Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
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356 Bevölkerung zu wecken und zu erhalten bemüht war, und daß sie sich des Vertrauens, welches ihnen geschenkt worden war, Werth zeigten. Wann die unter dem Namen der Vier-Länder-Synode bekannte Gesammtvertretung der Juden Polens ihre Thätigkeit begonnen, ist ganz genau nicht festzustelleiU), es ist aber wohl anzunehmen, daß sie mit dem Ende des 15. Jahrhunderts schon bestand. Das von Kasimir dem Großen erlassene Statut wurde nämlich nachweislich erst von Kasimir IV. Jagiello (1453) bestätigt, von demselben aber unter dem Drucke der Geistlichkeit wieder zurückgenommen. Sein Sohn, Siegismund I. (1506—46), vollzog abermals die Bestätigung des Statuts in einer Form, daß es von allen nachfolgenden Königen als rechtsverbindlich angesehen wurde. Die Zurücknahme der Bestätigung durch Kasimir IV. mag wohl den Juden Polens die Nothwendigkeit einer Gesammtvertretung dem Könige gegenüber gezeigt haben, wie auch die Bestätigung durch Siegismund I. auf die erfolgreichen Schritte einer solchen Gesammtvertretung Hinweisen, die demnach mit dem Ende des 15. Jahrhunderts schon in Thätigkeit gewesen sein durfte. Die Synode setzte sich aus den hervorragendsten Rabbinern Polens und aus angesehenen Laienmitgliedern zusammen; in der ersten Zeit fanden ihre Versammlungen nur statt, wenn genügendes Material vorlag, und trat sie bald an diesem, bald an jenem Orte zusammen. Als sich aber die Institution der Vier- Länder-Synode befestigt hatte, trat sie periodisch in Lublin und Jaroslaw zusammen und besaß einen Vorsitzenden, der, von der Versammlung gewählt, sie leitete. In Lublin und Jaroslaw waren stark besuchte Meßplätze, die im Frühjahr und im Spätsommer abgehalten wurden, und dort tagte die Synode während der ganzen Dauer der Meffe, die oft vier Wochen währte. Außer den schon oben angeführten Arbeitsanfgaben der Synode gehörten zu ihren Befugnissen auch die Bestellung von Rabbinern für die Gemeinden, die Fürsorge für Gründung von Talmudschulen (Jeschiboth) und Erhaltung derselben und die Wahl geeigneter Schulhäupter für die Jeschiboth. Es strömten darum die Talmudbcfliffenen an den Orten zusammen, in welchen die Synode zu ihren Sitzungen zusammengetreten war, und da auch die Verfasser gelehrter Werke sich einfinden mußten, um die Licenz zur Veröffentlichung derselben zu erwirken, wurde der jeweilige Berathungsort der Synode der Sammelpunkt der hervorragendsten und gelehrtesten Männer Polens, und Manchem derselben wurde daselbst Gelegenheit gegeben, sich durch sein Wissen hervorzuthun und die Aufmerksamkeit der Synodalmitglieder und der großen Gemeinden auf sich zu lenken. Die Beschlüsse der Synode wurden in hebräischer Sprache, welche die Gelehrten- und Amtssprache war, den Gemeinden mitgetheilt, und sie gab denselben durch die Macht, welche der König in ihre Hand gelegt hatte — da sie die Staatssteuer einzuheben hatte — und durch die Macht des Bannes Nachdruck, der sich damals als ausreichend erwies, um jeden Widerstand niederzuwerfen. Trotz der Macht, die in ihren Händen lag, hielt sich .die Synode doch von jedem Fanatismus frei, sie gab auf der Synode zu Jaroslaw im Jahre 1676 die Erlaudniß zur Verbreitung einer Bibel, welche in Amsterdam mit deutscher Uebersetzung gedruckt worden war; ein Akt der Unbefangenheit, dem die unduldsamen Schritte als Folie dienen, welche Ende des 18. Jahrhunderts hervorragende Rabbiner gegen v; Der gelehrte Ch. N. Dembitzer in Krakau meint, daß die Begründung der Vier-Länder-Synode mit dem Aufblühen der Talmudschulen zusammenfällt, welches dem berühmten R. Jakob