Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
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345 V. Es war ein schöner Maitag. Die Sonne brannte nicht, sie küßte blos die Welt mit ihren ruhigen, sanften, glänzenden Strahlen. Wälder, Wiesen und Felder erwachte» aus ihrem Winterschlafe, sich in grüne, fröhliche Gewänder hüllend. Die Luft war vom Dufte der Veilchen, des Flieders und mannigfaltiger Frühlingspflanzen erfüllt, sie war voll des Gezwitschers der Vögel, der wiederhaüenden Gesänge und der Zurufe der Feldarbeiter. Aber in lebloser Ruhe schlief das Städtchen Zapiecko. Ist doch der Samstag der einzige Tag, an dem sich die arbeitsamen jüdischen Müßiggänger einen morgenländisch wonnigen Hochgenuß gönnen, den der langen, trägen Ruhe. In den engen, übelriechenden Stübchen wärmte sich unter Federbetten die ehrenfeste Bürgerschaft des Ortes. Am Ring- und Marktplatze war es einsam und stille, fehlten doch die einzigen Motoren des Handelverkehres; in den Seitengäßchen des Fleckens herrschen eine erdrückende Schwüle, Schmutz und starres Schweigen. An der Ecke solch eines Quergäßchens erhebt sich ein niedriges, schmales Gemach. Seine Wände, die einst gelb gewesen sein mochten und heute von einer schmutzigen Lehmfarbe starren, tragen ein scheckiges Dach, wo neben schwarzen Schindeln sich grünes Moos und manch weiße Latte breit machen; die Fenster, zweimal im Jahre gereinigt, niachen den Eindruck von Gläsern, die soeben vom Photographen benützt worden waren. Den Kern dieser Schale bildet eine kleine Stube, der wichtigste Punkt des Städtchens. Es ist dies das Bethaus der Chassidim. Jetzt ist es ziemlich leer und sieht nicht gar feierlich aus. Von der Stubendecke hängen zwölfarmige Messingleuchter so tief herab, daß sie den Durchgang stören; am Boden kreuzen sich Bänke, Stühle und Tische, daß sie ihrerseits die Passage hindern. Am zierlichsten erscheint die Ostwand. Die Mitte derselben nimmt ein Schränkchen ein, an dessen Spitze, aus vergoldetem Holze geschnitzt, die zehn Gebote thronen; neben den Thüren befinden sich Säulen in Marmorimitation, welche von rothen Löwen gehalten werden. In diesem Schranke befinden sich die Gesetzesrollen. Die Thürflügel sind von einem seidenen Vorhänge verhüllt, an dem der „Schild Davids", zwei verschlungene Dreiecke aus goldener Litze auf grünem Grunde glänzen. Rechts von diesem Sanctissimum, der „heiligen Lade", steht ein bis zur halben Manneshöhe reichendes Schränkchen, der eigentliche Hochaltar, an dem der „Chasan" die Gebete verrichtet. Es birgt die Gebetbücher und die Kerzen, welche der Obhut des Tempeldieners, Schames, anvertraut sind; oben hat das Schränkchen einen schräg abfallendenTheil für das Gebetbuch desVorbrters, etwas höher eine gerade Fläche, worauf die Leuchter stehen; dort glimmt auch in einem mit Ocl und Wasser gefüllten Glase ein Docht für irgend welche fromme Seele! An der Wand aber, vor den Augen des Betenden, hängt das Bild „Mizrach". Es ist dies ein Meisterwerk der Malerei und Bildhauerkunst. In weißem Papier ausgeschnitten, mit Wasserfarben bemalt und dann auf rothes Papier geklebt, stellt es einen Adler und Vögel vor. von denen keine Zoologie weiß, dann irgend etwas an Löwen und Tiger Erinnerndes, welche die Schweife in den Mäulern halten, und phantastische, keinem Botaniker bekannte Blumen. Diese Arbeit war das Werk von Jizchak Grass Messer und Pinsel. Längs der beiden Seitenwände ziehen sich die für die hervorragendsten Mitglieder des