Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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360 - war an diesem Tage sehr traurig. Nun steht mein Vorsatz fest: Ich will gegen keinen Menschen mehr schreiben! Bei jedem Versuch,: die Feder in Gift statt in Tinte zu tauchen, wird die blasse Gestalt des todten Hussyatiner Rabbi vor meinem geistigen Auge auftauchen,. und davor kann weder eine deutsche, noch eine jüdische Brille mich schützen. Mag die heilsbedürftige Menschheit dem Irrwahn und dem frommen Betrug immer schönere Paläste zu Füßen legen, ich will gegen keinen Chassidim-Rebbe mehr schreiben. Was sollte aus der Welt werden, wenn die wenigen Menschen, die heute noch sichtbare Wunder thun können, aus ihr schwinden? Vom „Sprudel" allein kann man nicht lebe» — und die Badeärzte würden am Ende übermüthig werden, wenn die „guten Jüden" ausstürben und sie allein das Monopol der Heilung durch Wunderkuren besäßen. Spvechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^^^err Rabbiner Dr. I. Koback, der nachweist, daß der Ausdruck (53 „rea" ganz uneingeschränkt alle Menschen ohne Ausnahme umfaßt, scheint nicht zu wissen, daß dieser Nachweis von Sam. Dav. Luzzato in seiner Israelitischen Moral-Theologie, übersetzt von Dr. L. E. Igel, bereits geführt und ausführlich erörtert wird; denn sonst hätte er sicher auf diese anerkannte Autorität hingewiesen Ich lasse daher die diesbezügliche Ausführung Luzzatos, die die weiteste Verbreitung verdient, hier im Wortlaute folgen: § 36. „Der häufig im Pentateuch vorkommende Ausdruck (Nächster, Gefährte) schließt nicht im Geringsten die Nichtisraeliten aus. In der That heißt es in Exodus XI, 2: „Sprich zum Volke und es verlange der Mann von seinem Gefährten (lnin) und die Frau von ihrer Gefährtin rc." — und diese Gefährten waren Aegypter. In der Randbemerkung daselbst heißt es: Daß auch nach den Talmudisten (Nächster) nicht die Nichtisraeliten ausschließt, geht klar aus den folgenden Ausdrücken des Talmud (Baba Kama fol. 38) hervor: 'pi xpp ii6 Hin w 'im r«pi-i Hin rr pDLi rnaö Fraustadt, 18. Juli. Rabbiner Groß. * Ende meines Aufsatzes „Das goldene Kalb" ist durch ein Versehen folgender Schluß weggeblieben: Es sei schließlich noch darauf hingewiesen, daß schon Rothschild- Alzey im „Jüdischen Litteraturblatt" 1881 Nr. 9 (Seite 34) darauf hingewiesen hat, daß die Israeliten vielleicht gar kein Kalb gemacht haben. Auch R. bemerkt, daß eigentlich etwas Rundes, dann die kugelartige, runde Masse des Embryo und dann „Junges", besonders „junges Kalb" bedeute. (Uebrigens rubrizirt auch D. Qimchi in seinem Seler ha-schoraschjm (Berlin 1847) S. 500 f. alle von gebildeten Worte unter die Bedeutung „rund", so auch „Wagen", weil derselbe rund sei, richtiger in Gesenius' Lexik., weil er sich beim Fahren dreht.) Sowohl das zur Zeit Mosis als die zur Zert Jerobeams gefertigten seien Anlehnungen an den ägyptischen Kultus, aber nicht an den Apiskultus, da der Apis als Sinnbild der zeugenden Schöpferkraft der Naturgottheit kein Kalb, sondern ein ausgewachsener Zuchtstier gewesen sei. R. kommt schließlich zu dem Resultate, daß unter biß kugelförmige Darstellung des P halluszu verstehen sei. — Man wird mir beipflichten, wenn ich diese Deutung schon deswegen beanstande, weil die ausschließliche Verwendung des Goldes von R. nicht begründet wurde. JnNr. 12 des „Jüd. Litteraturbl." (S. 48a) begründet R. seine Behauptung von der Existenz des Phallusdienstes in Israel tauch in Juda?) durch den Hinweis auf 1. Kön. 15, 13, wo den „Phallus" bezeichne (Abodah zarah 44a, Vulgata g. St. und zu 2. Chron. 