Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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353 Pädagogische Plaudereien. Von Dr. B. Kuttner in Frankfurt a. M. 3- Die Genügsamkeit. fer Gerechte ißt sich satt, der Bauch des Frevlers hat nimmer genug", heißt es in den Sprüchen Salomos 13, 25. Das ist etwas derb ausgedrückt, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Alles Streben des Menschen wird bis zu einer gewissen Grenze von der sogenannten Magenfrage' beherrscht; je eher diese als erledigt betrachtet werden kann, desto besser. Für manchen Menschen besteht sie sein Leben lang, und das hat seine böse, aber auch seine gute Seite; für andere ist sie längst nicht mehr vorhanden, und doch hat ihr Bauch noch immer nicht genug — und das ist schlimm für sie und für Andere. Zu solch einem Nimmersatt wollen wir keins unserer Kinder erziehen; denn ein Nimmersatt wird niemals zufrieden, also auch nieinals glücklich sein, und Neid und Feindschaft werden ihm vollends das Leben verbittern. Darum sollen wir unsere Kinder so früh als möglich zur Genügsamkeit gewöhnen. Der Mensch braucht viel weniger, als er gemeinhin glaubt. Speise und Trank muß er haben, Kleidung und Wohnung desgleichen. Hat er arbeiten gelernt und ist durch Geduld und Ausdauer zuverlässig und tüchtig geworden, so wird sein Tisch immer gedeckt sein, wenn auch nicht gerade mit Leckerbissen; aber die braucht es auch nicht. Er mag bisweilen langsamer zum sicheren Brod kommen, als ein Faulpelz oder ein Pfuscher; aber mit der Zeit werde» beide erkannt und nach ihrem wahren Werthe beurtheilt werden. Freilich muß man nicht den Grundsatz aufstellen, der anständige Mensch fange beim Reichen an, und deshalb auf den Reichthum lossteuern; das ist schon darum ein Unsinn, weil die Menschheit doch unmöglich nur aus Reichen bestehen kann. Man muß überhaupt als Ziel aller Arbeit nicht den Reichthum hinstellen, sondern das genügende Auskommen. Wenn wir keine Noth zu leiden brauchen, so müssen wir schon dafür unserem Schicksal dankbar sein; fügen es die Umstände, daß unser Auskommen ein behagliches, oder gar ein reichliches wird, so sollen wir es dankbar hinnehmen, ohne uns zu überheben, denn tausend Andere sind ebenso würdig wie wir, und ohne habgierig noch mehr erjagen zu wollen, gleich dem Löwen, der Blut geleckt hat, und gleich dem „Frevler, dessen Bauch nimmer genug hat." Denn mehr als satt kann sich der Mensch nicht essen, und satt wird man bald. Eine einfache, kräftige und zuträgliche Kost können wir täglich vertragen, und eine solche Kost ist zum Glück nicht unerschwinglich theuer; die Kost des Schwelgers und Praffers dagegen könnten wir nicht täglich zu uns nehmen, ohne unseren Magen zu verderben und dadurch an Lebensfrische und Lebensmuth zu verlieren. Dieser Satz ist einfach und überzeugend. Wozu also Unsummen für Schädliches und darum doppelt Eutbehrliches verschlemmen, statt sich zu begnügen und gesund zu bleiben? Thatsächlich giebt es denn auch eine ganze Anzahl von Krankheiten, die im Allgemeinen meist bei den Reichen Vorkommen - eine Folge ihres Wohllebens. Der Körper verträgt kein dauerndes Wohlleben. Ueber all diese einfachen Wahrheiten mag man mit seinen Kindern oft sprechen, „daheim und unterwegs, wenn man sich niederlegt und wenn man aufsteht", und es nicht unterlassen, paffende Beispiele aus der Umgebung als Beweise anzuführen. An solchen Beweise» fehlt es ja leider nirgends; aber sie wirken nur dann belehrend, wenn man Belehrung aus ihnen ziehen will; ein wirkliches Beispiel warnt eindringlicher als hundert Belehrungen. Eins freilich dürfen wir nie vergessen: das