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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-20 · Heft 29 (20.7.1894) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 29 (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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Ist er es, so hat er doch gewußt, daß Adam und Eva vom Apfel kosten nnd sündigen würden? Zu welchem Zwecke hat er sie dann ins Paradies gesetzt, warum hat er erlaubt, das die Schlange sie in Versuchung führe? Um Gelegenheit zu haben, seine Flüche auf sie zu schleudern und die Menschheit ins Elend zu stürzen?.. Hat aber Gott das Alles nicht voraus gesehen, ist er dann vollkomnien zu nennen? Woher schöpfte aber der junge, noch keine vollen dreizehn Jahre zählende Talmudist solche Gedanken? Woher? Die Frage, auf welchem Wege er zu diesen Zweifeln und Urtheilen gelangt sei, hätte Jizchak gewiß nicht zu beantworten gewußt. Weiß er eS denn, wie die Bilder entstanden waren, die ihm so lange schon im Kopfe wirbeln? Weiß er es, woher die Gedanken kamen, die ihm so lange schon im Kopfe wirbeln? Weiß er es, woher die Gedanken kamen, die gleich Vögeln mit mächtigem Flügelschlag an seine Brust klopfen, ihn umbrausen und zum Fluge emporstreben? Er weiß blos, daß ihm sehr wehe ist, denn sein Geist hat keine Rübe, keinen Frieden. Und was wird daraus werden? ' Wie er so saß, seinem Sinnen sich überlassend, ward cs in der Chederstube plötzlich still. „Was ist geschehen?" frug er. Nichts Ungewöhnliches. Der Lehrer, müde und erschöpft, dabei auch etwas angetrunken, war am Tische eingeschlafeu. Die Knaben begannen sich gegenseitig zum Zeichen des Einverständnisses zu stoßend Der Melamed schnarchte bereits laut, das Kinn auf seine Faust stützend, welche auf einem Folianten ruhte; da zog einer der näherstehenden Schüler leicht und unversehens das Buch hervor, die Faust des ehrbaren geistigen Vaters verlor den Haltepunkt und er schlug mit der ganzen Wucht seines Kopfes an den Tisch, daß die Zähne klirrten. Er sprang in die Höhe, uni ihn her aber ertönte unterdrücktes Gelächter. 7 „Ihr Halunken, Lumpen. Räuber," polterte er. „Wer hat das! gethan? Sagt, denn ich erschlage Euch!" Jizchak war über diese Szene empört. Er näherte sich, als wollte er diese Frage beantworten, aber rasch zog er sich zurück. En schämte sich, den Angeber zu mache». : „Jizchak, Jizchak," hatten die Kollegen flehend gemurmelt, als! sie seine Absicht merkten. „Jizchak," schrie der „Rebbe" heftig. „Bist Du es, Lumpenkerl!"' Jizchak war entrüstet. „Aber, aber," stammelte er, doch schon befand er sich in den Krallen des wuthentbrannten Pädagogen. : „Ich bin nicht schuldig, Rebbe, ich bin nicht schuldig!" rief er. - „Ich kenne Dich, Du Hundssott!" donnerte der Melamed, den Knaben aus Leibeskräften dreschend und zausend. Jizchak riß sich los, lief ins Freie und weinte bitterlich. „Wo ist die Gerechtigkeit?" wiederholte er. Die erlittene Unbill schmerzte ihn tief, aber noch mehr kränkte ihn die Niederträchtigkeit der Kollegen. Keiner hatte sich seiner angenommen, Viele freuten sich sogar. „Vielleicht ist das die Strafe für meine Sünde?" sagte er sich mit der Logik eines halbwüchsigen Finsterlings. Wieder begann er über seine Sünden zu grübeln, und endlich brach er in Zorn gegen sich selbst aus. „Ich niedriger Verbrecher!" rief er.