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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-20 · Heft 29 (20.7.1894) · p. Seite 348

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 29 (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
Seite 348 (sequence 12)
Language
German
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schen Lehrer Hessen-Nassaus am 19. Mai in Dietz a. Lahn brachte, um einige Punkte meines Vortrags in jener Versammlung zu kritiflren. — Es ist jedoch sehr mißlich, über Meinungen und Ansichten Anderer abzuurtheilen, wenn man solche nur mittelbar erfahren, und dazu noch aus Bruchstücken einer Rede, deren Geist und Inhalt man gar nicht kennL Dies bestätigt auch Dr. K. Wie aus der nachstehenden Erörterung sich unwiderleglich ergeben wird, scheint derselbe den ganzen Bericht nur flüchtig gelesen und dadurch mich ganz mißverstanden zu haben. Meine Auseinandersetzung wird das merkwürdige Resultat liefern, daß wir in einem der zwei Punkte gar nicht so weit von einander abstehen, als Herr Dr. K. es meint. Dieser eröffnet seine Polemik mit der Behauptung, daß gegen meine Ansicht in Betreff der systematischen Glaubenslehre schon in der Versammlung selbst Widerspruch erhoben worden. Dies deckt sich mH ganz mit der Darstellung des Berichtes. Die darauf bezügliche Stelle lautet wörtlich: „Hiergegen machte Herr Greif-Schwalbach seine Ansicht dahin geltend, daß der Geist unserer heiligen Religion nicht durch den Pentateuchunterricht, wohl aber durch den systematischen Religionsunterricht in die Seele des Kindes einzuziehen vermöge Diese Behauptung rief allgemeinen Widerspruch hervor, sodaß die These zur Annahme gelangte: „Der systematische Religionsunterricht soll nur auf der Oberstufe an der Hand eines Lehrbuches ertheilt werden " Daraus erhellt, daß nur eine einzige Stimme gegen meine These war, die ganze Versammlung jedoch für dieselbe stimmte. Den ersten Angriffspunkt bietet dem Herrn Dr. K. meine Forderung; daß das mechanische Auswendiglernen aus dem Religionsbuche wegfalle. Herr Dr. K. schiebt mir daraufhin Ansichten unter, die sich gar nicht aus diesem Satze folgern lassen. Er meint, ich halte alles Auswendiglernen für unstatthaft. Dies ist aber durchaus nicht der Fall. Aus meinem Postulate geht deutlich hervor, daß ich nur das mechanische, d. h. maschinenmäßige, gedankenlose Memoriren ohne Verständniß des Inhalts verwerfe. Dann verpönte ich auch nur das Auswendiglernen aus dem Buche der systematischen Glaubenslehre. Herr Dr. K. dehnte dies aber auf den ganzen Inhalt der heiligen Schrift aus. „Alles Auswendiglernen ist mechanisch," so ruft Dr. K. emphatisch aus; aber mit Verlaub, Herr Doktor, das ist nicht richtig, nicht alles Memoriren geht gedankenlos vor sich, dies trifft nur zu, wenn der Schüler das, was er. zu lernen hat, nicht versteht. Sie begründen ferner Ihre Ansicht, indem Sie sagen: „Denn ob ich mich hinsetze und etwas so lange hintereinander immer wieder durchlese, bis es sich in meinem Gedächtnisse eingeprägt hat, oder es nur täglich oder wöchentlich einmal lese, bis ich es auswendig kann, ist doch im Grunde dasselbe." Aber nein, mein Herr, es ist nicht dasselbe. Im zweiten Falle ist es mehr ein so zu sagen dynamisches Auswendiglernen. Objektiv in Bezug auf das Ergebniß mag es wohl gleichgiltig sein, auf welche Weise man sich einen Gedankeninhalt aneignet, allein subjektiv in Beziehung auf den lernenden Schüler ist es nicht dasselbe. Das Parforee-Auswendiglernen verstößt nämlich gegen das Beharrungsgesetz der Seele, wonach dieselbe nur eine langsame, allmälige Veränderung durch Aneignung geistigen Stoffes verträgt und gegen eine gewaltsame Aufdrängung neuer Wiffenssubstanz mit Unwillen und Unlust reagirt. Den zweiten Angriffspunkt bildet der systematische Religionsunterricht. Nach meiner Meinung soll ein solcher, in geordnetem Zusammenhänge vorgetragener Unterricht in der Glaubenslehre erst auf der Oberstufe den reiferen Schülern ertheilt werden. Dagegen ereifert sich der Herr Rezensent und führt vier Gründe für seine Ansicht an Er meint, viele Schüler verlassen die Schule früher, ehe sie in die oberen Klaffen kommen; dann, die Oberstufe sei nicht mehr so bereit zum Auswendiglernen wie die Unter- und Mittelstufe; ferner habe die Oberstufe nicht mehr so viel Zeit, um die ganze Glaubenslehre zu bewältigen; endlich sei der Charakter auf der Oberstufe einer erziehlichen Einwirkung schwerer zugänglich. Gegen diese vier Gründe, die beweisen sollen, daß ein wissenschaftlicher Religionsunterricht schon auf der Mittel- oder sogar auf der Unterstufe zu beginnen habe, ließe sich viel sagen. Jedenfalls schwebte Herrn Dr. K. dabei das Bild eines