wichtigste Beispiel ist dasjenige, das wir selbst geben; unser Verhalten darf nicht im Widerspruch stehen mit dem, was wir lehren. Kinder haben bekanntlich mancherlei Wünsche, mit denen sie an uns herantreten. Sie sehen Dieses oder Jenes und möchten es auch haben; oder sie hören, was Der und Jener thut, und möchten es auch thun; N. N. ist so und so, könnten meine Eltern nicht gerade so sein? Solche und andere Wünsche, die sich meist aus dem Vergleich der eigenen Lebensführung mit derjenigen Anderer ergeben, sind zu bekannt, als daß ich nöthig hätte, sie noch weiter herzuzählen. Nebenbei bemerkt: Wohl der größte Theil unserer wirthschaftlichen Bedrängniß schreibt sich von dieser Neigung zu vergleichen her. Wir vergleichen zu viel, und leider nicht nach unten, sondern nach oben hin; wir trösten uns nicht mit Unseresgleichen; wir sind nicht dankbar und zufrieden, daß es uns bester geht als vielen Tausenden, sondern wir finden, daß so Viele mehr haben als wir, und das ist uns unbehaglich; wir möchten es auch besser haben. Ja, dieses Bessere ist auch hier der Feind des Guten. Denn es verdrängt die Genügsamkeit, raubt die Zufriedenheit und verscheucht endlich alle Behaglichkeit, setzt aber an ihre Stelle Unzufriedenheit, nervöses Hasten und Jagen nach mehr, und führt ins Krankenhaus, ins Irrenhaus, ins Gefängniß oder in den Tod. Auch hierfür fehlt es leider nicht an Beispielen; natürlich bieten sie sich uns nicht an einem Tage dar; aber das Jahr ist lang; und die Zeit, die wir unsere Kinder im Hause haben, ist noch länger. Nur beute man auch jedes Beispiel gehörig aus. „Und ganz Israel höre es und fürchte sich und sündige nicht niehr." Kommen die Kinder und wünschen etwas, so mag man zunächst die Frage aufwerfen: „Darf das sein?" Diese Frage wird oft genug von vornherein verneint werden müssen — und die Eltern haben Ruhe, zumal wenn die Kinder auch sonst vernünftig erzogen worden sind. In anderen Füllen wird mau fragen: „Kann das sein?" Auch mit dieser Frage wird sich mancher Wunsch schnell erledigen, denn sie wird aus irgend einem Grunde oft genug ein zwingendes Nein zur Antwort erhalte». Aber noch eine dritte Frage wird oft genug erlösend wirken — immer vorausgesetzt natürlich, daß die Eltern selbst eine Erlösung wünschen und nicht blindlings ihren Kindern gehorchen und den Weg ins Verderben zeigen —; man frägt: „Muß das sein?" Ist man überzeugt, daß es nicht sein muß, oder nicht so sein nmß, d. h. daß es auch in einer anderen Weise geht, die bescheidener und billiger ist, so handle man nach dieser Ueberzeuguug. Niemals aber vergesse man den höheren Gesichtspunkt: die Erziehung zur Genügsamkeit; dieser Gesichtspunkt allein wird auch oft genug hinreichen, einen Wunsch nicht zu erfüllen, wenn man sonst keine anderen Gründe hat. Aber da giebt es Eltern, die sind von einer Weichherzigkeit — sie nennen es Liebe — die eben so lächerlich, wie verderblich ist. Am schlimmsten sind in dieser Beziehung oftmals gerade diejenigen, die in ihrer Jugend selbst tvenig Vergnügungen hatten. Aber sind diese nicht trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen tüchtige Menschen geworden? In der That, unsere Eltern standen auf einem etwas anderen Standpunkte als wir; ihr Sinnen und Trachten ging nicht, wie bei uns, darauf hinaus, ihren Kindern möglichst viel Vergnügen zu verschaffen. Sie arbeiteten, und die Kinder arbeiteten — jedes natürlich auf seine Weise; früh ins Bett, und früh aus dem Bette — und das hat uns nicht geschadet. Heute hat mancher nicht den Muth, die Kinder ins Bett zu schicken, denn „die vielgeplagten Kinder müssen doch auch ihr Vergnügen haben."