Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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339 Generation freilich kaum begriffen wird, denn von der Synodehat sie höchstens beiläufig etwas gehört, während sie häufig mit Wehmuth des Gesetzes vom 3. Juli 1869 gedenkt. — Zwischen Jungen und Alten besteht häufig eine Mcinungsverschiedenheit, warum nicht auch über die Synode? Und es mag bei dem Auseinandergchen der Meinungen recht schwer sein, objektiv zu entscheiden, welcher von beiden Theilen mehr im Rechte ist, die Alten oder die Jungen. Da mag es für die Jüngeren ein großer Vortheil sein, sich auf die Autorität eines noch Aelteren berufen zu können; eines Alten, den die Jungen nicht mehr lebend gekannt haben, der aber in seinen Werken jung geblieben ist — Gabriel Riesser. Dem Vizepräsidenten der Frankfurter Nationalversammlung und Reichsjustizminister wird man auch das Deutschthum nicht gut absprechen können, so daß er unter der doppelten Eigenschaft eines hervorragenden deutschen Bürgers und eines Kämpfers für unsere Gleichberechtigung Gehör verdient. Dies sei nur hervorgehoben, um etwaigen Einwendungen zuvorzukommen; an und für sich bedürfen Rieffers Worte nicht der Unterstützung durch die Autorität seiner Person, in ihrer gesunden Auffassung, ihrer klaren und eindringlichen Darstellungsweisc sprechen sie deutlich genug für sich selbst. Schon im Jahre 1831 legte Rieffer dar, daß eine feierliche Reform nicht möglich sei aus folgendem Grundes) „Wo die individuelle Ueberzeugung im Glauben und im ceremonialen Leben, das der Ausdruck des Glaubens ist, sich einen eigenen Weg gebahnt ... da hat sie sich, indem'sie dasPrinzip der Majorität in Glaubenssachen mit vollem Rechte stillschweigend verwarf, auch ihres Stimmrechts zu einem Beschlüsse der Majorität begeben" . . . An der Hand dieses unanfechtbaren Ausspruchs müssen uns die Verhandlungen der Leipziger Synode über die Frage, ob man am Sonnabend fahren dürfe, in der That verfehlt erscheinen. Nicht nur die Casuistik, ob nur zum Gottesdienst oder auch zum Vergnügen, ob bei Alter, ob mit Dampf- oder anderen Wagen das Fahren erlaubt sei, muthet uns sonderbar an —, daß man überhaupt eine solche Frage zum Gegenstand einer Synode machen konnte, erregt, wenn wir uns an Rieffer geschult haben, unser Lächeln. Die Lösung der Frage ist nach Rieffer verzweifelt einfach — wer fahren will, fährt, und wer nicht fahren will, fährt nichts) Nur an einem Punkt sind nach Rieffer Aenderungen möglich — im Gottesdienst. „Denn in diesem Punkte ist ein Aneinanderhalten nothwendig, das Verfolgen eines eigenen Weges in diesem Punkte dem Einzelnen unmöglich." — Riesser hat aber nicht nur dargelegt, aus welchen Gründen eine Reform unthunlich, er hat auch ausgeführt, weshalb sie nicht einmal erstrebenswerth sei. — Ihm mißfiel an der Reform das Schielen nach außen. „Jede religiöse Reform muß von innen herauskommen, sie muß einzig und allein aus der Ueberzeugung der Bekenner hervorgehen, 1) Die Citate sind der vortrefflichen Schrift L. Auerbachs: „Das Judenthum und seine Bekenner" entnommen. 2) Vor einigen Jahren bemerkte der Vorsitzende der Synode, Prof. Lazarus, in einem, für den Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums gehaltenen Vortrag über Jochanan den Sacca't: Das Fahren sei eigentlich keine Arbeit; dies heißt, die Weltgeschichte doch zu sehr vom Standpunkte des Fahrgastes betrachten — es ist der Ruhm des Judenthums, daß es auch an den Kutscher und das Pferd gedacht hat. Jedenfalls scheint bei dieser Auffassung der Vorsitzende der Synode mehr in dem befangen zu sein, was man Talmudismus nennt, als manche orthodoxe Kreise. und es darf keinerlei Nebenrücksicht dabei