15,16). — Durch die Ausführungen Rothschilds veranlaßt, machte Appel (ib. Nr. 13) auf eine Notiz in der „Karlsruher Zeitung" (vgl. auch „Franks. Ztg." vom 13. Jan. 1881) aufmerksam, worin auf eine Schrift von CH. Beke b6 Idol of Horeb, evidence that the golden Image at Mount Sinai was a Gone and not a Calf, vom Jahre 1871 hingewiesen wurde, in welcher B. den Nachweis zu führen sucht, daß als runde Figur (Kegel) das Symbol des Feuers sei. Ich bedaure, nichts Näheres über Bekes Ausführungen feststellen gekonnt zu haben; ich fand (bei meiner jüngsten Anwesenheit in Berlin) auch auf der dortigen König!. Bibliothek das Buch nicht vor. Da ich jedoch erst nach der Ausarbeitung meines Aufsatzes auf vorstehende Arbeiten aufmerksam wurde, so mußte ich mich damit begnügen, nachträglich auf dieselben hinzuweisen, was ich umsomehr für meine Pflicht halte, als auch die wissenschaftliche Fachliteratur sie nicht verzeichnet hat. Breslau. Dr. B. Königsberger. * Hochgeehrter Herr Redakteur! ^errn Dr. S. H. Margulies Aufsatz über David Levi erfreute mich; ich erlaube mir nur der historischen Genauigkeit wegen zu bemerken, daß bereits im Jahre 1846, also vor 48 Jahren Friedrich Mannheimer in seinem Aufsatze: Die Juden Italiens (Isidor Busches Kalender und Jahrbuch für Israeliten) p. 131 den Dr. jur. David Levi als bedeutenden italienischen Dichter anführt und eine Strophe aus dem Gedicht „La biblia“ zitirt. — Dr. Levi, mit dem ich seit zehn Jahren in Briefwechsel stehe, versteht auch die deutsche Sprache ausgezeichnet und hat unter Anderem auch des verewigten Dr. Adolf Jellinek treffliche Ausführung über das Kaddisch-Gebet in meisterhafter Weise ins Italienische übertragen. Zahlreiche Uebertragungen von D Lev Vs poetischen und prosaischen Schriften habe ich in der Wiener „Neuzeit", in I. W. Bak's „Ungarischem Israelit" und in verschiedenen Jahrgängen meines „Jüdischen Centralblatt" veröffentlicht. So ganz unbekannt ist übrigens der ebenso warmfühlende Dichter als der scharfdenkende Analytiker der Philosophie Giordano Brunos und Michelangelos denn doch nicht; denn vor fünf Jahren erschien schon in Florenz selbst ein hübsches Schriftchen des jüngeren Dichters Giulio Bindiee, welches das Leben und Wirken D. Levis schilderte. Der Text dieses Buches ist: Vindice Giulio, La vita e le opere di David Levi. Firenze. Barbara 1889. Dr. M. Grünwald, fürstlich bulgarischer Großrabbiner. * Sofia, 1. Juli. Sehr geehrter Herr Redakteur! C5j\a3 Wochenfest ist zwar schon vorbei, aber als Pendant zu der <33 kürzlich in der „Allgem. Zeitung" von mir erwähnten Ansicht über Purim seitens eines christlichen Theologen mag auch eines - anderen christlichen Gottesgelehrten, der noch dazu geborener Jude war, Ansicht über das jüdische Wochenfest hier Platz finden. Kein Geringerer nämlich als der berühmte Kirchenhistoriker Aug. Neander, der bis zu seinem 17. Lebensjahre, — er ist 1789 geboren und trat 1806 zur Kirche über — David Mendel hieß, äußert sich über das Wochenfest in seinem Buche: „Geschichte der Pflanzung und Leitung der christlichen Kirche durch die Apostel", I. Band, Hamburg 1832 (S. 7) folgendermaßen: „Wenn man aber den jüdischen Ueberlieferungen glauben darf, so hatte dies Fest auch die Beziehung auf das Andenken an die Bekanntmachung des Gesetzes vom Sinai erhalten, daher dies Fest vorzugsweise das Fest der Gesetzesfreude genannt wurde." Zu dem Worte „Gesetzesfreude" steht in der Anmerkung zum Ueberfluß noch der grammatische Schnitzer: (8ic!) fHttlPl JinfttT Also das Wochenfest (Schewuos) und der Tag der Gesetzesfreude (Simchas Thora), bekanntlich der letzte Tag des Laubhüttenfestes, wären ein und dasselbe! Und das sagt ein noch Ende vorigen Jahrhunderts geborener Jude aus Göttingen! Es ist aber nicht anzunehmen, daß er in der Zeit von 15 Jahren — Band I des obengenannten Werkes ist bereits 1831 erschienen — vergessen haben sollte, daß die beiden erwähnten Feiertage nichts mit einander gemein hätten, und ihre Feier zu ganz verschiedenen Zeiten des Jahres stattfände. Ich vermuthe daher, daß Neander in seiner Jugend vom Judenthum und von jüdischen Gebräuchen nicht viel erfahren haben wird. In der That heißt es auch in der „Allgem. Deutschen Biographie" im Leben Neanders (Bd. 23, S. 332), daß er während seiner Studienzeit in Halle, 1807—9, unter Anleitung des Privatdozenten Gesenius das Hebräische gelernt habe. Es muß also mit seinem Studium des Hebräischen in der Zeit, als er noch Jude war, nicht weit hergewesen sein. Greifswald, im Juni. Dr. I. Babad. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.