Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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-3 und im Voraus zu deponiren für den Fall, als es dem Pfarrer Dr. Joseph Deckert in Gegenwart des fürsterzbischöflichen Konsistorialrathes und päpstlichen Hausprälaten Hofrathes Zschokke und des katholischen Theologen Professors August Bickell und eines von diesen Beiden zu ernennenden dritten arischen Orientalisten gelingt, vier Zeilen in irgend einem Talmud-Traktat, den nicht ich, sondern der Zufall wählen soll, korrekt und fehlerlos zu übersetzen Dr. Bloch zog jedoch seine Anklage zurück, denn es sei ihm gänzlich gleichgiltig, was Dr. Deckert über ihn im „Deutschen Volksblatt" schreibe. Zweck seiner Klage sei blos gewesen, im Gerichtssaale öffentlich zu erklären, daß er dem Pfarrer Dr. Deckert, der sich mit seinen Talmudkenntnissen brüste, 16,000 Kronen bezahle, wenn derselbe auch nur vier Zeilen im Talmud lesen und übersetzen könne Das sei geschehen, und damit gebe sich Dr. Bloch zufrieden. Der Richter sprach hierauf den Angeklagten frei. B. Budapest, 12. Juni. In Anbetracht der gegenwärtig in Wien herrschenden Zustände, von denen das diesbezüglich kompetenteste Forum, die Wiener Fruchtbörsenkammer, erklärte, daß sie nicht recht die Garantie für die Lebens- und Eigenthumssicherheir seiner Gäste übernehme, noch weniger aber im Stande sei, sie gegen die unqualifizirbaren Angriffe zu schützen, haben sich die Mitglieder der Kornhalle ehrenwörtlich verpflichtet, den Wiener Saatenmarkt nicht zu besuchen. Dieser einstimmig gefaßte Beschluß, der nichts als eine energische Zurückweisung der schamlosen antisemitischen Angriffe und Drohungen ist, mit welchen die ungarländischen Produzenten und Kaufleute als Ungarn und Juden überhäuft wurden, hat auch in der Provinz eine energische Aktion zur Folge gehabt. Mehr als 3000 Kaufleute, die früher regelmäßige Besucher des Saatenmarktes waren, haben sich dem Beschlüsse der Kornhalle angeschlossen, so daß voraussichtlich der Saatenmarkt aus Mangel an Theilnahme gar nicht abgehalten wird. Von der Abhaltung eines Saatenmarktes in Ungarn wird der Zwecklosigkeit halber ganz und gar abgesehen. Nach den bisher eingelaufenen Meldungen haben auch sämmtliche Getreidefirmen in Breslau, Lemberg und anderen Städten einstimmig den Beschluß gefaßt, angesichts der jüngsten antisemitischen Vorgänge dem Saatenmarkt fern zu bleiben. — Das Direktionskomitee der israelitischen Landespräparandie kandidirte für den durch die Berufung des Dr. M. Schreiner nach Berlin vakant gewordenen Lehrstuhl den Rabbiner Dr. Samuel Kraus. — Der ausgezeichnete Heineübersetzer, Dr. Alexander Feleky, wurde zum Bezirksarzt des VI. Bezirks gewählt. — An den Grafen Albin Csaky haben aus Anlaß seines Rücktrittes von der Leitung des Kultusministeriums mehrere israelitische Kultusgemeinden Abschieds-Adressen gerichtet. Graf Csaky hat an diese Gemeinden warm gehaltene Schreiben gerichtet, in welchen er für die Aufmerksamkeit dankt und die vaterländische Judenheit aufmuntert, ihren allezeit bekundeten Eifer in der Pflege der nationalen Interessen noch zu erhöhen, was sowohl ihr selbst wie dem Vaterlande zu großem Vortheile gereichen wird. Frankreich. er. Paris, 10. Juli. Schon lange ist man zu der Erkenntniß gelangt, daß die Opfer der russischen Ausweisung irrend umhersuchten nach einem Fleckchen Erde, auf welchem sie sich häuslich niederlassen könnten und zumeist sich dabei die transatlantischen Länder zum Ziele ihrer Wanderung setzten. Oft genug traten ihnen dort die größten Schwierigkeiten in den Wea, und indem sie sich auf die erneute Suche nach einem Plätzchen, wo sie wohnen können, machten, verzehrten sie die wenigen Kopeken, die sie aus ihrem barbarischen Heimathlande mitnehmen durften. Es sind durch Unkenntniß der kolonialen und der Reiseverhältnisse u. s. w. den russischen unerfahrenen Emigranten schon häufig Kosten verursacht worden, die sie fast bis an den Ruin brachten. Aus diesem Grunde trat neben dem bereits längere Zeit existirenden „Kolonisationsverein" nunmehr ein „Comite d’<§tudes pour l’emigration des israelites “ Das Komitee setzt sich aus folgenden hochangesehenen Bürgern der französischen Capitale: dem Groß-Rabbiner Dr. Zadoe Cahn, Rechtsanwalt Nareis Löwen am Kammergericht, Elia Madeira (der Gesandte von Nicaragua), Emil Meyersolm (der Verwalter der Agentur Hawai) und dem Mitgliede der Kolonisations-Kommission der Juden, dem Herrn Salomon Reinach zusammen. Auch der Vorsitzende der Kolonisations-Kommission