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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-20 · Heft 29 (20.7.1894) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 29 (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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' 'vpr-srcrj herzoglichen Oberschulkommisston unterstehenden höheren Lehranstalten beträgt die Zahl der jüdischen Schüler zur Zeit insgesammt 310. Da sich nun zufolge der Ergebnisse der letzten Volkszählung die jüdischen Einwohner des Landes auf 1635 belaufen, so kommt allerdings ein? jüdischer Gymnasial- oder Realschüler auf 5 bis 6 Einwohner seines Glaubens. Hierbei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, daß sich im Herzogthum zwei Lehranstalien, die Jacobsonschule zu Seesen und die Samsonschule zu Wolfenbültel befinden, die von sehr vielen nichtbraunschweigischen Israeliten besucht werden. In Seesen beträgt die Zahl solcher Fremdlinge 114 (von 130 jüdischen Schülern überhaupt), in Wolfenbüttel 102 (von 113 jüdischen Schülern überhaupt). Bringt man diese 114 -j- 102 — 216 von der Gesammtsumme 310 in Abzug, so bleiben nur noch 94 jüdische Schüler übrig. Es stellt sich demnach heraus, daß aus den diesseitigen höheren Lehranstalten ein dem braune schweigischen Staate ungehöriger Israelit erst auf 17 bis 18 jüdische Landeseinwohner entfällt. st. Leer, 13. Juli. Bor einigen Tagen wurde bei einem hiesigen jüdischen Schlächter Fleisch einer tuberkulösen Kuh beschlagnahmt. Ohne- Unterschied der Parteischattirung wurde dieses gewissenlose Gebühren von der Presse scharf gegeißelt. Aber im Lager der Antisemiten war man mit dieser Abfertigung nicht zufrieden. Vielmehr wurde das Gerücht verbreitet, daß man bei dem Fleisch der an der Tuberkulose erkrankten Kuh eine Kindesleiche gefunden habe. Schon munkelte man von einem Ritualmord. Aber der eifrigen Bemühung der Polizeiorgane gelang es alsbald, festzustellen, daß an dem ganzen Gerücht kein wahres Wort sei, und daß man dasselbe nur ausgestreut habe, um die wegen obigen Vorfalls entstandene Aufregung zu benutzen, die Geister, auf einander zu Hetzen. Die Verbreiter dieser Nachricht sind bereits ermittelt, und werden sich dieselben demnächst zu verantworten haben. Leider wird hier in der letzten Zeit von königlichen Beamten für den Antisemitismus energisch Propaganda gemacht, jedoch bis jetzt war der einsichtsvolle Theil hiesiger Stadt für den Sozialismus der Dummen nicht zu gewinnen. W. Remscheid, 15. Juli In einer Zeit, in welcher der Antisemitismus nicht nur die untere Schicht der Bevölkerung ergreift, sondern auch in höhere Kreise sich Eingang zu verschaffen sucht, verdient das Auftreten unseres verehrten Oberbürgermeisters Herrn von Bohlen rühmend hervorgehoben zu werden. Auf der Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung vom 20. Juni stand unter Anderem ein Antrag eines jüdischen Mitbürgers auf Ueberlassung eines Schulzimmers zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichtes. Der Herr Oberbürgermeister, als Vorsitzender fungirend, beginnt mit den Worten: „Herr L. hat in einem Schreiben sehr höflich gebeten, daß die Stadt gestatten möchte, daß an einem freien Nachmittag ein Schullokal zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichts benutzt werden kann. Sämmtliche Kosten tragen die Bittsteller, und es wird also nur gebeten, die Stadt möge die Hand dazu bieten, daß den jüdischen Kindern auch Religionsunterricht ertheilt werden kann. Ich unterstütze den Antrag ganz entschieden aus moralischen Gründen, aus Gründen, die in unserer eigenen Religion liegen, und aus Humanitätsgründen. Mir sind Menschen immer lieber, die in ihrer Religion unterrichtet sind, als die, welche keine Religion haben." Einige Stadtverordnete hegen wegen Annahme des Antrages Bedenken, indem sie meinen, daß die Stadt dasselbe auch für andere Religionsgenossenschaften thun müßte, und es mögen auch die Juden für sich selbst sorgen. Der Oberbürgermeister sagte aber: „Wir sind verpflichtet, für den Religionsunterricht zu sorgen. Es handelt sich darum, daß die Kinder nicht wie die Heiden aufwachsen, und insofern muß die Verpflichtung Allen am Herzen liegen. Wenn es uns nichts kostet, dann will es mir fast als eine antisemitische Strömung erscheinen, wenn wir den Leuten diesen billigen Wunsch nicht gewähren " Nachdem ein Redner glaubte, man könne doch den jüdischen Religionsunterricht mit dem katholischen zusammen lehren, da wir Alle an einen Gott glauben, meint der Herr Oberbürgermeister, daß diese Ausführungen wohl nicht ernst zu nehmen seien. Wir können uns doch nicht zu Richtern über einzelne Religionen machen. Verpflichtet sind wir ja zu Nichts, auch bitten unsere jüdischen Mitbürger nur bescheiden um ein Lokal. Nachdem nun auch noch