Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
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354 Als ob nächst genügender Ernährung nicht frische Luft und reichlicher Schlaf für sie das Beste wäre! Jedes Vergnügen setzt die Nerven: in Thätigkeit, und thut das um so nachhaltiger, je öfter es wieder-, kehrt. Unsere Kinder sind heutzutage nervös genug. Ich habe schon Kinder besserer Eltern im Wirthshaus, in Cigarrendampf und verbrauchter Luft, zu einer Zeit gesehen, wo ich selbst mich gewöhnlich zu Bette lege. Natürlich haben die Kinder dann am Morgen nicht ausgeschlafen. Wollen die Eltern ihr Vergnügen nicht entbehren, so mögen sie früher nach Hause gehen, oder ihre Kinder unter guter Aufsicht zu Hause lasten, oder — das ist gewiß das Richtigste — ein Vergnügen wählen, das auch für die Kinder angemessen ist. Schlechte Luft und Tabaksqualm sind Niemandem zuträglich, und die Ueberzeuguirg, daß man die arbeitsfreie Zeit in einem Musik spendenden Lokale bei Bier, Wein und Tabak in angemestener Weise verbringen könne, kann nicht zur Genügsamkeit führen. Das haben auch unsere Eltern sehr wohl gewußt. Will Einer ein gemüthliches Glas in Gesellschaft trinken, so wird ihm das Niemand wehren, wenn es ihm seine Mittel sonst erlauben, d. h. wenn noch genug für Frau und Kinder übrig bleibt; nur nehme er seine Kinder nicht mit. Die Mitnahme der Kinder in öffentliche Räume und Gärten ist überhaupt bedenklich, obgleich es ja Ausnahmen giebt, wo es nicht schadet; es kommt eben nur aus das wo? und wie? an. Dieses zu entscheiden kann ich nach Allein, was ich bisher über die Erziehung zur Genügsamkeit gesagt habe, dem Ermessen der Eltern überlassen, die sich sicher von ihrem Gewissen und von der Sorge für das geistige Wohl ihrer Kinder werden leiten lassen. Eine weitere Gelegenheit, zur Genügsamkeit zu erziehen, bieten Essen und Trinken. Ich erinnere hier an das Wort, das ich an die Spitze dieses Aufsatzes gestellt, und an das, was ich daran geknüpft habe. Wo die Eltern schon aus Gesundheitsrücksichten mäßig und einfach leben, da werde» es auch die Kinder lernen; wo aber Neigung zu Luxus und Verschwendung heimisch sind, da ist es freilich bedenklicher. Nun/ wenn diese Eltern die Sicherheit haben, daß auch ihre Kinder dereinst reiche Leute sein und allzeit bleiben werden, dann mögen sie sie immerhin daran gewöhnen, verschwenderisch zu leben; haben sie aber diese Sicherheit nicht, so mögen sie sie nur so gewöhnen, daß sie auch wissen, wie inan es macht, wenn man keine Reichthünier zur Verfügung hat. Es hilft nichts, wir müssen unseren Kindern so manches Opfer bringen, bringen wir ihnen das größte, '«dem wir uns selbst bezwingen, damit sie nur Nachahmenswerthes von uns lernen. Namentlich aber mögen die Wohlhabenden ihre Kinder dazu anleiten, mit ihrem Luxus nicht zu prunken, nicht andere Leute auszustechen, nicht das Auffallendste für das Schönste und das Theuerste für das Vornehmste zu halten. Aber gediegenen Geschmack, ruhige Sicherheit, zurückhaltendes Benehmen — die mögen sie ihren Kindern beibringen, diese fallen wohl auf, aber nicht unangenehm. Damit ist eigentlich auch schon die Verschwendungssucht in der Kleidung berührt. Seien wir zufrieden, wenn wir uns anständig kleiden können; das kostet heutzutage schon genug. Wenn wir sonst keine Vorzüge haben, als daß wir immer die feinsten, theuersten und modernsten Sachen tragen — auch wenn die Mode alljährlich oder gar halbjährlich wechselt — so sind wir nicht nur beklagenswerthe Menschen, sondern gehen sicherlich bösen Tagen entgegen. Wie mancher Vater muß schwer arbeiten,' damit Frau und Kinder „elegant" gekleidet gehen; eleganter, als ihnen zukommt, eleganter, als es seine Verhältnisse eigentlich erlauben — anstatt an die Zukunft zu denken, d. h. sich lieber weniger zu quälen und seine Gesundheit zu schonen, oder, wenn