der Juden, Herr Dr. Sonnenfeld, hat sich mit einigen ihm befreundeten Großkaufleuten, die mit überseeischen jüdischen Händlern in geschäftlicher Verbindung stehen, der Kommission angeschlossen. Soeben hat dieses Komitee — wahrlich ein gutes Werk zu rechter Zeit — ein Circular versandt, in welchem die in transatlantischen Erdtheilen wohnenden Juden über die geringsten Mißstände in den Orten ihres Aufenthalts befragt werden, eine Umfrage, die ihre Berechtigung darin findet, daß das Komitee eifrig bestrebt sein will, die aus der Beantwortung des Umfrage-Circulars sich ergebenden Mängel dort, wo sie vorhanden — wenn möglich — zu beseitigen oder ihnen für die Zukunft bei Neuansiedelungen von Juden aus dem Wege zu gehen. Auf diese Weise hofft das Komitee, bald in den Besitz des Verzeichnisses jener Orte zu gelangen, die zur Ansiedelung für Juden am günstigsten erscheinen dürften. Mögen die humanen Bestrebungen und Bemühungen der edlen Männer, die uneigennützig hier nur das Wohl ihrer armen russischen — oder besser gesagt, nicht mehr russischen — Glaubensgenossen im Auge haben, von Erfolg gekrönt sein. — Wie aus Antwerpen berichtet wird, haben in den Monaten Januar—April incl. 209 jüdisch-russische Emigranten dortselbst das europäische Land verlassen. Davon waren 102 Männer und 107 Frauen. Die meisten wollten nach Amerika, nur 2 reisten nach Australien. Rußland. f. Warschau, 16. Juli. Wie Ihnen Ihr Korrespondent schon des Oesteren mitzutheilen sich genöthigt sah, ist bekanntlich hier in Rußland die Namens-Aenderung oder, besser gesagt, Russisizirung resp. Germanisirung jüdischer Namen den Trägern derselben bei Freiheitsstrafen verboten worden. Selbst die Firmenschilder, die derartig verwandelte Namen trugen, wurden auf Befehl des Stadtpräfekten entfernt nnd die Träger benachrichtigt, daß sie nur das Recht besitzen, die richtigen, in die Geburtsmatrikel eingetragenen Namen zu führen. Es wandten sich hierauf eine Reihe von Trägern verzärtelter und verzogener jüdischer Namen, wie z. B Jossel (statt des richtigen hebräischen Namens Josef) oder Moischele (statt des hebräischen Moses) mit der Bitte an das Gouvernement, ihre Namen in die ursprünglich hebräischen richtigen umschreiben lassen zu dürfen. Es wurden hierauf verschiedene Gelehrte als Sachverständige von dem Gouvernement darüber befragt, ob diese Namensänderung denn keine wesentliche, sondern vielmehr lediglich eine Zurückführung in die ursprünglichen Namen sei. Trotzdem die Talmudgelehrten das Letztere bestätigten, wurden die Gesuche nunmehr von dem hiesigen Gouverneur abgelehnt und gleichzeitig die Verordnung erlassen, daß die Juden nicht berechtigt seien, irgendwelche Aenderungen ihrer Vornamen vorzunehmen. Hatten wir bei Gelegenheit unseres letzten Berichtes über diese leidige Namensangelegenheit freudig bemerkt, daß Rußland wenigstens die Mission erfüllt, die Kinder Israel zu gewöhnen, sich ihrer Herkunft und ihres Namens nicht zu schämen, so bedauern wir es doch momentan unendlich, daß dortselbst dem ästhetischen Gefühl so wenig Rechnung getragen wird, daß statt der schön klingenden rein hebräischen Namen die Israeliten mit häßlichen, verzogenen Namen behaftet sein sollen. — In meiner letzten Korrespondenz aus Warschau (Nr. 26 der Allg. Ztg. d. Judenth.) erwähnte ich, daß Warschau gegenwärtig 200,000 Juden zähle. Der verehrlichen Redaktion erschien diese Zahl zu hoch gegriffen, aus welchem Grunde sie auch hinter die Zahl ein Fragezeichen setzte. Ich bin nunmehr in der Lage, hierüber statistisches Material zu unterbreiten. Anfang dieses Jahres betrug die Bevölkerung Warschaus 616,684 Seelen, davon waren 177,727 Juden. Wenn man bedenkt, daß die jüdische Gemeinde in Warschau täglich mehr anschwillt, daß sie durch das Zurücktreiben der Juden in den Ansiedelungsrayon täglich, ja stündlich zunimmt, so wird die Annahme von 200,000 Seelen — nach 6 Monaten — wohl berechtigt erscheinen. — Auf Befehl der Gouverneurs von Kiew hat die Ausweisung der in der Kiewer Vorstadt Nikolsk unrechtmäßig niedergelassenen Juden begonnen. Die Zahl der zur Ausweisung bestimmten Familien beträgt ungefähr 540; von dieser Anzahl haben etwa 450 Familien ihren Aufenthaltsort im Juni bereits verlassen müssen; die anderen haben die Erlaubniß erhalten, vorläufig noch zu bleiben, da sie Nachweisen konnten, daß sie sich vor 1885 in Nikolsk niedergelassen. Amerika. n. New-Aork, 8 Juli. Zum ersten Mal war es kürzlich seit dem Bestehen des jüdisch-theologischen Seminars der Fakultät vergönnt.