Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228070--50973-3273811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
341 Nach Wiedereröffnung der Sitzung nahm die Berathung der Thesen ihren Fortgang. Eine von der Kommisston vorgeschlagene These, welche die methodische Behandlung beim Bibellesen festlegen will, wird von Fabisch-Göttingen und Stern-Hildesheim bekämpft, von Sommer und Meier-Hannover aber empfohlen, in der darauf folgenden Abstimmung aber verworfen. These 4 (5 der Kommission) wird, nachdem Fabisch formelle Bedenken gegen dieselbe erhoben, Sommer-Hannover, Selig-Emden und Eckmann-Nienburg dieselbe aber empfohlen haben, angenommen. Hierauf wurden, nachdem die vorverzeichneten Thesen im Ganzen angenommen waren, die gestern abgebrochenen „freien Besprechungen" wieder fortgesetzt. Fa bisch-Göttingen tadelte das Fernbleiben einer großen Anzahl von Kollegen von dem gemeinschaftlichen Mahle, besonders aber das Sichfernhalten der Kollegen aus der Stadt Hannover. Goldschmidt-Geestemünde kommt auf die Frage des Slimmrechts der jüdischen Beamten zu sprechen und fordert die Kollegen im Interesse ihrer sozialen und rechtlichen Stellung auf, dasselbe geltend zu machen. Levy-Norden und Selig-Emden befürworten dieses; Fleischhacker- Harburg glaubt, das Gesetz stehe dem entgegen; seine Zweifel werden indessen durch eine von N oßkamm-Diepholz verlesene Verfügung des dortigen Landrathsamts beseitigt, dazu noch bemerkend, daß Gemeindeabgaben von den Beamten trotzdem nicht erhoben werden können. Spanier-Stolzenau bespricht die noch nicht erfolgte Gleichstellung oer jüdischen Lehrer mit ihren christlichen Kollegen und schlägt vor, an einem noch näher zu bestimmenden Tage in Nienburg zusammenzukommen, um dort über die event. Absendung eines an die Königliche Regierung zu richtenden Gesuches zu berathen/ Apt-Emden bittet, die Thesen der zu haltenden Vorträge schon vor der Konferenz den Mitgliedern des Vereins zu übersenden. Stern-Minden beklagt die von den Gemeinden bei Anstellung ihrer Lehrer noch oft üblichen Klauseln und bittet die anwesenden Herren Landrabbiner, solche Vorbehalte nicht zu gestatten; ebenso wendet sich derselbe gegen das vermeintliche Recht der Schulvorstände, in den Unterricht eingreifen zu dürfen. Dr. Gronemann erwiedert hierauf, daß die Regierung in der Regel von der Gemeinde gemachte Vorbehalte über Kündigungsrecht rc. nicht anerkenne, auf besonderen Antrag jedoch unter Prüfung der jeweiligen Verhältnisse solchen Vorbehalten ihre Genehmigung ertheile. Levy-Norden bemerkt noch, daß dem Schulvorstande eine Einmischung in die inneren Verhältnisse der Schule nicht zustehe. Bachrach-Ahlem wünscht bei eintretenden Stellenvakanzen im Hannoverschen eine größere Berücksichtigung der in der Provinz angestellten Lehrer. Nachdem hiermit die Tagesordnung erschöpft war, wurde beschlossen, die nächste Konferenz am ersten und zweiten Pfingsttage 1895 in Hannover abzuhalten; die Aufstellung der Tagesordnung bleibt dem Vorstande Vorbehalten. Für die Mühewaltung und unparteiische Leitung der Konferenz sprach noch Spanier-Stolzenau dem Vorstande den Dank der Versammelten aus, und mit dem Wunsche : „Auf frohes Wiedersehen im nächsten Jahr!" trennte man sich. Die Schriftführer: K.Roßkamm -Diepholz. S. Goldschmidt -Geestemünde. 