Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228070--50975-3273813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
343 feiten zu schützen und in fürsorgender Voraussicht jede Veranlassung zu denselben zu entfernen; sie erkannten, daß eine solche Gesammtvertretung ihnen Halt und Stärke nach innen, aber auch kräftigen Schutz nach außen verleihe. Diese Gesammtvertretuug wird bald mit dem Namen der Vier-, bald mit dem Namen der Fünf-Länder- Syuode bezeichnet; es ist aber ein und dieselbe Synode, welche bald unter dem einen, bald unter dem andern Namen angeführt wird. Klein- und Großpolen wurden nämlich oft als ein Land angesehen und in diesem Falle die genannte Vertretung als Vier-Länder-Synode bezeichnet, oft wurde die Ukraine und Rußland ebenfalls zusammengefaßt, daher die Synode manchmal auch die Drei-Länder-Synode genannt wurde. Es mag wohl recht mühsam gewesen sein, ein solches Zusammenwirken aller Länder des Polenreiches herbeizuführen, aber einmal geschaffen, erwies sich diese Institution als eine nicht zu entbehrende und wohlthätige. Der Wirkungskreis, der dieser Generalsynode übertragen, und die Machtvollkommenheit, mit der sie ausgestattet war, waren umfassendster Art. Die letzte Enscheidung religiöser Fragen, Schlichtung von gefahrbringenden Zwistigkeiten, die Repartition der Staatssteuer auf die Gemeinden, endgiltige Entscheidungen in Rechtsfragen, Anordnungen zur Abwehr drohender Gefahren, Prüfung des Inhalts von Bücher», die dem Drucke übergeben oder deren Verkauf erlaubt werden sollte, gemeinsame Maßnahmen, um die Leiden der Glaubensbrüder zu mildern, bildeten die Gegenstände ihrer Verhandlungen. (Schluß folgt.) W - , . -...- . MMWIMUMIMWllMILIMlllWMIMUUMlMMMMIMÜMMMlllMWMlM H 1— MIMW MnWM 1 FEUILLETON M | I 31 «2» — MUMM ■11 Ver Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) ber dieses Gespräch schuf ihm einen traurigen Ruhm in der kleinen Gemeinde; er galt als ein vom unreinen Geist besessenes Kind. Mit dieser bloßen Frage hatte er ja eine scheußliche, ungeahnte Sünde begangen! Wie kam dieser Entartete in die fromme Familie Graf? Die Mutter drückte ihn an sich und küßte ihn. „Kind, mein süßes, was ist Dir eingefallen?" Der Vater beschloß, seinem Einzigen selbst den heiligen Unterricht zu ertheilen, um ihn gegen die Macht des Teufels bester zu wappnen. Der kleine Jizchak ließ Alles mit sich geschehen. Viel hörte er nun von Hölle und Teufel, träumte von Pech und eisernen Maiskolben, welche einst den Sündern zu Theil werden; es erzählte der Vater und der Belfer davon; von de» schrecklichen Gerichten und Strafen hörte er genug von seinen Kameraden. Während des Unterrichts wiederholte der Lehrer unermüdlich mit seiner donnernden Stimme die Eigenschaften Gottes; wie groß ist er, wie gerecht, mächtig, furchtbar und rächend, wie durchdringt er den Menschen und vergiebt ihm nicht einmal einen bösen Gedanken. Da zitterte das Kind, es erwachte jäh ans dem Schlafe, aber die bösen Gedanken huschten doch oft durch seinen Kopf. Als er zum höheren Melamed übergegangen war und die Gemara zu studiren begann, da hatte er es sehr gut. Dieser Unterricht beruht nämlich auf dem Hinstellen und Zergliedern talmudischer Fragen. Jizchak durfte daher fragen, und der Lehrer rühmte seinen Eifer und