ein Mitglied der Versammlung sich gegen den Unterricht am Sonntag ausspricht, und ein anderes Mitglied glaubt, daß der Sonntag nicht entheiligt wird, wenn Kinder Religionsunterricht erhalten, wird der Antrag mit allen gegen 2 Stimmen genehmigt. — Seit voriger Woche ertheilt Herr Lehrer Weingarten- Elberfeld bereits den Unterricht in einem Klassenzimmer einer hiesigen Volksschule Oesterreich - Ungarn. Q Wien, 16. Juli. Trotz der lebhaftesten Agitation der Antisemiten sind bei den letzten Wahlen in den benachbarten Städten fast überall die liberalen Kandidaten durchgedrungen; so wurde in Mürzzuschlag der bisherige liberale Vicebürgermeister zum Bürgermeister gewählt, das gleiche Resultat hatten die Wahlen in Traiskirchen, Baden, Heiligenkreuz, Tulla, Dürnkrut, Pottendorf und, trotz der heftigsten Agitation der Antisemiten, anch in Znaim, wo die liberalen Kandidaten überall mit glänzendem Erfolge durchdrangen. — Aus Korneuburg wird geschrieben: Gestern Abend fand in Swoboda's Saallokalitä en die gründende Versammlung des „Vereins der Bürger und Gewerbe» treibenden" statt, und wurde damit eine wirksame Abwehr der Thätigkeit der antiliberalen Wanderapostel in der ganzen Provinz eingeleitet. — Bei den letzten Ernennungen wurden zu Lehrern an Mittelschulen ernannt und befördert die Herren Dr. Leon Kellner, Dr. Werner, Siegmund Goldmann, Heinrich Löwy, Ferdinand Saxl, Hugo Skopal, Siegmund Brief u. v. A. Zum Oberarzt in der Armee wurde ernannt der Einjahrig-Freiwillige Siegesmund Landau. - Hofrath Nothnagel ist Dienstag Abend, anläßlich eines Konsiliums, in Budapest angekommen. Als er — so wird aus der ungarischen Hauptstadt telegraphirt — Abends den Speisesaal des Hotels „Königin von England" betrat, wurde er von den meisten Anwesenden sofort erkannt und mit lebhaften Eljenrufen begrüßt. Pros. Nothnagel dankte für diese unerwartete spontane Ovation Bei der Konversation berührte er auch den Antisemitismus und sagte: „Ich stehe schon lange im Rufe eines Philosemiten. Als ich vor mehreren Jahren das Präsidium des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" übernahm, war ich schon damals Gegenstand unliebsamer Demonstrationen an der Universität. Nichtsdestoweniger habe ich mich von meiner Ueberzeugung nicht abbringen lassen und verdamme nach wie vor Alles, was den antisemitischen Gesinnungen entspringt, denn ich halte dm Antisemitismus vom ethischen Standpunkte für dasselbe, wie den Anarchismus vom politischen und sozialen." Hierauf streifte Nothnagel auch die Angelegenheit der Wiener Rettungsgesellschaft, wobei er bemerkte, er habe nur seinem Freunde Grafen Wilezek zur Liebe das Richteramt übernommen. Weiter erzählte er auch, daß seine Wohnung in Wien von der Polizei überwacht werde, weil man fürchte, daß gewisse Elemente der Studentenschaft ihn insultiren könnten. — Inzwischen ist die Untersuchung der akademischen Behörde abgeschlossen. Sie hat selbstverständlich mit einer glänzenden Ehrenrettung für Nothnagel und gebührenden Strafen für die irregeleitete akademische Jugend geendet. Ob sie aber überhaupt nothwendig war? Das ist freilich eine andere Frage. — Eine interessante Berichtigungsklage fand vorgestern hier statt, welche der Reichsraths- Abgeordnete Dr. Bloch, vertreten durch Dr. Frischauer, gegen den verantwortlichen Redakteur des antisemitischen „Deutschen Volksblatt" erhoben hatte. Die Berichtigung, deren Abdruck das genannte Blatt verweigerte, bezog sich auf eine im „Deutschen Bolksblatt" veröffentlichte Erklärung des Pfarrers von Weinhaus, Dr. Joseph Deckert In der Berichtigung hieß es u. A.: „Es ist unwahr, daß ich von Pfarrer Deckert behauptete, daß Jeder, der mit ihm zusammenkam, begaunert wurde; wahr ist, daß der Artikel blos als bemerkenswerth hervorhebt, daß Katholik (Dilitz), Protestant (Jenny Zink) und Jude (Johann Tannenzapf), die das Malheur hatten, Deckert geschäftlich näher zu treten, übereinstimmend zu dem von Herrn Deckert mit einem drastischen Worte gekennzeichneten Urtheile gelangten. Es ist unwahr, daß ich behauptet habe, „Pfarrer Deckert stamme, wie alle Antisemiten, aus einer Verbrecherfamilie"; wahr ist vielmehr, daß ich der Meinung Ausdruck lieh, daß ein Mann der Oeffentlichkeit, wenn er blos zwei Brüder besitzt, von denen der eine wegen Entwendung anvertrauter Gelder wiederholt Strafe erfahren und der andere mehrfach per Schub expedirt worden ist, von dem guten Takt geleitet sein soll, über die angeblichen ererbten Laster der Juden kein hartes Urtheil zu sprechen. Es ist unwahr, daß ich behauptet hätte, „Pfarrer Deckert kann keinen hebräischen Satz lesen"; wahr ist vielmehr, daß ich mich erboten habe, 15,000 Kronen österreichischer Rente zu Gunsten der Kirche des heiligen Joseph zu spenden

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