Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 359 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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t^tht^v - " 'w -^*- ***** o~-"v - »->-'. v ',-**« .. ^-r - 359 - Karlsbader Briefe. ii. Karlsbad im Juli. fo°WP7o(jer stammt der eigeuthümliche Reiz, den Karlsbad auf Jedermann trotz der schweren Kur ausübt? Ich habe j 0 darüber nachgedacht und bin schließlich zu der Ueberzeugung gelangt, daß das Geheimniß dieses Reizes in der eigenthümlichen Wirkung der Kontraste liegt, die hier einander begegnen müssen, weil sie alle demselben Gesetz unterworfen sind. Wenn ich schon am frühen Morgen Friedrich Spielhagen am Brunnen treffe und von ihm mit vornehmer Entschiedenheit den Antisemitismus durchaus verwerfen höre, wenn ich am Frühstückstisch im Posthof oder im Kaiserpark über die köstlichsten Witze von Julius Stettenheim und Julius Bauer lachen darf, wenn ich Mittags geistreiche und tiefsinnige Aufschlüffe über das Wesen der jüdischen Litteratur von Professor David Kaufmann und zum Kaffee neue uns überraschende Mittheilungen über die Anfänge der Kabbalah in Deutschland von meinem grundgelehrten Freunde A. Epstein erfahre, so ist das ein Tagesprogramm, in dem die Wirkung der Kontraste sicher die Hauptrolle spielt. Und genau so wird es mutatis mutandis Jedem hier ergehen. Man kann in Karlsbad Bekannte und Freunde aus jedem Lebeusjahrgang finden. Das reizt und fesselt. Sprach mich doch gestern ein alter Herr, sichtlich erregt, mit dem Aufruf: Gustav! an! Es war ein Mann aus meiner Heimathgemeinde, der mich seit meiner Barmizwah nur einmal gesehen und doch wieder erkannt hatte. Er weckte in mir die seltsamsten Erinnerungen an längstvergesiene Tage und Gestalten, die nun wieder im versengenden Strahl der Karlsbader Julisonne neu auflebten. Bor mir stand die Loschitzer Judengaffe in ihrer ganzen Dürftigkeit und kleinbürgerlichen Behaglichkeit, mit all' ihren komischen und ernsthaften Typen — und ich gedachte des Versprechens, das ich mir einst gegeben, diese Gaffe mit ihrer längst uutergegangenen eigenartigen Kultur einmal zu schildern zu Nutz und Frommen Heranwachsender Geschlechter, die von dem Leben und Treiben der alten Judengaffe. wie es sich in Freud und Leid, in glücklichen und noch viel mehr in trüben Tagen, von Purim bis Tischebeaw, in der Familie wie in der Synagoge und in der Schule in immer wechselnden Formen abspielte, auch nicht eine blaffe Ahnung mehr haben. An dieses Versprechen hat mich Bert Schnorcher's Erscheinung in Karlsbad wieder gemahnt, und ich hoffe, es bald einmal einlösen zu können. Für heute nur noch ein Paar Worte über den trefflichen Heimathsgenossen, den ich hier nach mehr als fünfundzwanzig Jahren wiedersah. Er hieß eigentlich Bernhard Klein; aber um seines schnarrenden Organs willen hatte ihm die spottlustige Gasse das homerische Epitheton „Schnorcher" beigelegt. Unter diesem Namen ging er durch die Welt. Ja, als Kind glaubte ich fest und steif, er heiße wirklich so. Als mich meine Mutter eines Tages zu ihm, der Weinhändler war, mit einem Auftrag schickte, sagte ich zu ihm: „Herr Schnarcher, Sie sollen meiner Mutter eine Flasche Wein schicken!" Darauf verabreichte er mir ein „Kopfstück". Ich war aber wirklich in diesem Falle ganz unschuldig. Das ist meine älteste Erinnerung an diesen Man». Meine letzte und jüngste ist aber auch schon erheblich älter als ein heirathsfähiges Mädchen. Ich war bereits Feuilletonredakteur der „Breslauer Zeitung" und kam einmal in den Sommerferien nach Hause. Dort hatte sich inzwischen Manches verändert. Die moderne Kultur hatte ihren