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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-27 · Heft 30 (27.7.1894) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 30 (27.7.1894)
Date
1894-07-27
Page
Seite 358 (sequence 10)
Language
German
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'wnm-x rtar i&tJ’F'TX’ry »58 Frömmigkeit, seine Begabung und Ruhe rühmen, er würde es dennoch heute nicht wiederholen, jenes Gelöbniß, daß er vor Jahren gethan. Warum? Abseits sitzt er jetzt, über das Buch gebeugt, den Kopf hält er in beider» Händen, und sein Auge blickt starr vor sich. Er sieht, wie sonderbare Gedanken, reißend gleich GebirgSströmen, sich ein immer tieferes, immer breiteres Bette in ihm wühlen, und wie auf diesem Wege die unaufhaltsamen Fluthen herabbrausen, in ihrem Laufe die Grundfesten seines früheren Denkens zertrüinmernd. die morschen Pfeiler der Religion fortreißend. Auch die Wolken jenes mystischen Nebels, die noch vor Kurzem seinen Geist umgaben, sie schwanden vor dem kalten, zersetzenden Hauche der Kritik, der ihn durchschauerte, ohne daß er gewußt hätte, woher- Nach dem Urtheile von ganz Zapiecko stieg Jizchak auf der Stufenleiter der Wissenschaft immer höher; das will sagen, daß er unter der Leitung immer bedeutenderer Lehrer die verworrensten und abstraktesten Fragen durchforschte, daß er dazu sehr gelehrte Kommentare und Erläuterungen dieser Kommentare studirte und noch viel tiefsinnigere Kommentare zu obigen Erläuterungen untersuchte, aber in all diesen ehrwürdigen, unschätzbaren Werken pulsirte kein Leben. Ohnmächtig eine Lösung zu finden, windet er sich in Schmerz und im Gewirr seiner Ideen, er kann das Leben nicht ertragen, er rüttelt und reißt immerwährend an seinen Gedanken. Eines Tages wiederholte er jene Szene, die sich in seinen Knabenjahren abgespielt hatte. Als er nahe daran war, sein fünfzehntes Jahr und das vornehmste Cheder der Stadt zu endigen, trat er an den Melamed heran, der berühmter in seiner Weisheit und Vertreter des Ortsrabbiners war. „Rebbe," sprach er, „mich quälen seit langer Zeit große Fragen und Widersprüche. Saget mir, Rebbe, woher kommt Gott?" Aber der Lehrer empörte sich nicht. Ein sanftes Lächeln zog über sein Antlitz, sein Auge ward feucht. Er blickte sinnend in die Ferne, als jage er in Gedanken der» Erinnerungen aus den entschwundenen Jüuglingsjahren nach. „Jizchak," ecwiederte er langsam. „Ich kenne Dich besser als jeder Andere, besser, als Du selbst meinst. Ob auch Dein Mund immer schweigt, sah ich doch oft beim Lernen ein böses Feuer in Deinen Augen, ein böses Lächeln um Deine Lippen. Glaube mir, das ist nicht gut. Warum? wirst Du fragen. Ganz einfach, es lohnt nicht, sich Etwas zu Herzen zu nehmen, denn was wirst Du damit erreichen?" Und nach einer Weile fügte er mit starker Stimme hinzu: „Du weißt ja, au solche Sachen ist nicht zu denken erlaubt." Gesenkten Blickes verließ der Jüngling die Stube, draußen aber erhob er zum Himmel das Auge, in dem eine heiße Gluth brannte, und seine Brust athmete rasch. Wer hätte es dem stillen, schweigsamen Knaben angesehen, daß er solch verwegene Fragen zrr stellen, so trotzig empor zu blicken vermöge! „Und doch will ich Antwort haben," sagte sich entschlossen der junge Jizchak. Und er ging in die Klaus. Hatte ihm doch die Mutter gesagt: „Ich will nichts von Dir. Ich werde Dir geben Esten und Trinken und Kleidung, wie lange Du nur wollen wirst. Und Du lerne und werde Rabbiner." „Lerne