Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 einen ihrer Zöglinge mit dem vollen Maturitätszeugnis zu entlassen und einen jungen Mann, ausgerüstet mit all den Kenntnissen und der vollen Befähigung, das Amt eines Rabbiners zu bekleiden, in die Welt hinauszusenden. Vor etwas mehr als acht Jahren wurde das Weiek begonnen, ein jüdisch - theologisches Seminar zu gründen, in welchem Rabbiner herangebildet werden sollen, die auf dem Boden des historischen Judenthums stehen. Die geistige Kraft zu dem neuen Unternehmen lieferten Rabbiner Dr. Morais-Philadelphia und seine Kollegen, der jüngst verstorbene Dr. Kohut Dr. M. Jastrous von Philadelphia und die Gebrüder Mendes. Die finanzielle Unterstützung wurde von einigen wohlhabenden Mitgliedern in bescheidenem Maße gewährt. Uebrigens waren die Verwaltungsbeamten so glücklich, eine Kraft als Exekutivbeamten zu gewinnen, welche viel dazu beitrug, den endlichen Erfolg zu erreichen. Es war dies der allgemein bekannte und in weiten Kreisen populäre Joseph Blumenthal, welcher mit vielem Geschick 2s soweit brachte, daß das Institut ein eigenes Haus besitzt, in welchem die Lehranstalt und eine gediegene Bibliothek sich befindet, welche alle Werke aufweist, die dem Studirenden an die Hand gegeben werden und alle in das Fach einschlagenden Spezialitäten vertritt. Es war ein vollständiger Triumph der sich in den Gesichtern der aus der Plattform sich befindenden Lehrer und Beamten wiederspiegelte. Der junge Joseph Herrmann Hertz, der sich den Philos. Doktor erworben und nun auch Rabbi sich zu nennen berechtigt ist, wurde von dem zahlreichen Publikum, das der Feierlichkeit beiwohnte, mit rauschendem, lang anhaltendem Beifall empfangen. In seiner Abschiedsrede an die alma mater und iw Erwiederung der an ihn gerichteten Ansprache des Präsidenten der Fakultät bekundete der Rabbiner oratorische Begabung, Feuer und Enthusiasmus für die Prinzipien, die er zu vertreten gelobt. Freilich ist abzuwarten, ob die aus dem Seminar hervorgehenden Rabbinatskandidaten auch der Fahne, der sie zugeschworen, treu bleiben werden. New - Uork, 1. Juli. Eine Ausschließung jüdisches Kinder aus einer hiesigen Schule macht viel von sich reden. Dis Thalsache ist, nach der „Deborah", folgende: In dem vornehmsten Viertel New-Jorks existirt eine Privatschule, geleitet von Fräulein Chisholm, in der unter 67 Schülern etwa 40 jüdische sich befinden. Die Eltern dieser Kinder erhielten von der Directriee bei Beginn der Ferien ein Circularschreiben des Inhaltes, daß ihre Kinder nicht mehr ausgenommen werden würden. Als Grund giebt die Directriee an, daß wegen der wachsenden Zahl jüdischer Schülerinnen die christlichen Eltern ihre Kinder zurückgezogen hätten und auch in den Augen der Juden durch diesen Umstand die Schule ihren vornehmen Charakter eingebüßt zu haben scheine. Man kann der Dame aus ihrem Verhalten keinen Vorwurf machen. Sie handelt nach ihrem Geschäftsprinzip, und man kann ihr Verhalten umsoweniger tadeln, als sie erklärt, sie wäre bereit gewesen, diese Ausschließung jüdischer Schülerinnen zu vermeiden, wenn man ihr von jüdischer Seite genügende Unterstützung hätte zutheil werden lassen. Ein weniger günstiges Licht fällt auf die Juden, welche Alles für vornehm halten, was christlich ist. An Selbstachtung bleibt ihnen immer noch zu lernen. Von Unh und Fern. ---- Wie verlautet, siedelt Dr. Böckel am 1. Oktober nach Berlin über. Ein hiesiger Buchdruckereibesitzer soll seine Druckerei und den Verlag des „Reichsherold" angekauft haben und Dr. Böckel als Redakteur mit ziemlich hohem Gehalt anstellen wollen. Die letztere Nachricht scheint nicht sehr glaublich. — Im „Reichsherold" lesen wir: Anläßlich der jüngsten Anwesenheit Dr. Böckels in Berlin wurde im engeren Kreise von Gesinnungsgenossen beschlossen, einen „Deutschen Trutz- und Schutzbund" für alle arbeitenden Stände ins Leben zu rufen, der wesentlich wirthschaftlichen Interessen dienen soll. — Der antisemitische Agitator und Redakteur Gott es leben ist verschwunden. Sein Blatt, der „Thüringer Landbote", scheint eingegangen zu sein. Die letzte, am 7. fällig gewesene Nummer ist ausgeblieben. Gottesleben hat, ' nach der Mittheilung des kaiserlichen Postamts, Arnstadt verlassen, und sein Aufenthaltsort ist unbekannt. — Der konstituirende Verbandstag des „Verbandes jüdischer Religionslehrer" wird am 16 Juli-; Vormittags 10 Uhr, im Hotel „Zum weißen Storch" zu Breslau ■ eröffnet. — An dem im Laufe dieses Monats stattfindenden