Einzug in die Gasse gehalten, und die erste Schöpfung derselben war ein Kasino, ein jüdischer Leseverein Judeß muß ich doch der Wahrheit die Ehre geben und zugestehen, daß das Lesen in diesem Kasino eigentlich eine unerhebliche Nebensache war. Das Hauptgeschäft war das Spiel. Nur wenige würdige Matadore der Gemeinde nrachten eine Ausnahme. Die meisten spielten und lasen auch gelegentlich. Sie aber lasen und spielten nur, wenn gerade ein Dritter fehlte! Unter den Zeitungen, welche dort gehalten wurde», befand sich auch die „Breslauer Zeitung". Mir zu Ehren. Ob sie gelesen wurde, weiß ich freilich nicht. Aber „Berl Schnorcher" hat sie gelesen — und darum habe ich ihm ein freundliches Andenken bewahrt. Als ich einmal in jenen Ferien in das Kasino kam, entwickelte sich zwischen ihn, und Leser Hirsch — auch einem Kompatrioten von Loschitz — folgendes Gespräch im Anschluß an die „Breslauer Zeitung", die Leser Hirsch eben gelesen hatte: Hirsch: Merkwürdig, da steht in der Zeitung angekündigt, wenn man in Breslau am Schabbes in Schul geht! Schnorcher (indem er seine deutsche Brille aussetzt 0: Nu, wie denn sollen's die Breslauer Baalebatim erfahren? In Schul klopfen kann man dort nicht! Hirsch (höhnisch): Woorum nicht? Schnorcher (mit einem Seitenblick ans mich): Sehr gut, weißt Du, er kann e halben Tag klopfen, bis er bei alle Juden in Breslau gewesen is! Dieses Argument schien Hirsch gründlich überzeugt zu haben. Und diese Erinnerung an bas Breslauer Schulklopfen ist die letzte die mich mit Herrn Bernhard Schnorcher verbindet. Aber meine Leser wollen sicher lieber von den andern Kurgästen, von Spielhagen, Stettenheim u. A. etwas Näheres hören, als von „Berl Schnorcher", bei dem ich nun wohl schon zu lange mich verweilt habe, weil er in der That für mich hier eine der intcreffantesten Erscheinungen bildet. Apropos, Stettenheim brauche ich bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich nicht erst zu versichern, daß das Terrain seiner letzten, in der „Allg. Zeitung des Judenthums" nbgedrmkten rmd vielgelesenen Skizze — Karlsbad ist, wo die leider wahre Geschichte sich im vorigen Sommer buchstäblich so, wie sie erzählt worden, zugetragen hat. Ich kenne die Blonde, ich kenne die Brünette; man kann leider beide Typen hier in zahlreichen Exemplaren stndiren. Denn Karlsbad wird täglich voller und immer größer wird die Zahl Derer, auf deren Anblick jeder ordentliche Jude gern verzichten würde. So wie man Calais die Vilte dos Adieux genannt hat, so könnte man die „Alte Wiese" in Karlsbad die Allee des Wiedersehens nennen, da man hier meist Jene wiederzufinden pflegt, denen man zu Hause sorgfältigst ausgewichen ist. Und ihre Zahl ist so groß, daß selbst die vielen vortrefflichen unb liebenswürdigen Männer, die uns hier begegnen oder die wir hier kennen lernen, darunter verschwinden. Nur Einer fehlt mir in dieser Saison, nur Einer ist nicht wieder zur „Felsenqnelle" gekommen — und gerade diesen Einen vermiffe ich am allermeisten: Es ist der „gute Jüd'" aus Hussyatin, von dem ich meinen Lesern im vorigen Jahre erzählt habe. Gleich am Tage nach meiner Ankunft sagte mir am Brunnen ein edler Jüngling aus den geschätzten Nachbarstaaten im Osten der österreichischen Monarchie wörtlich: „Sehen Sie, der Mann ist todt!" In diesem vorwurfsvollen „Sehen Sie!" lag eine ganze Welt von unausgesprochenen Gedanken. Ich aber hatte sie verstanden und i) Ich muß hier nämlich konstatiren, daß inein verehrter Landsmann die Eigenthümlichkeit besitzt, zwei Brillen zu gebrauchen: eine jüdische und eine deutsche, wie er sagt, je nachdem er Deutsches oder Hebräisches liest.