- „Spott und Schande über mich; ich unterstehe mich, an dein zu zweifeln, woran unsere Vorfahren, unsere Gelehrten und Heiligen geglaubt haben! Ich wage es, nach dem zu forschen, was mit dem Siegel des Geheimnisses verschlossen' bleiben muß!" Er begann nachgerade selbst zu glauben, daß ihn ein BöferJ Geist besessen hätte. Diese Annahme entsetzte ihn; er zitterte um: sein Leben und um sein Seelenheil. Es kann nicht anders sein, das ist der Satan, der ihn versuchen will, das werden alle Frommen und Großen in Israel bestätigen ... er selbst weiß es auch sehr gut. ist doch sein Kopf genügend „geschärft". Jizchak weinte beim Gebet in der Synagoge, er schlug sich in die Brust und fastete. . . Aber vor seinen Augen schwebte es fortwährend, warunl das, warum? Und gegen seinen Willen, gleichsam im grausamen Widerstreit mit seinem Ich — setzte ein ihm innewohnender Geist dieses „Warum" an jede religiöse Handlung, an jedes Gebot, jede Vorschrift. Jetzt näherte sich gerade für ihn ein wichtiger, ein feierlicher Tag, der Tag der Einsegnung. Der Vater sollte im Tempel über ihn das „Baruch scheputranu “ aussprechen. „Dank dir Gott, daß ich seiner los geworden" vor nieinem Gewissen, daß er fortan im Himmel seine Sünden selbst verantworten wird, während bis jetzt diese Last auf mir ruhte. Jizchak war der Verzweiflung nahe. Voll Angst dachte er an die bevorstehende Mündigkeit seines Gewissens. Wie wird er die „Tefillin" auf diesen Kopf setzen können, in dem es von ketzerischen Gedanken brodelt. O, wenn sie nur das zerbrechliche Gefäß sprengen wollten! Doch bald sollte sich der blutjunge Ungläubige überzeugen, daß Gott seine Lieblinge nicht vergißt. In sein Städtchen kehrte ein Zaddik, ein Wunderthäter, ein. Schon längst hatte Jizchak von ihm gehört, als von einem Vertrauensmaiine der Vorsehung, er hatte von seinen Wundern, von seinem Einflüsse iu den himmlischen und seiner Macht in den irdischen Kreisen gehört. Mit demüthiger Verehrung. voll fanatischer Begeisterung sprachen von ihm seine Nächsten und alle Anderen; so hatte Jizchak diese Empfindungen mit der Muttermilch, mit dem täglichen Brode eingesogen. Jetzt war es ihm klar und ersichtlich geworden, daß der Zaddik thatsächlich alle Weisheit der Erde inne habe, daß er wirklich eine Sonne sei, von der ein gewaltiges Licht ausströme. Der Zaddik sprach beim Festniahle eine mystische Predigt über den Satz „Israel, du bist ein erkorenes Volk." Jizchak verstand beinahe Alles; er war von der Rede durchdrungen, berückt, fieberhaft erregt, er hatte nun alle Geheimnisse der von Gott gelenkten Lebensmaschine begriffen. Endlich hatte er die Antwort. „Gott," so lautete dieses System, „erschuf die ganze Welt. Aber unter allen Völkern erwählte er sich Israel, um es dem Heile und dem Glücke zuzuführen. Um sich aber von der Treue seines Volkes zu überzeugen, stellt er es öfters auf die Probe, und zum Beweise seiner Liebe gab er ihm die Thora und sechshundert dreizehn Gebote „tarjag mizwot“, auf daß die Frommen sie erfüllen, und zum Lohne für dieses Verdienst ins Paradies, zu ewigem Glücke eingehen können." Diese Anschauung bewahrte ihn vor dem Abgründe, an dessen Rande er bereits gestanden hatte. Er entbrannte eines edlen Feuers. Er betete eifrig und behütete alle Vorschriften des Gesetzes gleich seinem Augapfel. Und an dem denkwürdigen Tage, wo er sein dreizehntes Jahr vollendete, versöhnte er sich mit Gott. Im Gotteshause, neben dem Hochaltäre, gelobte er nebst einigen seiner besten Freunde ewige Treue den Gesetzen Mosis und der Rabbinen. „Nie werde ich Schweinefleisch berühren, nie werde ich die Seitenlocken scheeren, nie will ich dem Baal oder Moloch dienen." wiederholte er mit festem Vorsatze; „dafür, 0 Herr der Welt, halte mir auch den Bund, laß mich den Messias erleben, oder schenke mir nach dem Tode dreihundertundzehn Welten." Und nach diesem Gelöbniß fühlte er sich rein nnd in glückseliger Stimmung.

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