VIII. Deutschen; Turnerfeste in Breslau sollten sich auch Wiener Turner betheiligen. Dieselben äußerten bei ihrer Anmeldung die Bitte, ihnen Wohnungen bei Juden nicht anzuweisen. Oberbürgermeister Bender, der Vorsitzende des Wohnungsausschusses, soll ihnen mitgetheilt haben, daß die Stadt Breslau auf ihren Besuch verzichte. — Die „Deutsche Ostwacht" in Breslau hatte das schmutzige Flugblatt von Th. Fritsch gegen die Juden als Beilage gebracht. Auf eine Klage jüdischer Bürger ist seitens der Staatsanwaltschaft ein ablehnender Bescheid erfolgt; auf eine erneute Beschwerde ist nunmehr seitens der Oberstaatsanwaltschaft die Mittheilung erfolgt, daß gegen den Verbreiter jenes Flugblatts auf Grund des § 166 des R.-Str.-G. vorgegangen werden wird. — Am 7. d. M. stand vor dem Düsseldorfer Schöffengericht der Redakteur der antisemitischen „Deutschnat. Zeitung," B. van Acken, angeklagt der Beleidigung des Schriftstellers Fabius Schach zu Köln. Schach war nämlich den Antisemiten der Rheinprovinz unbequem geworden, weil er mit kühnem Muthe in ihre Versammlungen drang, die Hinfälligkeit ihrer Behauptungen nachwies und die Verwerflichkeit ihrer Agitationsmittel in scharfen Worten geißelte. Nun wurde über diesen unbequemen Gegner durch den würdigen Agitator Wilms die Nachricht verbreitet, Herr Schach bediene sich eines fremden Namens, er heiße eigentlich Elias Cohn und sei von der Polizei nicht auszufinden. Diese Behauptungen der „Deutsch-nat. Zeitung" wurden an dem antisemitischen Redakteur mit 30 Mark Geldstrafe und die Kosten gesühnt. — In Aachen erscheint seit dem 1. Juli ein neues antisemitisches Organ, die „D. Westwacht". Eingegangen sind im letzten Vierteljahr die „Niederlausitzer Wacht" in Kottbus und das „Westd. Volksblatt" in Saarbrücken. — Das israelitische Waisenhaus' „Wilhelmspflege" in Eßlingen hatte sich auch, wie aus dem in dieser Woche veröffentlichten 63. Jahresbericht ersichtlich, im verflossenen Jahre der Unterstützung der Israeliten Württembergs zu erfreuen. Dasselbe vereinnahmte an Stiftungen und Legaten 4176 Mark, an Zinsen 13,"64 Mark, an Beiträgen und Spenden 8657 Mark. Das Vermögen der Anstalt beträgt jetzt 342,654 Mark, incl. des Vermögens der Fortbildungsschule mit 21,885 Mark und der Adolf-Levi-Stiftung mit 10,572 Mark. Die Zahl der Zöglinge stieg von 26 auf 39. — Beim Internationalen Radwettfahren in Linz war im Ermunterungsfahren Erster Alfred Adler; beim Militär-Radwettfahren blieb Sieger Lieutenant Edmund Spitzer vom Infanterie-Regiment Nr. 78. — Der Handelsminister Graf Wurmbrand erklärte im Gespräche mit Mitgliedern des Lemberger Gemeinderathes und der Handelskammer, die österreichische Regierung sei eifrig bestrebt, bei der russischen Regierung dahin zu wirken, daß im Sinne des österreichisch-russischen Handelsvertrages allen österreichischen Staatsangehörigen ohne Unterschied in Rußland eine gleichmäßige Behandlung zutheil werde, und man dürfe erwarten, daß diese Bemühungen Erfolg haben werden. — In Suezawa wurde Dr. Abraham Loewy aus Neubidschow mit großer Majorität zum Rabbiner gewählt. — Nach einer Warschauer Meldung der polnischen Blätter hat die russische Regierung die Schließung aller in der Nähe russischer Kirchen gelegenen Synagogen angeordnet. In Wachnowka (Gouvernement Kiew) wurden bereits in Ausführung dieses Erlasses drei jüdische Bethäuser behördlich geschlossen. — Einer Meldung aus Petersburg zufolge wird auf Verfügung des Finanzministers den Juden, welche sich * mit Handel und Industrie beschäftigen, bis auf Weiteres der Aufenthalt an ihrem bisherigen Wohnsitz gestattet. — Die französische Akademie hat ein Legat von 1000 Frs. jährlich als Preis für den Autor eines nützlichen Werkes angenommen, das die Wittwe des verstorbenen Präsidenten des israelitischen Konsistoriums inBayonne, Abr. Frikado gestiftet hat. - Gelegentlich des zu Ehren des Herzogs von Sachsen-Coburg und Gotha stattgefundenen Banquets im Mansion House, der Residenz des Lord Mayor von London, waren auch der Oberrabbiner von London Dr. Adler und seine Gemahlin als Gäste anwesend. — Ter zum Unter-Staatssekretär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten ernannte Abgeordnete Romanin Jacur in Rom gehört dem rechten Centrum an. Er ist ein tüchtiger Oekonomist; seine Güter bei Padua sind Musterwirthschaften. Als Parlamentarier stand er bis vor Kurzem an der Seite di Rudini's, von dem er sich wegen dessen Opposition trennte. Romanin-Jacur ist Jude. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.