Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 357 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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und die meisten von ihnen, wenn sie aufrichtig sein wollten, würden bekennen müsien, daß sie sich für viel besser halten als die Christen. Ueberall drängen sie sich heute ein, überall führen sie das große Wort. Wenn das so weiter geht, werden wir am Ende nur noch eine geduldete Sekte sein." Nicht minder ausgeprägte Judenfeinde als die genannten Romantiker waren Arnim und Brentano, über deren Wesen und Bedeutung uns ein neu erschienenes Buch von Reinhold Steig: „Arnim und die ihm Nahestehenden", Erster Band, „Achim von Arnim und Clemens Brentano", Stuttgart 1894, gut unterrichtet. Daß Arnim 1811 in Berlin eine deutsche Gesellschaft begründete, von der Franzosen, Philister und Juden ausgeschlossen waren — wußte man schon früher. In dem neuen Buche werden nun aber Aeußerungen beider Freunde über die Juden mitgetheilt, die zum Theil von empörender Rohheit sind. So wird Dorothea Schlegel „das gemeine, häßliche Judenweib", Rahel Levin gelegentlich als „Knoblauch" bezeichnet. Fast jedes Mal, wenn ein Jude genannt wird, erhält er ein häßliches Epitheton angehängt. Es war erklärlich, daß Arnim von diesem Standpunkte aus die bekannte, zur Verhöhnung der Juden bestimmte Posse „Unser Verkehr" billigte und deren weitere Aufführung rathsam fand. Trotzdem bleibt es seltsam, daß er, der sonst ein feines Gefühl für Volksbemühungen und Kultur hatte, für die Bildungsbestrebungen aufgeklärter Juden, für ihr Ringen nach deutschem Wesen nur Spott, aber nicht das geringste Verständniß besaß. Solch niedrige Gesinnung der beiden eng verbundenen Schriftsteller begreift sich nur aus dem überspannten Teutonismus, an dem Beide litten und durch den ihr gesundes Urtheil getrübt, ja vernichtet wurde. Freilich bleibt ihre Gesinnung um so auffälliger, als Bettin a, die Schwester von Clemens und die Braut, seit 1811 die Gattin Arnims, ganz anderer Ansicht war. Ihr Eintreten für die Juden in Frankfurt, für die sie auch Goethe zu interessiren suchte, bei dem großen Dichter aber höchst laue Aufnahme fand, war bekannt. (Ich habe darüber in einer Studie „Goethe und die Juden. Vorträge und Versuche", Dresden 1890, ausführlich gehandelt.) Weniger bekannt ist, daß sie auch in ihren Briefen an Caroline von Günderode 1803 und 1804 (veröffentlicht in ihrem Buche „Die Günderode" 1840) mit voller Entschiedenheit für die Juden eintrat. Dort giedt sie an zahlreichen Stellen liebenswürdige Schilderungen eines Marburger Juden Ephraim, eines schönen, alten Mannes, der in aufopfernder Weife für seine Enkel sorgt, eines Philosophen und Mathematikers, der die Studenten unterrichtet, auch Bettina Stunde giebt und sie in die Tiefen der Philosophie einführt, dabei aber, um mehr Geld zu schaffen, in seinen Mußestunden Handelsgeschäfte treibt. Sie verehrt und liebt den Alten fast wie einen Heiligen. Sie erzählt mit Begeisterung von einer Predigt eines christlichen Pfarrers, der für Duldung und Aufklärung sprach. Einmal, indem sie von deni alten Juden erzählt, faßt sie sein Wesen und wohl auch das Wesen der Gemeinschaft, der der Einzelne angehört, in die Worte zusammen: „Und meine du, was du willst, aber du wirst mir Recht geben, daß unter solchem Druck, unter so erniedrigenden Bedingungen der Adel des Lebens frei und unmittelbar bewahrt, daß sie nicht einmal durch das niedrigste Geschäft sich gebeugt fühlt, für eine hohe Seele spricht, daß sie mehr Recht hat auf