seinen Scharfsinn. Aber nicht lange währte dieses Glück. Auf jede Frage hatte der Melamed eine fertige Antwort in der Mischna; eine Erklärung, genau in die Zwinge des talmudischen oder biblischen Textes geschraubt. Jedoch nicht diese Ketten allein hingen bleischwer an dem Geiste des hoch aufstrebenden Knaben; der Achtjährige begann den Talmud zu studiren. Und welche Fragen behandelt der Taliuud? Vorwiegend beschäftigte er sich mit Gesetzgebung, untersuchte das Ehe-, Straf- und Civilrecht. Diese Gesetze vom sittlichen und dogmatisch-religiösen Standpunkte betrachtet, mit all ihren Komplikationen und Verzweigungen, sollten die geistige Nahrung, das tägliche Brod des Kindes bilden, während sie gegenwärtig dem reifen, vorbereiteten Geiste als Gegenstand des Nachdenkens dienen. In dieser riesigen, trockenen Wüste erschienen wohl von Zeit zu Zeit gleich entzückenden Oasen schöne Parabeln, mit dem farbenprächtigen Bilderreichthum des Morgenlandes geschrieben, und sie erweckten die Phantasie, gaben den Gedanken Nahrung. Aber nicht für lange Zeit. Eine andere Strömung hatte seinen Geist erfaßt. An einem Samstagnachmittage saß der elfjährige Graf vor der Hausthür. Hier löste sich ihm die Zunge, denn 31t Mittag hatte er fette Kugel gehabt, nach dem Esten hatte er die glänzende „Drufche" eines durchreisenden „Baldarschon" (Prediger) angehört, und gegenwärtig verspürte er einen recht guten Appetit. „Mamme," sagte er, ich habe Hunger." „Warte, Du Fresier," erwiederte sie; „ich kann Dir Butterbrod geben, aber erst in einer Stunde." „Warum nicht jetzt?" „Es sind noch keine sechs Stunden, seitdem Du Fleisch gegeffen." „Und warum darf ich vor sechs Stunden kein Fleisch essen?" „Darum, weil es eine Sünde ist, weil man nicht darf." „Warum ist es eine Sünde, warum darf man nicht?" „Weil Gott es verboten hat." „Warum hat es Gott verboten?" Die Mutter blieb einen Moment die Antwort schuldig. „Ich Hab' heute gesehen, wie ein Gassenjunge gefressen hat Butterbrod mit Wurst." „Schweinefleisch brr ... Siehst Du, weil er kein Jude ist, darf er, wir aber sind Juden, uns ist es nicht erlaubt." „Warum aber, warum?" Die Mutter wurde heftig, er steifte sich auf das Seinige. Das Zureden seiner Mutter leuchtete ihm nicht ein. Das Kind wurde finster, seine Stirn faltete sich vorzeitig, und die Augen durchflogen rastlos die Blätter seiner Lehrbücher. Wenn sie doch finden sollten... Im Cheder hielt er sich von den Kameraden entfernt, nahm keinen Antheil an ihren Spielen und Posten. Wenn sie an Winterabenden einen riesigen Schneemann formten und ihmeine brennende Kerze ins Maul steckten, saß er im Bethamidrasch beim Ofen und murmelte die Abhandlungen der Rabbiner. Dies verschaffte ihm viele Feinde. Bei dem flackernden Lichte der Talgkerze saßen alle Schüler an langen Winterabenden um den Tisch. Trüge, sich den Schlaf aus den schweren Lidern reibend, büffelte ein Theil an irgend einem talmudischen Abschnitt, Andere spielten in einer Ecke mit „Knöpfen." Jizchak faß mit einem zweiten Volontär an der Wand, vor sich am Koffer hatte er talmudische Folianten liegen, und vergeblich zerbrach er sich den Kopf über einem Problem, das seit längerer Zeit gleich einem großem Fragezeichen vor seinem Auge schwebte. Ist Gott allmächtig und allwissend, oder nicht?