und werde ein Rabbiner," wiederholte der Vater; „wirst mehr Glück in der Welt haben als ich." Er aber dachte: Ich werde lernen; alle Bücher werde ich durchlernen, welche in der „Klaus" liegen, und ich muß die Antwort finden. So begann das Suchen. Seine ganze Willenskraft hatte er auf das Verlangen, die Finsterniß zu durchbrechen, konzentrirt. War er ja schon mit langjährig erworbenem Misten ausgerüstet und glaubte die Antwort finden zu nrüssen, wenn er alle Bücher aus der „Klaus" verschlungen haben würde. War es denn anders möglich? Bergen diese Bände denn nicht die größte Weisheit Israels, das will heißen Alles, was die Welt an Klugheit und edler Größe besitzt? Daß es außerhalb Israels noch eine Welt mit denkenden Menschen gebe, davon wußte Graf nichts. Zwischen den vier Wänden seiner Klaus eingesponnen, war er keinen äußeren Einflüsten, ob sie von der Natur oder von den Menschen kamen, ausgesetzt. Jedoch das letzte Jahr, fruchtlos gleich den vorhergehenden, hatte den fügsamen Jüngling erbittert und ungeduldig gemacht. „Wo ist die Wahrheit, wo?" hatte er so lange gerufen; jetzt begann er zu ahnen, daß er der Rufende in der Wüste sei. In keinem Buche fand er einen Widerhall seiner Frage, sie waren alle Trabanten des „Schulchan-Aruch". „Sollte wirklich von solch einer Geringfügigkeit, von der Ausübung einer Vorschrift, die uns der Verstand nicht erklären kann, die Zukunst Israels und mein eigenes Schicksal abhängen?" fragte er sich wohl tausendmal. „Gott will es so," rief ihm sogleich eine innere Stimme strenge zu. „Daran darf man nicht denken." „Man darf nicht? warum darf man nicht? wozu habe ich denn die Kraft zu denken?" bäumte sich der Jüngling auf; „und wenn ich denken werde, was wird da geschehen?" Vor seiner erhitzten Phantasie gähnte der höllische Schlund, er sah die Teufel, wie sie mit glühenden Zangen die unsterbliche Seele zerristen. Er schauderte, aber machte doch folgende Bemerkung: „Sonderbar, warum erwähnt die Bibel, diese Grundlage unseres Glaubens, nichts von der Belohnung nach dem Tode, nichts von Hölle und Teufel, nichts von der Unsterblichkeit unserer Seele? Sollte Moses von all' diesem strafrechtlichen Apparat nichts gewußt haben, sollte dieses erst später erfunden worden sein?" „Erfunden?" und er erfaßte sich bei den Haaren, „was fasele ich da, ich wahnsinniger Gottesleugner, ich Abtriinniger, Beseflener." Um die in seinem Innern tobenden Stimmen zu ersticken, betete er oft mit Feuereifer, die frommsten Chassidiin nachahmend; um sie zu betäuben, kasteite er seinen sündigen Leib mit Fasten, sich unaufhörlich hineinwühlend in den Staub der gelehrter! Bücher, sich jede Freude und Annehmlichkeit versagend. Dabei mußte sein Mund geschloffen bleiben. Wem sollte er sie auch vertrauen, diese Zweifel, die ihn verzehrten? Wer von all' diesen blinden Fanatikern, von all' diesen überarbeiteten Hungerleidern würde ihm Verständniß, Rath und höhere Belehrung entgegenbringen? So sitzt er in der Klaus, gequält und zerrissen. In diesem Momente schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Ich denke fortwährend an verbotene Dinge. Die Rabbinen und die heiligen Bücher drohen dafür Gottes Strafe und Tod an. Weh mir, ich habe die Strafe verdient. Warum also geschieht mir nicht Argess? Enthalten denn diese heiligen Bücher vielleicht Lug und Unwahrheit? Oder sollte — sollte es keinen Gott geben?" . . . (Fortsetzung folgt.)

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