größeren Schulwesens vor, ein Gymnasium oder eine Realschule erster Ordnung, in welchen der Religionsunterricht selbst in der Prima noch gegeben wird. Doch gleich darauf belehrt uns Herr Dr. K., daß er nur ein System von sechs Schuljahren vor Augen habe, und nach seiner Erfahrung die systematische Glaubenslehre schon mit dem vierten Schuljahre beginnen könne. Durch diese Feststellung des Zeitpunktes tritt der Herr Rezensent ganz auf meine Seite und billigt, was ich gefordert habe. Auch ich will ja gar nichts Anderes. In meinem Vorträge führte ich des Weiteren aus, daß es unverzeihlich, ja eine Sünde ist, Schüler die Lehre über Gott und seine Eigenschaften memoriren zu lassen, die noch nicht einmal korrekt lesen können und kaum einen kleinen Theil der biblischen Geschichte inüe haben. Meine Rede war daher mehr lokaler Natur und trug den ört^ lichen Verhältnissen Rechnung. Bei uns hier in Hessen-Nassau ist das Kind erst im 8. Lebensjahre religionsschulpflichtig. Mit Ausnahme der Stadt Wiesbaden, in welcher auch an den höheren Schulen jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird, erhalten an den anderen Lehranstalten unseres Regierungsbezirks die israelitischen Schüler nur bis zum 14. Lebensjahre Religionsunterricht. Wir haben daher nur einen sechsjährigen Kursus für die Religionsschule, der je nach Anzahl der Schüler und Lehrer in zwei, höchstens drei Stufen eingetheilt ist. Die Oberstufe bei uns beginnt demnach in der zweiklassigen Schule mit dem dritten, in der dreistufigen erst mit dem vierten Schuljahre Es ist also daraus ersichtlich, daß in diesem Punkte zwischen dem Herrn Rezensenten und mir gar keine Differenz besteht Mein Postulat, daß die Glaubenslehre in geordnetem Zusammenhänge erst auf der Oberstufe anfangen soll, trifft bei der dreiklassigen Eintheilung genau zusammen mit der Forderung des Herrn Dr. K., mit dem vierten Schuljahre zu beginnen, bei der zweistufigen dagegen bin ich ihm sogar mit einem Jahre voraus, denn da beginnt ja die Oberstufe schon mit dem dritten Schuljahre. Hätte der Herr Kritiker den Begriff „Oberstufe" zuerst definirt, dann würde vielleicht seine ganze Kritik weggefallen sein. Mir auf der Konferenz war eine Definition dieses Begriffes erspart, da die Anwesenden denselben aus unserem Schulorganismus wohl kennen. Indessen bin ich Herrn Dr. K. wirklich zu Dank verpflichtet, daß er mir Anlaß gegeben, die zwei Punkte: „Mechanisches Auswendiglernen und systematischen Religionsunterricht" näher zu beleuchten. Weilburg a. d. Lahn, 9. Juli. Dr. E. Landau. Sehr geehrter Herr! ie Erklärung des Herrn Rabbiner Dr. Kobak - Innsbruck über „Nächstenliebe" schien mir eine so hervorragende Beweisstelle der Priorität des alten Testaments über das Gebot der Nächstenliebe zu enthalten, daß ich in der That im Augenblicke des Lesens erstaunt war, daß ein so klarer und deutlicher Beweis bei der lebhaften und sachgemäßen Disputation über dieses vielumstrittene Kapitel nicht schon früher und entscheidender an die Oeffentlichkeit gelangt ist. Wenn der Gegner des Volkes Israel xai i§oyrjv, wenn der Aegypter ausdrücklich als rea bezeichnet wird, dann dürfte die Bibelstelle rDHKl mit einiger Berechtigung selbst als ein Gebot, den Feind zu lieben, sich erklären lassen, und die Gegner, welche dem biblisch-talmudischen Judenthum die Nächstenliebe ganz und gar absprechen, müßten einfach als erstaunliche Ignoranten gelten. Schade, daß mein freudiges Empfinden diesmal schon bei der Lektüre von meiner eigenen Frau gestört wurde. Sie, die gleich mir einen unantastbaren Beweis mit der lebhaftesten Gmugthuung begrüßt hätte, warf sogleich die Frage auf, ob nicht doch etwa die Stelle die Aufforderung enthielte, sich die kostbaren Geräthe von den Nachbarn zu erbitten, da bei der Eile des Fortzuges doch nur die nächsten Anwohner in Frage kommen konnten. Zunz übersetzt an. der Stelle „Freunde", Hirsch spricht von „Bekannten". Daß der einzelne Israelit einen guten Nachbar, Freund oder Bekannten unter den Aegyptern gehabt hat, ist durchaus wahrscheinlich; der Freund aus einem anderen Volksstamme steht aber unserem Herzen mindestens so nahe wie der fremdgebliebene Genosse des eigenen Stammes und kann darum sehr wohl rea genannt werden, auch wenn er ein Aegypter ist, aber auch nur dieser Freund dieser Bekannte. Meine kleine Frau war schließlich über ihre eigene Erklärung verstimmt, sie hätte so gern den unantastbaren Beweis gellen lassen. Genehmigen Sie, Herr Redakteur, den Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung Ihres ergebensten Brüssow, 17. Juni. Dr. med. Caspari. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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