Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Wie er mir später beschämt eingestanden, hat er mich damals für — einen Missionär gehalten. . . . Gleichviel, wir wurden gute Freunde und beim Abschiede versprachen wir, uns in Karlsbad öfter zu treffen. „Ich eff' bei Spiro!" rief er noch im Hinausgehen nach. Und so habe ich von der Existenz eines jüdischen Restaurants erfahren, dessen kundiger Leiter Herr Rafael Simon Spiro ist und das auch den strengsten Anforderungen der strengsten Orthodoxie völlig Genüge leistet. Dort versammeln sich allsommerlich unsere polnischen Glaubensgenossen, und dort habe ich denn auch eines schönen Mittags meinen Freund Feigenbock als Mittelpunkt eines ziemlich großen, vielgelockten Kreises wieder? gefunden, dem er allerlei heitere Schnurren und geistreiche Witze erzählte, in denen immer — wie er mir selbst freimüthig bekannte -7 die deutschen Juden (^sodlcenas Petach — Tatsch Naar) die Zielscheibe des Spottes bildeten. Sicherlich eine gerechte Rache für den unverdienten Spott, mit dem diese jene so oft zu kränken suchten! Die Erinnerung an Freund Jospe blieb noch lange in mir reg? und groß war meine Freude, als ich ihn im vorigen Jahre wieder in Karlsbad traf — freilich in sehr veränderter Situation: Er trug einen kurzen Rock; die Schmachtlocken waren gefallen, und eine goldene Brille verhüllte seine seelenvollen braunen Augen. Ich traf ihn diesmal als Zaungast eines Abendkonzerts bei Pupp!! Auch er schien erfreut, ohne jedoch eine gewisse Schüchternheit verbergen zu können. Als wir uns verabschiedeten, rief er mir noch nach: „Ich eff' bei Pisk." So wurden meine kulinarischen Kenntniffe abermals erweitert. Ich erfuhr nun, daß es auch ein Restaurant von Bermann und Pisk hier gebe, das den Anforderungen der ungarischen Orthodoxie in jeder Beziehung genüge und das sogar die hohe Ehre genieße, den Preßburger Rabbiner während seines Hierseins als Tischgast begrüßen zu dürfen. Auch dort habe ich Freund Jospe getroffen — aber nicht mehr als Mittelpunkt eines großen Kreises, sondern nur mit drei gleichgesinnten Spiro-Abtrünuigen. In der That, der Mann schien aus seinem Wirkungskreise gewaltsam entfernt worden zu sein. Und nun denke nian sich mein Erstaunen, als ich Herrn Jospe Feigenbock vor etwa acht Tagen, freilich ganz allein, bei Glattauer eintreten sah! Und abermals hatte er sich verändert: Statt der Brille trug er ein Lorgnon auf der Nase; statt des schwarzen Rockes ein' kurzes, graues Jaquet und auf den Füßen gelbe Halbschuhe. Wenn das so fortgeht, wird er sicher noch zum Gigerl, und ich zittere vor dem Gedanken, wo ich den Mann etwa im nächsten Sommer aufzusuchen haben werde. ... Aber er fühlte sich sichtlich nicht wohl in dieser Umgebung. Vielleicht schämte er sich auch ein wenig vor mir wegen seiner verschiedenen Metamorphosen in Tracht und Speisen. Als er fortging, nannte er mir kein neues Restaurant mehr. Und doch giebt es noch eins, das seinen eigenen Anforderungen hinsichtlich des strengen Rituals, wie den Anforderungen aller Kulturmenschen in Bezug auf Güte, Reinlichkeit und reiche Auswahl gewiß in vollem Maße zu genügen in der Lage ist, nämlich das unseres vortrefflichen Berliner Mitbürgers H. Ury, der ja allen religiösen Kreisen unserer Residenz so vortheilhaft bekannt ist, daß er meiner Empfehlung wahrlich nicht bedarf. In der Thatsache, daß Freund Jospe das Restaurant unseres braven Ury förmlich übersprungen und von Pisk direkt zu Glattauer übergegangen ist, liegt aber eine tiefe kulturgeschichtliche Erkenntniß. Ich habe hier nicht die gute Ruhe noch die Muße, um die logischen Schlüffe aus diesen Wandlungen meines Freundes, der in Deutschland wahrscheinlich nationalliberaler Abgeordneter geworden wäre, zu ziehen; auch ist hier nicht der Ort dazu — ein anderes Mal und an anderer Stelle! - Für heute will ich nur noch mit einer