Polak, dem Begründer der populistischen Methode, zu danken war; die Generalsynode hätte demnach mit deni Anfang des 16. Jahrhunderts zu tagen begonnen. die Mendekssohnsche Pentateuchübersetzung unternahmen. Der heilige Ernst, mit dem die Synode ihre Aufgaben erfaßte, verbreitete ihr Ansehen über die Grenzen Polens hinaus; es kam auch vor, daß hochangesehene Männer außerhalb Polens in zweifelhaften Fragen die Entscheidungen der Synode erbaten und sie auch annahmen. Die Vier-Länder-Synode blieb für die genieinsamen Interessen, für jedes sittliche und religiöse Streben der Juden ein kraftvoller Mittelpunkt, bis mit der Regierung Stanislaus Poniatowskis die Erschütterungen, unter denen das polnische Reich so furchtbar litt, die Auflösung derselben vorbereitete. Mit der ersten Theilung Polens hörte die Thätigkeit der Vier-Länder-Synode auf. Die Vier-Länder-Synode legt ein schönes Zeugniß von dem Gemeinsinn, ab, der die Juden Polens beseelte. Meinungen und Ansichten gingen zweifellos auch unter den Juden Polens auseinander, der Parteistandpunkt war sicherlich nicht in allen Gemeinden Polens derselbe; aber sie besaßen die Selbstlosigkeit, ihren Parteistandpunkt, auch auf religiösem Gebiete, dem Gesammtwohle zu opfern. Selbst Lithauen, welches sich in Brauch und Sprache von den andern Juden Polens unterschied, überhaupt nur durch Personalunion mit Polen verbunden war, fügte sich willig den Beschlüssen der Generalsynode; es trat eben jeder Privatstandpunkt dem gemeinsamen Interesse gegenüber zurück. Die Juden Deutschlands haben zweifellos ihnen Allen gemeinsame Interessen, ein Zusammenschließen aller Kräfte wäre sicherlich, gerade in unserer Zeit, ihnen Allen ersprießlich; die Frage ist aber nicht überflüssig, ob die Juden Deutschlands das hierzu erforderliche Maß von Selbstlosigkeit und Opferfähigkeit besitzen, ob die Schöpfung einer solchen Generalsynode, wie sie die Juden Polens einst besaßen und der sich alle Juden willig unterordnen, in Deutschland zu erhoffen ist. iSBr Romantiker und Juden. Bon Professor Dr. Ludwig Geiger.. Q®«' seiner verdienstvollen Arbeit: „Die judenfeindliche Bewegung in Preußen am Anfang dieses Jahrhunderts" in Brann's „Jüdischem Volks- und Hauskalender" 1894, zeigt M. Freudenthal, daß Fichte sich mit großer Derbheit gegen alles Jüdische aussprach, und daß bei den Brüdern Friedrich und Wilhelm v. Schlegel, bei dem Letzteren mehr als bei dem Elfteren, ebenso bei Novalis, Sätze Vorkommen, die, als Kriegsmanifeste gegen die Aufklärer gedacht, gerade in diesem ihrem Charakter mannigfache Spitzen gegen die Juden enthalten. Während alle diese Aeußerungen ziemlich allgemein vom mittelalterlich - christlichen Standpunkte diktirt sind, waren die Angriffe, die Bernhardi in seinen Bambocciaden erhob, mehr der damaligen Zeit entnommen: es waren Zerrbilder der jüdische» Gesellschaft Berlins, direkte Angriffe gegen einzelne Persönlichkeiten aus dieser Gesellschaft. Die von Freudenthal gegebenen Bemerkungen, die auf Vollständigkeit gewiß keinen Anspruch machen, könnten vielfach vermehrt werden. Hier sei nur Weniges hervorgehoben. Unter den Tieck'schen Gesprächen findet, sich eine Stelle, die recht wohl von einem modernen Antisemiten geschrieben sein könnte: „Wie man die Emanzipation der Juden fördern kann, ist mir unbegreiflich. Durch ihr Gesetz sind und bleiben sie mitten unter uns fremd; sie können sich nicht nationalisiren. Unmöglich kann man einem ganz fremden Volksstamm dieselben Rechte einräumen, wie dem eigenen! Würde man es denn z. B. mit einer Ncgerkolonie thun, wenn eine solche unter uns wäre? Was die Juden von moderner Bildung angenommen haben, ist nur äußerlich,