'Oft* Die Mer-Fander-Synode. Von Rabbiner Dr. S. Bäck in Lissa. t ein Auge blickt so scharf als das des Haffes, und die Umriffe keines Bildes nehmen es an Schärfe mit dem auf, welches der Haß entwirft, aber das Urtheil, welches der Haß auf Grund des entworfenen Bildes, die Schlüffe, die er aus demselben zieht, sind falsch^ Haman, dieser Prototyp aller Judenhaffer, will den persischen König für seine boshaften Pläne gegen die Juden gewinnen und stellt sie ihm als ein Volk dar, das zusammenhanglos, zerstreut und gesondert unter den Stämmen der Länder seines großen Reiches lebt. Mit dem Scharfblicke des Haffes hat er in wenigen Linien und Rissen eine Zeichnung des jüdischen Volkes geliefert, der eine gewiffe Wahrheit nicht abgesprochen werden kann. Das jüdische Volk ist in der That bis in seine vereinzelten Theile über die Erde zerstreuet, unter alle Völker versprengt und verschwindet doch nirgends unter denselben. Aber der Schluß, den Haman daraus zog, daß es darum den Juden an Liebe zum Könige und zum Vaterlande fehle, daß es der Vorschriften des Königs nicht achte, war eine bewußte Fälschung. Nicht blos d>e Liebe zu ihren Stammesgenossen, sondern auch das Interest« des Königs veranlaßte die Königin Esther, den Feind ihres Volkes aiizuklagen; „wenn wir als Knechte und Mägde verkauft wurden," sprach sie, „ich hätte geschwiegen, doch der Feind beachtet nicht den Schaden des Königs." Pie Juden gingen nirgends unter den Völkern auf, in deren Mitte sie lebten, aber überall wetteiferten sie mit ihnen in der Liebe zum Paterlande, in Erfüllung der Pflichten gegen den Staat und den Lyndesfürsten. Geradezu rührend war die Liebe, mit welcher die Juden Deutschland, trotz der blutigsten Verfolgung, durch welche sie gezwungen wurden, auf dem gastlichen Boden Polens eine neue Heimath zu suchen, an der deutschen Sprache hingen und von ihr nicht ließen; und wie mächtig mußte die Liebe der aus Spanien vertriebenen Juden zu dem Lande gewesen sein, an deffen Glück und Größe sie in selbstlosem Wetteifer mitgearbeitet, wenn sie sich der Sprache jenes undankbaren Landes auch in der neuen Heimath nicht entäußerten und nicht aufhörten, sie mit Lust und Liebe zu pflegen. Ganz zlltreffend war das Bild, welches Haman von den Verhältniffen der damaligen Juden entwarf, überhaupt nicht; daffelbe paßt mehr für die Juden der Gegenwart. Denn gegenwärtig sind die Juden in der That in unzusammenhängende Atome zerspalten und entbehren vollends eines äußeren Bandes, welches sie zusammenhält; selbst die Zahl der Länder ist gering, in welchen die Juden das Bedürfniß fühlen, sich enger aneinander zu schließen oder gar eine Behörde zu schaffen, welcher sie die Wahrung ihrer religiösen Interessen und ihre Vertretung nach außen hin anvertrauten. Einst war es anders und zumal damals, als die Juden in dem großen persischen Reiche lebten, denn damals war Jerusalem und der Tempel daselbst, und das Synhedrium, welches daselbst seinen Sitz hatte, der Mittelpunkt, in dem sich die Juden aller Länder zusammenfanden und blieb ein solcher bis zur Auflösung des Reiches und Zerstörung des Tempels durch Titus, und die Boten, welche die Synhedrialheschlüsse nach allen Ländern trugen und die Juden daselbst namentlich mit der Feststellung des Neumondes und der Festtage bekannt machten, bildeten ein festes Band, das sich während jener ganzen.Zeit um die Juden aller Länder schlang. Und dieses Band verlor nichts an Festigkeit, selbst als das jüdische Volk mit der Zerstörung Jerusalems durch Titus des letzten Schattens politischer Selbstständigkeit verlustig ging. Denn noch während Jerusalem von den Römern belagert wurde, gründete R. Jochanan b. Sakkai dem Synhedrium eine Stätte in dem Lehrhause, welches er zu Jabneh aufrichtete, sicherte ihm dieselbe Autorität, welche jenes in Jerusalem hatte, und gab also den zerstreuten Gliedern des jüdischen Volkes abermals den Mittelpunkt, durch den sie sich ihrer Zusammengehörigkeit bewußt blieben. Dieser schwand allerdings, als mit dem Ende des vierten Jahrhunderts das Patriarchat immer mehr verfiel und endlich ganz erlosch. Aber schon waren die babylonischen Schulen zu Nahardea, Sura und Pumbaditha erstanden, deren Autorität sich die Juden aller Länder beugten, und als im achten und neunten Jahrhundert ün der Spitze derselben die „Gaonim" standen, wurden die Lehrhäuser zu Sura und Pumbaditha für die ganze Judenheit das, was