stattfiuden. Eine Religion, die unsere Gebräuche und Satzungen aus irgend einer äußeren Rücksicht, mit irgend einer Beziehung auf bürgerlichen Vortheil, auf die launenhafte Willkür irgend einer Gewalt reformirt, würde den inneren Charakter einer Religion, ihre göttliche Beziehung verleugnen, sie würde aufhören, eine Religion zu sein." Wenn also die Frage aufgeworfen wird: „Heutzutage, wo man sich nicht scheut, das Judenthum als miuderwerth anzuklagen, seine Sittlichkeit anzutasten, heutzutage sollte eine Synode keinen Zweck, keinen Raum mehr haben?" So würde Rieffer umgekehrt der Meinung sein. Gerade deshalb ist kein Raum für eine Synode. Und man darf doch gewiß von Rieffer behaupten, daß sein Judenthum ihm nichts von seinem Deutschthum entzogen hat. Es soll allerdings nicht nur die Rücksicht auf unsere Mitbürger, sondern mehr noch der Blick auf unsere Kinder uns „die Pflicht nahe legen, das Ideale und Ethische im Judenthum zu pflegen und auszubildeu, das uns selbst, mehr noch unseren Kindern fremdartig, veraltet Erscheinende in Außendinge, in altorientalischen Ueberlieferungen auf ihren Werth zu prüfen." — Aber wer ist gehindert, das bei seinen Kindern zu thun? Es ließe sich manches gegen Ritualvorschriften sagen. Bei konsequenter Prüfung hat aber überhaupt jeder vorher bestimmte Gottesdienst an bestimmten Tagen und zu bestimmten Stunde» etwas Konventionelles. Abgesehen davon, daß unser ganzes bürgerliches Leben voll Konvention ist. Weshalb nimmt man gerade hier an der Konvention Anstoß, und weshalb soll gerade dasjenige Quantum Konvention in jüdischen Dingen maßgebend sein, welches eine Anzahl Männer als maßgebend ansehen würde? Es soll vielmehr Jeder nach seiner Faqon selig werden, und wenn wir unserer Mitbürger wegen hier Konzessionen zu machen hätten, so könnte mit demselben Recht überhaupt die Aufgabe unserer Religion als Konzession verlangt werden. Das ist kein Phantom, ein derartiges Ansinnen wird täglich an uns gestellt, ist sogar von einem Mann, wie Professor Mommsen, an uns gestellt worden. In diesem Drang nach Uniformität ist indeffen nicht der berechtigte Ausdruck deutschen Gefühls zu sehen, sondern das Prokrustes-Jdeal des Chauvinismus; bezeichnender Weise ist das englische Volk, bei seiner längeren und stärkeren Ausbildung des Nationalgefühls, von dieser Auffaffung frei. Es giebt viel Aberglauben auch bei Leuten, die sich von allem Ritual freigemacht haben. Wie andererseits eine große Anzahl Orthodoxer in den Tefillin nicht eine Art Amulet sieht, sondern die spiritualistische Mahnung, das Ethische und Ideale im Judenthuin zu Pflegen und hoch zu halten. Man kann Außendinge nie an sich auf ihren Werth prüfen — sondern sie haben ihren Werth nach dem Sinn des Deutenden und Vollbringenden. Die altorientalischen Ueberlieferungen mögen deshalb ungestört bleiben, auch wenn sie keinen Werth haben; sind sie aber an sich nach unserem Empfinden unsittlich'), so ver- ') Bor einigen Monaten führte Prof. Weber aus, das Schächten sei abzuschaffen, auch wenn es keine Thierquälerei sei — es sei eben zur Abschaffung genügend, daß es fremdartig sei. Mir scheint die richtige Entscheidung aber vielmehr zu sein: wenn das Schächten als thierquälerisch überzeugend nachgewiesen würde, könnte es sich überhaupt nicht halten. Nachdem es, wie anscheinend durch eine erdrückende Fülle von Gutachten christlicher Gelehrter nachgewiesen ist, die humanere Schlachtart darstellt, müßte es allgemein eingeführt werden — trotzdem es altorientalisch ist. — Wie ich gerüchtweise hörte, sollen die Gutachlen und die Schriften des Hofraths Dembo Herrn Rechtsanwalt Lehmann von der Güte der Methode überzeugt haben, die er früher als altorientalisch perhorreszirt hat