unsere feierliche Achtung, als sie vielleicht dem Aeußern nach der Mißdeutung, der Verachtung ausgesetzt ist." Die geschichtliche Gerechtigkeit verlangt, daß man, von der Romantik sprechend, auch diese hehre Stimme, die allerdings der eines Predigers in der Wüste zu vergleiche» ist, anführen muß. Auch in ihren Briefen an Clemens (Clemens Brentanos Frühlingskranz. Nene Ausgabe. Berlin 1891) kam Bettsna auf die Juden zu sprechen. Der hier mehrfach erwähnte alte Jude (Seite 9, 190 ff.), vor deffen Haus sie die Straße fegt und mit besten Enkelin Veilchen sie anmuthig verkehrt, der sie Goethische Lieder beibringt und in ihren Arbeiten Förderung mannigfacher Art angedeihen läßt, ist vielleicht derselbe, wie der im Briefwechsel mit der Günderode erwähnte. Als Dank für solches Thun empfing Bettina von dem Mädchen eine sinnige Betrachtung, die mit ihren Worten hier folgen soll, ohne auf ihre Richtigkeit im Einzelnen geprüft zu werden. Sie lautet (Seite 112): „Wenn der Jude den Neumond erblickt, dann sammelt er seinen Geist, als wolle er seiner Zauberkraft sich unterwerfen. Und der Jude klagt ihm und betet, daß ihn der Haß gegen die Feinde nicht verblende und daß die Verachtung dieser ihn nicht Niederdrücke, und er stellt, sich vor den Richterstuhl des Mondes, und auf seinen Heimwegen aus Fremde (sie), da öffnet er sein Gewand dem Neulicht, daß er seine Brust bescheine. Möchte es auch nichts als blos Gebrauch sein, so deutet es doch darauf, daß er will zu einer höheren Sphäre emporgehoben sein durch den Neumond, er verlangt von der Gewalt der Natur, daß sie ihn erhebe. Wie schön ist dies und wie viel wahrer, als wenn ich ein Register mache meiner Sünden und mir diese schlimme Rechnung auszulöschen erbitte von Gott!" MIlUimWNil! M 1-^-1 -1 I-' I 1 FEUILLETON 1 J m rnnnw ■vui, -1 1—I I ' —«N— -• ' ' " 1 1- 1-» Der Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feld mann. (Fortsetzung.) Ifijfctt der „Klaus" befinden sich gegenwärtig einige junge Leute. Sie wollen es nicht wissen, daß draußen, in einiger Schritte Entfernung, eine schöne, reiche Natur erblühe, der einzige Born der Wonne und Belehrung; sie hocken überden Schriften der Gesetzeskundigen, tim dort Weisheit und Lebensfreude zu schöpfen. Unter ihnen ist Jizchak Graf. Er endigt sein siebzehntes Jahr, aber die ernste Denkerstirne, das verschrumpfte Gesicht, die scharfen Züge und die pergamentartige Gesichtsfarbe lassen ihn viel älter erscheinen, wenn er auch kinderhaft mager und schwächlich ist, seine Hände klein und durchsichtig, seine Schultern schmal und seine Muskeln schlaff sind und er kein Jünglingsblut, keine Jugendkraft in sich hat. Wie käme er auch dazu? Hätte er sie vielleicht in der Chederatmosphäre finden sollen, worin so manche junge Pflanze welkt und vergeht? Im Vaterhanse etwa, wohin kein heiterer Sonnenstrahl, kein lichter Schicksalsblick sich je verirrte? Oder gar in der Klaus, wohin er um fünf Uhr Morgens eilt, um dort mit kleinen Unterbrechungen bis in die tiefe Nacht zu verweilen? Kraft und Energie konnte es ihm nicht verliehen haben, dieses graue, bittere häusliche Alltagsleben, müde hinsickernd, aller lebhafteren Bewegung, jedes höheren Strebens oder irgend welchen bedeutenden Ereignisses bar. Ruhe oder Befriedigung vermochte es ihm nicht zu gewähren, das ewige Brüten über den heiligen Schriften, in deren Ergründung er es bereits zu einer gewissen Vollkommenheit gebracht hatte. Und ob er auch der Bekannteste, der Vielversprechendste unter diesen lernbeflissenen Jünglingen war; ob auch Alle seine