Bethauses bestimmten Bänke; Bänke giebt es überall, an jeder Wand und um den die Mitte des Saales einnehmenden Tisch, vor den Bänken aber stehen hohe, schmale, zweifüßige Geräthe, theils an Schulbänke, theils an Notenpulte niahnend Auf diesem Pulte hält jeder Bürger sein Buch während des Gebetes, in die Oeffnung aber legt er seine Kopfbedeckung, beziehungsweise Habbath-Pelzmütze und sein Schnupftuch, wenn er sich eines solchen bedient. Sehr wichtige Bestandtheile des Gotteshauses sind: ein riesiger Ofen, mehrere mit dem Text verschiedener Gebete bedeckte Blätter und an der Südwand ein — zur allgemeinen Benutzung bestimmte Talniudbände von erschreckendem Umfange enthaltendes — Schränkchen. (Fortsetzung folgt.) Karlsbader Briefe. i. . Karlsbad, im Juli. (ZH^^ein Freund Jospe Feigenbock aus Bialystock (an der schönen Alliteration bin ich durchaus unschuldig) hat vollkommen Recht: Wer einmal nach Karlsbad gekommen ist, der kommt, freiwillig oder nicht, doch immer und inimer wieder hierher. Und auch darin hat niein polnischer Freund Recht: Man kommt nicht gern her, man ist aber gern hier und geht doch wieder gerir fort! Diesen pilpulistischen Widerspruch erkläre, wer da kann — genug, er besteht. Und so sitze auch ich wieder in meinem lieben Karlsbad und trinke Marktbrunnen und lasse mir jüdische Witze erzählen und laufe viele Kilometer Weges und esse bei Glattauer, wo die jüdische haute volee sich allsommerlich ein Rendezvous zu geben Pflegt. Wenn nach einem witzigen Ausspruch der Hirschensprung eigentlich nur eine Sage ist, durch die die Karlsbader Kurtaxe in sinniger Weise poetisch verklärt wird, so ist Glattauer dagegen sicherlich eine reale Wahrheit, durch die das jüdische Leben hier wirksam illustrirt wird. Man trifft da Glaubensgenossen aus aller Herren Ländern friedlich oder auch schiedlich vereint; man hört über die Lage der Inden in den verschiedenen Staaten Neues und Wichtiges; man macht Bekanntschaften und erneuert alte Bündnisse; man schwatzt, man lacht — und was die Hauptsache bleibt — man ißt sehr gut. Das geht so alle Jahre seinen alten Gang — nur diesmal ist für mich eine sehr bemerkenswerthe Neuerung vorgefallen. Eines schönen Mittags — ich studirte gerade die lange Speisenkarte zum zehnten Male auf und ab — da trat auch mein oben gemeldeter Freund Jospe Feigenbock aus Bialystock bei Glattauer ein und legte seinen Ueberzieher ab und setzte sich an einen Stamm-Tisch, von wo er mir freundlich zunickte. Ich aber traute meinen Augen nicht; es dauerte lange, bis ich mich dessen versichert hatte, daß das wirklich mein polnischer Freund sei, und nachdem ich mich dessen versichert hatte, fing meine Verwunderung eigentlich von vorn an. Was war aus meinem Freunde in der Reihe der Jahre geworden? Vor vier Jahren war es, daß ich ihn in der Wandelbahn eines Durchgangswagens auf der Strecke Berlin-Karlsbad kennen lernte. Er trug damals noch einen langen Chlat und kühn geringelte Peies; er war in Begleitung seiner jungen Frau, die damals gleichwohl schon hundertfünfzig Kilo Liebreiz nach Marienbad schleppte; er sprach wenig, trank viel und aß noch mehr während der Reise. Als ich ihn zuerst bemerkte, verrichtete er gerade sein Minchagebet. Ich sprach ihn an und erhielt kurze, aber bestimmte und meist sachliche Antworten. Nur als ich auf jüdische Angelegenheiten zu sprechen kam, wurde er einsilbig, ja schließlich sogar stumm. Ich bemerkte, daß er gegen mich Mißtrauen hege. Und das war auch in der That so.