das nicht nöthig ist, das Erübrigte auf die Sparkasse zu tragen. Manche Wittwe wäre mit ihren Kindern besser daran, wenn ihr Mann darnach gehandelt, oder wenn sie selbst bei seinen Lebzeiten weniger Luxus getrieben hätte. Und nun noch ein Wort über das Vergnügen. Die Ansprüche der Kinder sind von Hause aus bescheiden; hüten wir uns also, sie durch unsere Ungeschicklichkeit zu steigern. Wenn wir ihnen ein besonderes, d. h. nicht zu ihrem täglichen Leben gehöriges Vergnügen bereiten wolle», so muß auch ein besonderer Grund oder ein besonderes Verdienst ihrerseits vorliegen. Nur muß man z. B. für ein gutes Schulzeugniß nicht gleich eine Vergnügungsreise versprechen, oder einen kostbaren Anzug, oder einen theuren Schmuck und dergleichen Belohnungen, die in keinem Verhältniß zu der Leistung stehen; zudem ist ein gutes Schulzeugniß einem richtig erzogenen Kinde etwas Selbstverständliches. Trotzdem mag es belohnt werden; der Ausdruck der Zufriedenheit, eine kleine Gabe für seine Sparkasse, ein Ausflug ins Freie in Gesellschaft der Eltern, die Erlaubniß zu einer Fußreise mit seinen Freunden, werden ihm eben so viel Freude machen und es in fördernder Weise anspornen, während die oben getadelten Belohnungen es nur anspruchsvoll machen. Erwachsenen Kindern kann auch der Besuch eines klassischen Theaterstückes, das sie schon gelesen haben, gestattet werden — das wird sie vollends beglücken und zu ihren schönsten Erinnerungen gehören. Jüngere Kinder gehören nicht ins Theater; sie verstehen nichts, bekommen verkehrte Vorstellungen und werden vorzeitig abgestumpft. Die Theilnahmlosigkeit des jetzigen Geschlechtes gegen Vergnügungen — trotz aller Vergnügungssucht — schreibt sich in erster Reihe von der allzufrühen Theilnahme am Vergnügen her. Kann man es doch kaum erwarten, bis die Kleinen einladeu und eingeladen werden, und gleich den Erwachsenen mit feinem Gebäck und guten Sachen gestopft werden! Und dabei sind die Kinder mit einer Tasse Milch, Thee oder gar Chokolade und einem Bntterbrödchen oder Zwieback genau ebenso zufrieden und spielen ebenso vergnügt, wie bei den „guten" und theuren Sachen, mit denen sie sich noch obendrein den Magen verderben können. Und >vie will man sie damit zur Genügsamkeit erziehen? Nicht günstiger wirken die Kinderbälle, die Kinderthcater, Kinderkränzchen u. dergl. Sie würden ja nicht so verhängnißvoll wirken, wenn sie selten, aus besonderen Anlässen, stattfänden und einfach und harmlos wären. Aber wer da weiß, wie gedankenlos viele Eltern dabei Vorgehen, wie die Einen die Anderen zu überbieten suchen, wie solche Kinderbälle nicht selten „kostümirt" werden, wie schon zehnjährige Schulkinder wochenlang ein Theaterstück dazu einüben, u. s. w. — der wird mir beistimmen, daß das keine geeignete» Vorübungen zur Bescheidenheit und Genügsamkeit sind. Und wer da weiß, wie die „Kränzchen" von Backfischen sich abspielen, die außer dem Kaffee oder Thee mit den ausgesuchtesten Backwaaren und Schlagsahne auch noch die feinsten Fisch- und Fleischplatten nebst Käse und Eis bieten — der Südfrüchte und gelegentlichen „Ueberraschungen" nicht zu gedenken — der wird von der Genügsamkeit, die hier gelehrt wird, auch keine große Meinung bekommen. Und was haben diese Kinder nicht schon Alles gesehen? Ihnen ist mit einem einfachen Sommeraufenthalt nicht mehr gedient; es muß mindestens ein vornehmes Seebad sein. Und unsere Söhne? Auch sie werden nicht immer zur Genügsamkeit erzogen. Viel zu viel sorgen wir für ihr Vergnügen; zu früh bekommen sie ihr Taschengeld, das nur zu leicht erhöht wird; viel zu reichlich sind die Mittel, die sie zur Bestreitung ihrer „kleinen Ausgaben" oder der „Tanzstunde" bekommen, und viel zu wenig werden ihre Ausgaben und Vergnügungen von den Eltern beaufsichtigt. Und doch ist das dringend nothwendig. Wir können nicht immer um die Kinder sein