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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-20 · Heft 29 (20.7.1894) · p. Seite 338

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 29 (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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338 und in Göttingen; es stiegen aber auch in beiden Kreisen die Stimmen der Sozialdemokraten: 1890 1893 Hannover 15789 19538 Göttingen 3052_3950 18841 23488 also um 4647 Stimmen oder 25 pCt, in allen übrigen 17 Kreisen Hannovers zusammen nur um 5064 Stimmen oder 9 pCt. Auch in Thüringen hat sich die Kraft des Antisemitismus zu Gunsten der Sozialdemokraten recht deutlich erwiesen. In den beiden von dem Agitator Gortesleben bearbeiteten Kreisen hat sich die Stimmenzahl der Sozialdemokraten versechsfacht: 1890 1893 Meiningen 146 2646 Eisenach 691 2469 837 5115 Für Jedermann, der unbefangen die Agitation der Antisemiten verfolgte, ist es nichts Unerwartetes, was hier nachgewiesen ist. Das zugkräftigste Agitationsmittel der Judenfeinde bleibt immer, daß sie dem nothleidenden Bauer oder Handwerker, dessen Existenz mit oder ohne seine Verschuldung bedroht ist, sagen, das jüdische Kapital beutet dich aus. Zuerst ist ihm das einleuchtend, der Jude ist ja nun einmal, wenn auch in furchtbarer Verblendung, als der reiche Mann und besonders der reiche Geldmann bekannt, aber allmählich wird auch dem Beschränktesten klar, daß das christliche Kapital ebenso drückt, und er wendet bald den Haß, den ihm die Judenhetzer gegen das jüdische Kapital eingeflößt haben, gegen das Kapital überhaupt, und der Sozialdemokrat ist fertig. Am reinsten zeigt sich dieser Prozeß in Berlin, wo die Antisemiten am längsten und stärksten agitirten, 1884 und 1887 nicht unbedeutende Erfolge erzielten, seitdem aber immer mehr Stimmen an die Sozialdemokraten abgegeben haben, seit 1887 volle 17,000 Stimmen, während die Freisinnigen nur 9000 Stiminen einbüßten. Nie Woche. o Berlin, 17. Juli. einen Anlaß läßt die liebe „Kreuzzeitung" vorübergehen, ohne .JrV den Juden eins zu versetzen. Selbst das Fest zu Ehren Bennigsen's muß für diesen Zweck herhalten. In einem gehässigen Artikel polemisirte sie gegen die Ehrungen, die Bennigsen an seinem siebzigsten Geburtstage zu Theil wurden. Es gehe nicht an, einen Politiker, der ohne Bismarck ein sehr bescheidenes mittelstaatliches Dasein geführt hätte, als einen der Gründer des Reiches zu behandeln. Im Uebrigen habe er nur dekorativ gewirkt, während die beiden Mitbürger mosaischer Konfession, Las ke rund Bamberger» die Klinke der Gesetzgebung in der Hand hatten. Erst seit dem Ausscheiden dieser „Hebräer" sei sein Einfluß maßgebend geworden- Wären wir boshaft, so könnten wir mit dieser Abfertigung der Nationalliberalen, die noch immer nicht den Muth haben, in corpore gegen die Antisemiten aufzutreten, zufrieden sein. $u-> 4 Was doch die Antisemiten ängstlich um unser Heil und um das unserer Kinder besorgt sind! Ziemlich gleichlautend bringen ihre Blätter folgendes Kommunique: Wie wir hören, ist neuerdings mehrfach in jüdischen Kreisen der Wunsch zum Ausdruck gelangt, daß durchweg den „Rabbinern" die Inspektion der jüdischen Elementarschulen übertragen werden möchte. Dieser Wunsch wird voraussichtlich nicht erfüllt werden. Im Hause der Abgeordneten ist früher wiederholt allseitig anerkannt worden, daß den jüdischen Gemeinden keine gesetzliche Bestimmung zur Seite steht, wonach sie die Berufung eines Rabbiners zur Inspektion über ihre Schule als ein Recht in Anspruch nehmen könnten. Ebensowenig nöthigen die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen die Staatsbehörde, die Schulinspektion über eine jüdische Elementarschule dem christlichen Ortsgeistlichen zu übertragen. Die Staatsbehörde ist vielmehr in der Wahl ihrer lokalen Aufsichtsorgane hinsichtlich der jüdischen Elementarschulen nicht beschränkt und kann in jedem einzelnen Falle nach ihrem Ermessen verfahren. Wir haben nichts davon gehört, daß „neuerdings mehrfach" der Wunsch ausgesprochen worden sei, den Rabbinern, vor denen übrigens jene Herren eine höllische Furcht haben, die Inspektion der Schulen durchweg zu übergeben. * Ein offizielles Telegramm aus Petersburg meldet die seltsame Nachricht, daß beim Departement für die geistlichen Angelegenheiten fremder Konfessionen eine besondere Kommission, bestehend aus einem Präsidenten und vier israelitischen Mitgliedern, eingesetzt werden soll, welche über spezifisch jüdische Religionsfragen zu entscheiden haben wird. Mit dieser Kommission soll, wie es scheint, ein Ressort wieder ins Leben gerufen werden, das bereits unter Kaiser Nikolaus I. zu dem Zwecke bestand, um die jüdische Konfession einer verschärften Polizei-Aufsicht zu unterstellen. Vor Kurzem noch hat in Petersburg eine vom Ministerium des Innern einberufene Rabbiner-Kommission getagt, welche eine Reihe rein jüdischer Religionsfragen zur Lösung vorgelegt wurde. Die Kommissions-Mitglieder bezeichneten jedoch dieselben zum großen Theil als gegen die jüdische Religion gerichtete Maßnahmen und leiteten sie an das Ministerium zurück. Mit dem kürzlich erfolgten Tode des aufgeklärten Direktors des Departements für die Angelegenheiten fremder Konfessionen, Fürsten Kantakuzen-Speranskij, scheint die Rabbiner-Kommission ihren einflußreichen Fürsprecher beim Ministerium des Innern verloren zu haben, denn so lange Fürst Kantakuzen-Speranskij am Leben war, wollte er von einer Rückkehr zum bekannten „Jüdischen Komitee" aus der Regierungszeit Nikolaus' I. nichts wissen. Nunmehr ist diese Rückkehr bevorstehend, und man muß es lebhaft bedauern, daß das russische Ministerium des Innern, welches erst kürzlich durch seine Gouverneure die Mohammedaner in Rußland versichert hat, daß die russische Regierung die Freiheit der Religionsübung niemals antasten werde, gegen die jüdische Konfession eine Sonder-Kommission ins Leben ruft, die unter dem Einflüsse des Heiligen Synod stehen dürfte. Was haben da unsere hartgeprüften russischen Glaubensbrüder zu erwarten! Vor fünfundzwanzig Jahren. Eine Erwiederung von Dr. Heinrich Meyer Cohn.0 m 3. Juli d. I. waren 25 Jahre seit Erlaß jenes Bundesgesetzes verflossen, welches zwar niemals volle Wirksamkeit erlangt, aber wenigstens auf dem Papier unsere Gleichberechtigung festgesetzt hat. Das Gesetz hat auf die deutsche Judenschaft keinen tiefen Eindruck gemacht, es schien mehr den vorhandenen Zustand gesetzlich auszudrücken, als etwas Neues zu schaffen. Um so mehr hat ein anderes Ereigniß die Judenschaft damals erregt: die Leipziger Synode. Eine Erregung, die von der jungen 0 Siehe Allgem. Zeitung des Judenthums S. 314 ff.

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