, nahm die Zuschrift des Rektors — das „Einstellungsdekret", wie sie von einem Professor bezeichnet wurde — kühl bis an das Herz hinan auf. Er erklärte diesen Kollegen, er habe sich über die Affaire im Bewußtsein des Rechtes und der Wahrheit so erhaben gefühlt, daß er der Entscheidung des akademischen Senats völlig indifferent.entgegensah und in Bezug auf dm Ausgang der Prozedur nicht die geringste Neugierde hegte. Falls der Senat anders beschlossen hätte, so wäre er seiner Wege gegangen bis zu jenen Stellen, wo man das Recht zu suchen habe. Für ihn sei der Gegenstand nunmehr erledigt, ihm gehören die Erfahrungen, die freilich keinesfalls als angenehme bezeichnet werden können. — Der Finanzkommissar Markus David wurde zum Finanz- Oberkommissar und der Mittelschullehrer Alois Kornitzer zum Professor am Gymnasium in der Leopoldstadt ernannt. — Der Zweigverein des „Germanenbundes" (antisemitisch) in Kagran ist behördlich aufgelöst worden. 32 Lemberg, 19. Juli. Kürzlich wurde in Gliniany eine ruthenische Kirche durch den Metropolitan-Erzbischof Sembratowiez eingeweiht. Die durch den Kultusgemeinde-Vorstand und den