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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-27 · Heft 30 (27.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 30 (27.7.1894)
Date
1894-07-27
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 30. JJtlftUif (jOt^ Gertm. 27. Äuü 1894 Wertage zur „Allgemeinen Zeitung öes DuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 24. Juli. Wie unsere Leser aus den betr. Aufrufen bereits erfahren, hat sich auch hier ein Komitee, bestehend aus angesehenen Mitbürgern, gebildet, das sich mit einem Appell an die allgemeine Wohlthätigkeit für die vielen durch das schreckliche Erdbeben vom 11. und 12. d. M. in Konstantinopel brodlos und unglücklich Gewordenen gewendet hat. Wie wir aus uns direkt von dort zugehenden Briefen ersehen, ist auch das Elend unter der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Konstantinopels in Folge jener Katastrophe ein entsetzliches! Aber es hätte sicher nicht erst dieser besonderen Mittheilung bedurft, um die jüdische Wohlthätigkeit für jene Unglücklichen zu interessiren. 4k Berlin, 24. Juli. Zum Besten des Vereins für Kinder- Volksküchen, fand gestern im Saale des Kaiserhofs die angekündigte Vorstellung im Blindspiel des berühmten Schachmeisters E. Laster statt. Vor Beginn des Spiels nahm der Berliner Schachmeister Th. v. Scheve das Wort, um, nach einer kurzen schachhistorischen Uebersicht der letzten Jahrzehnte, auf das neueste wichtigste Schachereigniß hinzuweisen, auf die Niederlage des bisher unbesiegbaren Steinitz durch unfern Landsmann, den 25jährigen E. Lasker. Im Namen der Berliner Schachfreunde gratulire er ihm herzlich zu seinem glänzenden Erfolge und heiße ihn hier freundlichst willkommen. Hierauf spielte Lasker gleichzeitig vier Partien ohne Ansicht des Brettes. Hervorzuheben ist an dieser Leistung nicht sowohl die Anzahl der Partien (mehrere Meister wie Zuckertort, Paulsen, Blackburne rc. haben wiederholt zwölf bis fünfzehn Partien gleichzeitig geführt), als vielmehr der Umstand, daß Lasters Gegner thatsächlich recht starke Spieler waren, sowie daß Lasker auf dem Gebiete des Blindspiels sich nur sehr selten versucht hat. Der Meister erledigte seine schwierige Aufgabe mit merkwürdiger Sicherheit, ohne auch nur einen Gedächtnißfehler zu begehen. Nach kaum zweieinhalbstündigew Kampfe hatte er in zwei Partien glänzend gesiegt und die beiden anderen zum Remis geführt. Nach Schluß des Spiels nahm der Vorsitzende des Vereins für Kindervolksküchen, Herr Herrmann Abraham, Gelegenheit, in herzlichen Worten den anwesenden Schachliebhabern seinen Dank dafür auszusprechen, daß sie durch ihr zahlreiches Erscheinen nicht nur ihr großes Interesse an dem Spiele bekundet, sondern auch zur Förderung der edlen, menschenfreundlichen Zwecke seines Vereins beigetragen hätten. Herr Lasker ist der Sohn des jüdischen Predigers in Königsberg in der Neumark. Berlin, 22. Juli. Nach längerem Leiden ist vorgestern Fräulein Jenny Meyer im Alter von 60 Jahren gestorben. Sie war Berlinerin; in der Hauptstadt geboren, hat sie hier ihre künstlerische Ausbildung genossen und dm größten Theil ihres arbeitsreichen Lebens hier verbracht. Als sie, ein blutjunges Mädchen, zuerst in die Oeffentlichkeit trat, schien es, als würde ihre Altstimme, die von wunderbarem Wohllaut gewesen sein soll, ihr eine glänzende Laufbahn als Opernsängerin eröffnen. Allein es stellte sich bald heraus, daß das Organ in der Höhe nicht ausreichte, und so entschloß sich Fräulein Meyer, ihre Thätigkeit auf den Konzertsaal zu beschränken. Leider sollte sie auch hier nur kurze Zeit Erfolge erringen. In Folge einer starken Erkältung büßte sie schon im Jahre 1865 die Stimme ein; aber deshalb ging sie der Kunst nicht verloren. Sie wurde Gesanglehrerin und erwarb sich als solche großen Ruhm. Fast gleichzeitig mit Hans v. Bülow trat sie in den Lehrkörper des von ihrem Schwager Julius Stern und Dr. B. Marx geleiteten Sternschen Konservatoriums ein, wo sie während dreier Jahrzehnte eine ungemein fruchtreiche pädagogische Thätigkeit entfaltete. Zahlreiche Sängerinnen und auch Sänger, die sich zum Theil einen bedeutenden Namen gemacht