kleinen Geschichte schließen, die mir ein durchaus wahrheitsgetreuer Herr aus Wien, der mein Tischgenoffe ist, erzählt hat, als ich ihm von meinen Wanderungen und Wandelungen mit Jospe Feigenbock berichtete. „Da kann ich Ihnen mit einer komischen Episode aufwarten," — sagte er — „ich war gestern im Sinfoniekonzert im Posthof. Es wurde gerade ein schönes Biolinsolo vorgetragen, im ganzen Garten herrschte tiefe, feierliche Ruhe — da erregte plötzlich ein seltsames Geräusch die Aufinerksamkeit sowie den Unwillen aller Gäste rings um unfern Tisch. Was war passirt? Eigentlich nur sehr wenig — aber für Karlsbad genug. Ein Herr hatte sein Monokle fallen lassen und lief beschämt davon, als dieses in tausend Splitter zerbrach. Und wissen Sie, wer dieser Herr war? Ihr gewiffer Freund Jospe Feigenbock!!" Ich habe dieser, wie gesagt, durchaus wahrheitsgetreuen Geschichte absolut nichts hinzuzufügen. 6. K. Litterarische Mitteilungen. ---- I. v. Rothschild. Jugend-Gedanken, aus den Heften eines jungen Mädchens. Dritte vermehrte Auflage. Frankfurt a. M. 1894. I Kauffmann. Die Bildung des Volkes, der untern Stände, war die große Aufgabe, die der unsterbliche Pestalozzi sich gestellt hat; die Bildung der höheren Stände ist ein Problem für einen neuen Pestalozzi: die wahre Bildung, die zugleich Erziehung wäre. Bei der Erziehung der untern Stände hat man den Egoismus zum Bundesgenossen: der beste Bundesgenosse bei allen höheren Bestrebungen. Einen besseren Diener als die Selbstsucht kann sich die Moral gar nicht wünschen, nur darf die Selbstsucht nicht zum Herrn avanciren. Der Egoismus der untern Stände steht aber ganz und voll auf Seiten derer, die durch Erziehung und Bildung das soziale Elend bekämpfen wollen. Hat das Volk erst die Einsicht erlangt, daß man durch Erziehung und Bildung jede soziale Stufe ersteigen könne, dann strebt es selbst nach Erziehung und Bildung. Pestalozzi hatte allerdings unter Anderem auch mit dem Unverstand des Volkes zu kämpfen, das sich damals noch nicht auf seinen Vortheil verstand. Auf seinen Vortheil lernt aber der Mensch bald sich verstehen. Auch steht der Volksbildung die Staatsgewalt zur Seite. Wie erzieht man aber die höheren Stände zur wahren Bildung? Wahre Bildung der höheren Stände ist — Demuth, Hingebung, Selbstbeherrschung Entsagungsfähigkeit, Bescheidenheit, Herz für das Elend, Menschenliebe: alles dies bat den Egoismus gegen sich, es muß schon ein sehr hoher und veredelter Egoismus sein, der seine Befriedigung in diesen Tugenden findet. Hier ist die Aufgabe der Erziehung viel eher zu lösen, weil Selbstsucht und Eigenliebe in der Erziehung mehr den Tyrannen als den Wohlthäter erblicken. Hier ist das Interesse schwerer zu fesseln, welches auch in seinen edelsten Elemenren nie ganz rein vorn Egoismus, vom „Ich" sein kann. Diese Aufgabe der Pädagogik. die Pädagogik der obern Zehntausend, ist in ihrer wesentlichen Bedeutung noch kaum erkannt, geschweige gelöst, und jeder Beitrag zu dieser Lösung ist von der größten Wichtigkeit. Einen solchen Beitrag zur Pädagogik der höhern Stände liefert die Frau Baronin James von Rothschild in ihrem Buche: „Jugend-Gedanken, aus den Heften eines jungen Mädchens", welches in dritter vermehrter Auslage vorliegt. Jedem Lehrer einer Dame von Familie wird dies Buch ein höchst lehrreicher Wegweiser sein. Ist der Titel: „Aus den Heften eines jungen Mädchens" nur literarische Licenz, so hat es die Frau Baronin vorzüglich verstanden, sich in den Geist der Mädchenjahre hineinzuversetzen. Sind die Aufsätze des vorliegenden Buches aber wirklich — Mädchen- Arbeit, so kann man den Beitrag, den die Verfasserin mit Veröffentlichung dieser Aufsätze der Pädagogik liefert, gar nicht hoch genug anschlagen, weil der Erzieher der edlen Verfasserin alle Ursache hat, mit seinen Erziehungs-Resultaten zufrieden zu sein. Veröffentlichung dieser