haben, verdanken ihr ihre Ausbildung. Nach dem Tode Julius Sterns im Jahre 1883 übernahm Jenny Meyer die Leitung des Konservatoriums, das später in ihren Besitz überging. Vermöge einer ungewöhnlichen Energie gelang es ihr, das Institut, an dem zur Zeit einige dreißig Lehrer mehrere hundert Schüler unterrichten, auf der Höhe zu erhalten. Jahre hindurch veranstaltete sie mit ihren Schülern öffentliche Konzerte, deren Ertrag stets wohlthätigen Zwecken gewidmet wurde. Sie ist lange krank gewesen, ohne ihre Wirksamkeit einzuschränken. Erst Ende des vergangenen Winters traten die Krankheitserscheinungen in verstärktem Maße auf und leisteten der ärztlichen Kunst unüberwindlichen Widerstand. Große Willenskraft und pädagogisches Talent befähigten sie, ihre schwierige und verantwortungsvolle Stellung mit glücklichem Erfolge aufrecht zu erhalten. Ihre stete Hilfsbereitschaft sichert ihr ein ehrendes Andenken auch über die musikalischen Kreise hinaus. Der Prediger der Reformgemeinde, Herr Dr. M. Levin, hielt die Grabrede. Berlin, 22. Juli. Eines der angesehensten Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr M. Halle, der verdienstvolle Begründer der Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler für Unterstützung in Krankheitsfällen", feierte jüngst das seltene Fest der goldenen Hochzeit, aus welchem Anlasse ihm von Sr. Majestät dem Kaiser die Ehejubiläums- Medaille verliehen und von dem großen Kreis seiner Freunde und Verehrer mannigfache Ovationen dargebracht wurden. Lp. Aus der Provinz Posen, 20. Juli. Unter dem Titel: „Der polnische Antisemit" soll angeblich vom 1. Oktober er. ab in Posen ein neues, täglich erscheinendes polnisches Organ antisemitischer Richtung zum Preise von 1,50 Mark pro Quartal herausgegeben werden. Einem zur Versendung gelangten Prospekt nach zu schließen, dürfte das Blättchen, falls es in der That zur Verwirklichung gelangt, eine angenehme Mischung von Klerikalismus, polnischem Chauvinismus und Antisemitismus aufweisen. — In Folge der antisemitischen Bewegung bei der letzten Reichstagswahl beschlossen die jüdischen Bürger in Krojanke, ihre Kinder, die bis dahin am Sonnabend wenigstens einige Stunden bis 10 Uhr Vormittags am Schulunterrichte theilnahmen, von diesem fernzuhalten. Demgemäß Unterzeichneten 54 jüdische Gemeindemitglieder ein Gesuch um Dispens ihrer Kinder vom Sonnabend - Unterricht, welches von den betheiligten Behörden auf Grund einer neueren ministeriellen Verfügung jetzt genehmigt worden ist mit dem Hinweise darauf, daß die betreffenden Kinder Anspruch auf besondere Berücksichtigung bei den Versetzungen nicht haben, wenn durch den verminderten Schulbesuch das Maß ihrer Kenntnisse zurückbleibt. — In dieser Woche ist Herr Kantor und Lehrer Sacher aus Berlin vom Vorstande der Synagogengemeinde zu Krotoschin zum ersten Kantor an der Synagoge daselbst gewählt worden. Herr Sacher genoß seine Ausbildung in dem unter Leitung des Herrn Rektors Dr. Holzmann in Berlin stehenden Lehrerseminar. 8. Rosenberg O.-S., im Juli. Die hiesige Synagogen- Gemeinde, obwohl zu den älteren von Schlesien gehörend, hat hisher kein eigenes Schul- und Gemeindehaus besessen, sodaß das Schullokal, auch der Schlachthof für Geflügel, stets in einem Miethshause untergebracht waren. Bei diesem Verhältniß sind besonders in letzter Zeit vielfache Unzuträglichkeiten entstanden. Die Beschaffung eines Hauses für obige Zwecke nebst einer Wohnung für den Beamten sind unabweisbar geworden; doch war die Ausführung dieses Planes nicht leicht, da der Gemeinde neue Lasten nicht aufgebürdet werden konnten, weil dieselbe noch Schulden vom Bau der Synagoge abzutragen hat. Doch der Spruch „Ist die Noth am größten, so ist auch die Hilfe am nächsten" hat sich auch bei uns bewährt. Es hat nämlich ein hochherziger Mann, Herr Louis Burgfeld aus Breslau, ein Sohn unserer Stadt, von der fatalen Lage der Gemeinde Kenntniß bekommen und uns aus derselben durch ein Darlehn von 10,000 Mark gerissen, welches bis an sein Lebensende verzinst wird und dann an die Gemeinde fällt. Dieser großherzige Akt sichert dem gütigen Geber unfern innigen Dank,

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